02.05.11

Immunabwehr

Vier von fünf Menschen tragen Pilz-Erreger im Darm

Pilz-Erreger im Darm sind gefährlich, wenn sie sich unkontrolliert vermehren – das Problem: Die Behandlung mit Antibiotika schwächt die Darmflora.

Foto: pa/chromorange
Bauch einer jungen Frau
Pilze und andere Keime stürzen sich auf Nährstoffe im Darm und entziehen dem Körper lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe.

Vier von fünf Menschen tragen Pilz-Erreger in ihrem Darm. Selbst Kinder und Säuglinge sind betroffen. Das klingt bedrohlich, ist aber zunächst einmal kein Grund zur Sorge - solange die Pilze nicht überhandnehmen und solange das ökologische Gleichgewicht im Darm stimmt, wie Professor Richard Raedsch, Internist am St. Josefs-Hospital Wiesbaden und Sprecher des Berufsverbandes Deutscher Internisten, erklärt: "Riskant wird es aber, wenn das Immunsystem geschwächt ist und sich die Pilze unkontrolliert vermehren können."

Denn dann kann eine Pilzinfektion, genannt Soor, die Haut befallen und dazu führen, dass sich vor allem Hautfalten beispielsweise unter den Achseln oder in der Analregion, aber auch die Mund- und Rachenschleimhaut, Speiseröhre oder Geschlechtsorgane schmerzhaft entzünden. Gefährdet seien vor allem Menschen mit Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, aber auch Patienten mit Diabetes oder Krebs, sagt Raedsch. Selbst ganz gewöhnliche hormonelle Umstellungen - etwa während Schwangerschaft oder Menopause - könnten das Immunsystem schwächen.

Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen Medikamente wie Antibiotika, Kortison oder auch Immunsuppressiva, die bei schwerem Asthma oder auch nach Organtransplantationen verabreicht werden. Diese Mittel sollen und können Bakterien abtöten. Dabei rücken sie nicht nur "schlechten" sondern auch "guten" Bakterien zu Leibe, die zum Beispiel Pilzsporen unschädlich machen.

Das ökologische Gleichgewicht zwischen Pilzen und Bakterien wird gestört und die Pilze haben leichtes Spiel. "Oft beginnt damit ein Teufelskreis", sagt Frank Herfurth vom Verband Unabhängiger Heilpraktiker in Köln. "Das Immunsystem verwendet viel Energie auf den Hefepilz und diese Energie steht nicht mehr für die Immunabwehr zur Verfügung."

Pilze und andere Keime stürzten sich zudem auf Nährstoffe und entzögen dem Körper lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe. Im schlimmsten Fall produzierten sie Giftstoffe, die durch die Darmwand in die Blutbahn gelangen könnten. So könne ein sich unkontrolliert vermehrender Darmpilz auch ganz anderen Erkrankungen Vorschub leisten.

"Das sind neben bekannten Pilzerkrankungen und Verdauungsbeschwerden auch weniger bekannte wie beispielsweise Immunschwäche oder Depressionen", berichtet Herfurth. Schulmediziner Raedsch mahnt hier allerdings zur Vorsicht: "Darmpilze sind schon für alle möglichen Krankheiten und Empfindlichkeiten verantwortlich gemacht worden, von Herzbeschwerden über Migräne bis hin zu Libidoverlust. Das lässt sich längst nicht immer wissenschaftlich belegen."

Diagnose per Mikroskop

Für die Diagnose wird eine Pilzkultur angelegt und mikroskopisch untersucht. "Das wird aber nicht standardmäßig gemacht, sondern nur dann, wenn der Verdacht auf Darmpilze naheliegt", sagt Raedsch. So etwa bei Patienten, die immer wieder an Magen-Darm-Beschwerden leiden oder häufig Medikamente einnehmen müssen, die der Darmflora schaden. Dabei wird die Keimzahl pro Gramm im Stuhl bestimmt. Im Normalfall liege sie unter 10.000, erklärt Internist Raedsch.

Als bedenklich gelten, laut Experten, über eine Million Keime pro Gramm. "Was dazwischen liegt, ist zwar nicht besorgniserregend, sollte aber beobachtet werden." Eine weitere, noch genauere Diagnosemöglichkeit ist der sogenannte Candida-Albicans-Antikörpertest, der an Blutserum durchgeführt wird.

Wird der Pilz in einer schädlichen Konzentration nachgewiesen, müsse er sofort mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden, sagt Raedsch: "Sonst kann es zu schweren Entzündungen an Mundhöhle, Speiseröhre, Enddarm und auch im Scheidenbereich kommen, schlimmstenfalls sogar zu einer Pilzsepsis, einer Pilzvergiftung des Blutes, die auch die inneren Organe angreift und sogar zu Organversagen führen kann."

Wenig Zucker essen

Durch kleine Veränderungen der Essgewohnheiten, kann der Betroffene auch ohne Medikamente etwas tun. Denn die Darmpilze verbrauchen für ihren eigenen Stoffwechsel auch Nährstoffe, die der Körper dringend benötigt. Diese Nährstoffe gelte es nach der Behandlung des Pilzes verstärkt zu ersetzen, sagt Herfurth. Dazu zählten vor allem das für das Immunsystem und die Wundheilung wichtige Zink, aber auch Eisen, das für den Sauerstofftransport des Blutes notwendig ist, sowie Calcium für den Knochenaufbau.

Eisen und Zink sind zwar reichlich in Hülsenfrüchten, Haferflocken und Weizenkeimen enthalten. "Aber die wirkungsvollste Quelle ist Fleisch, denn der Körper kann Eisen aus tierischen Lebensmitteln sechs- bis achtmal besser verwerten als Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln", betont Naturheilkundler Herfurth. Calcium wiederum findet sich vorwiegend in Milchprodukten, aber auch in einigen Gemüsearten wie etwa Brokkoli.

Auch Caprylsäure, die laut Herfurth in einer gesunden Darmflora wirkungsvoll Pilze bekämpft, sollte nach einer Pilztherapie zur Stärkung des Darms vermehrt aufgenommen werden. Sie kommt vor allem in Butterfett vor. Gar nicht gut ist dagegen Zucker: Zu viel davon kurbele die Darmpilzvermehrung an. Herfurth bilanziert: "Der wichtigste Hebel, mit dem man einem ausufernden Wachstum von Darmpilz vorbeugen kann, ist die Ernährung."

So wirken Probiotika
Der Name Probiotika verrät bereits, welchen Nutzen diese Produktgruppe nach Angaben der Hersteller haben soll: Übersetzt bedeutet der Begriff "für das Leben". Während Antibiotika "gegen Leben" wirken und bakteriellen Krankheitserregern den Garaus machen, sollen Probiotika das Wachstum von Bakterien fördern - allerdings nur das der nützlichen Darmbakterien.
Die nützlichen Darmbakterien sorgen dafür, dass die menschliche Verdauung richtig funktioniert, und sind damit wichtiger Bestandteil des Immunsystems.
Bei den Probiotika werden zwei Gruppen unterschieden: Die einen enthalten Bakterien , die anderen Hefepilze . "Die Bakterien, die beispielsweise in probiotischen Joghurtdrinks enthalten sind, gehören zwar nicht zu den typischen Darmbakterien, sollen aber dennoch dazu beitragen, die Verdauung zu verbessern - so bewerben zumindest die Hersteller ihre Produkte", erläutert Schäfer. Einige Arten produzieren darüber hinaus selbst antibiotische Substanzen, die wiederum Krankheitserreger in Schach halten sollen.
Probiotika in Kapselform , die Hefepilze enthalten, fahren eine andere Strategie: Sie sollen die allgemeinen Lebensbedingungen der nützlichen Darmbakterien verbessern, indem sie ihre schädlichen Konkurrenten verdrängen.
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