09.02.11

Entwicklungspsychologie

Lügen und Flunkern bei Kindern ist normal

Dass Kindern keine lange Nase wächst, ist manchmal ein Wunder – bei den vielen Flunkereien. Doch Experten raten: Eltern sollten nicht zu streng sein.

Foto: dpa
Notlüge
"Ich hab die Schokolade nicht, Mama!" Solche und andere Flunkereien gehören zur Entwicklung des Realitätssinns dazu

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht: Wenn Kinder flunkern, geraten Eltern in Alarmbereitschaft. Doch Vorwürfe, lange Diskussionen oder Bestrafungen führen in der Regel nicht zum gewünschten Erfolg.

Im Gegenteil: Wenn Kinder Angst vor Streit oder Strafe haben, lügen sie oft noch mehr. Eltern sollten deshalb immer zuerst nach den Ursachen suchen. Denn hinter (fast) jeder Lüge steckt auch eine Absicht.

«Lügen sind tabu» - so lautet das Erziehungsziel vieler Eltern. Ein Motto, das zum Scheitern verurteilt ist, denn: «Das Spiel mit der Wahrheit gehört zur kindlichen Entwicklung», sagt Karin Hauffe-Bojé, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychatrie in Bremen. Doch wann ist das Flunkern harmloses Spiel und wann fängt bewusstes Lügen an?

«Bis zum vierten Lebensjahr können Kinder zwischen wahr und unwahr noch keine korrekte Trennung ziehen», erklärt Hauffe-Bojé. Dazu kommt die fehlende Fähigkeit, Situationen zu überblicken.

Hauffe-Bojé gibt ein Beispiel: «Nimmt eine Vierjährige dem großen Bruder etwas weg und der schubst sie deswegen, erinnert sich die Kleine danach nur an den fiesen Schubs.» Dass ihr Verhalten zuvor die eigentliche Auslösersituation war, ist der Vierjährigen nicht bewusst. «Für Erwachsene erscheint die Reaktion des Kindes wie eine Lüge, für das kleine Kind ist es aber gefühlte Realität.»

Erst ab fünf, sechs Jahren ist das kindliche Bewusstsein so weit fortgeschritten, dass Kinder auch gezielt ausprobieren, ob sie mit «Veränderungen der Wahrheit» Erfolg haben. Hinter dem Rücken der Mama mopsen sie grinsend ein Stück Schokolade oder behaupten mit Lächeln und Augenaufschlag, schon längst die Zähne geputzt zu haben. «Diese Flunkereien sind harmlos und absolut nicht böse gemeint», sagt Annette Kast-Zahn, Diplompsychologin in Ratingen bei Düsseldorf.

Tatsache ist: Lügen sind immer mit Absichten verknüpft. Günther Reich von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Göttingen empfiehlt Eltern deshalb, nicht gleich loszuschimpfen, wenn sie eine Lüge entlarven: «Überlegen Sie, warum Ihr Kind zu einer Lüge greift.»

Vielleicht stecke ein geringes Selbstwertgefühl dahinter oder das Gefühl, nur mit einem reichen Papa Freunde im Kindergarten zu finden. «Vielleicht neigen die Eltern auch zu Übertreibungen, ohne sich dessen bewusst zu sein, und das Kind ahmt dieses Verhalten nach», sagt Reich.

Wenn Kinder hingegen schlechte Schulnoten oder das kaputte Fahrrad verschweigen, könnte Angst vor Strafe dahinterstecken: «Die Lüge wird dann zum Schutz für das Kind.» Vielleicht erinnern sich Eltern tatsächlich an Momente, in denen sie überreagiert oder Fehlverhalten mit heftigen Strafen belegt haben.

Eltern sind bei solchen «Strafvermeidungs»-Lügen gut beraten, das Gespräch mit ihrem Kind zu suchen: «Warum hast du uns denn nicht gleich die Wahrheit gesagt?» Wenn das Kind zugibt, sich nicht getraut zu haben, gilt es Mut zu machen. «Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen immer alles sagen darf», sagt Kast-Zahn. Ganz wichtig sei es auch, die Kinder zu loben, wenn sie die Wahrheit sagen. «Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie es gut finden, wenn es zu seinen Fehler steht», sagt Reich.

Generell sei es bei Lügen sinnvoll, im Eltern-Kind-Gespräch Konsequenzen zu formulieren. Wer zum Beispiel immer vorgibt, die Zähne geputzt zu haben, ohne es tatsächlich getan zu haben, muss zukünftig im Beisein der Eltern putzen. Werden die Regeln dann wieder wie vereinbart eingehalten, könnten Eltern die Zügel wieder lockerer lassen.

Die Erziehungsmethoden der "Tigermama"
Über Nacht ist Amy Chua zu einer der berühmtesten Mütter Amerikas geworden. Auslöser ist das provokante Erziehungsbuch der chinesischstämmigen Amerikanerin und Jura-Professorin. Die 48-Jährige vertritt die These...
.... der chinesische Erziehungsdrill, der auf permanente Höchstleistung setzt, sei dem westlichen Modell der individuellen Entfaltung des Kindes weit überlegen.
Ihre Erziehungsbeispiele lösen Empörung aus. Etwa diese:
Für ihre Töchter stellte Chua zehn strikte Verbote auf. So durften die Mädchen angeblich nie bei Freundinnen übernachten oder auch nur Kinderpartys besuchen.
Als ihre jüngste Tochter Lulu drei Jahre alt war, setzte ihre Mutter sie bei minus sechs Grad vor die Tür. Grund: Das Kind hatte nicht so Klavier gespielt, wie sie es verlangt hatte.
Chua nannte ihre ältere Tochter Sophia einmal "Müll", weil diese sich frech gegenüber der Mutter verhielt.
Täglich mussten die Töchter mindestens fünf Stunden ihr Instrument üben, Sophia Klavier und Lulu Geige.
Quelle: dpa/db
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