01.05.10

Verseuchte Golfküste

Sechs Millionen Dollar kostet die Ölpest Tag für Tag

Neben den Schäden für die Natur verursacht die Ölpest auch einen riesigen wirtschaftlichen Verlust. Allein der Konzern BP, dessen Bohrinsel das Desaster auslöste, schätzt die Kosten auf sechs Millionen Dollar – täglich. Zudem droht eine Klagewelle. Die Katastrophe könnte bald zu den teuersten überhaupt gehören.

Foto: REUTERS

Alle Fischerboote sind im Hafen. Aufgrund der Ölpest gibt es ein Fangverbot im Golf von Mexiko.

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Sie wollten die Guten sein. Zwei Buchstaben sind einer Blume als Logo gewichen. BP wollte immer zeigen, dass auch Ölkonzerne ökologisch arbeiten können. Doch dann explodierte erst eine Raffinerie des Unternehmens, dann leckte eine Pipeline. Und jetzt schwimmen Tausende Tonnen Öl aus einer BP-Quelle im Golf von Mexiko.

Der Schaden ist immens für den Ölkonzern und die anderen beteiligten Unternehmen. Auf mehrere Hundert Millionen Dollar schätzt BP allein die direkten Kosten des Unglücks. Und das ist noch längst nicht alles: Der Imageschaden könnte die direkten finanziellen Belastungen in den Schatten stellen. Eine Gefahr, der sich BP-Chef Tony Hayward offensichtlich bewusst ist: "Wir werden an unserer Antwort auf dieses Unglück gemessen werden", sagte er der "New York Times". Folglich verspricht der BP-Chef, die gesamten Ressourcen des Konzerns zu mobilisieren. Mehr als 2500 Helfer sind nach Angaben des Unternehmens im Golf von Mexiko aktiv. Sechs Millionen Dollar kostet der Kampf gegen die Ölpest den Konzern schätzungsweise pro Tag.

Und bei diesen Kosten wird es nicht bleiben. Noch sehen sich die weltweit führenden Rückversicherer Munich Re und Swiss Re zwar nicht in der Lage, den Gesamtschaden des Unglücks auf der Deepwater Horizon zu beziffern. Unfälle auf Ölplattformen haben in der Vergangenheit teilweise gewaltige Summen verschlungen. Die Explosion auf der Plattform Piper Alpha vor Großbritannien 1988 kostete allein die beteiligten Versicherungen in heutigen Preisen 3,6 Milliarden Euro. In den Statistiken der Swiss Re ist dies die zweitteuerste von Menschen verursachte Katastrophe aller Zeiten – teurer waren nur die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York.

Dabei trat bei Piper Alpha bei Weitem nicht so viel Öl aus wie nun im Golf von Mexiko. Die Umweltkatastrophe wird weitere wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen, die sich bislang kaum beziffern lassen. Ersten Schätzungen zufolge könnte allein die Beseitigung des Öls zwei bis drei Milliarden Dollar kosten. Dazu kommen Einnahmeausfälle der Fischer und der Tourismuswirtschaft – deren Schäden könnten sich auf mehr als fünf Milliarden Dollar summieren.

Wer das alles zahlen muss, darüber zeichnet sich schon jetzt ein handfester Streit zwischen den beteiligten Unternehmen ab. BP-Chef Hayward versprach zwar, man werde die Verschmutzungen im Golf von Mexiko beseitigen und die Betroffenen entschädigen: "Wir übernehmen die volle Verantwortung für den Ölteppich." Was jedoch nicht ausschließen dürfte, dass BP versuchen wird, die übrigen Beteiligten in Regress zu nehmen.

Denn der Ölkonzern hat die havarierte Plattform nicht selbst betrieben, dies war Sache des Schweizer Unternehmens Transocean. Schätzungen über die Folgekosten habe er noch nicht, über deren Versicherbarkeit könne er keine Angaben machen, sagte Transocean-Sprecher Guy Cantwell auf Anfrage der "Welt am Sonntag". Die Ölplattform selbst sei mit über 460 Millionen US-Dollar versichert. Ebenso habe man für Abbau und Entsorgung der Plattform finanzielle Vorsorge getroffen. Vermutlich wird weit mehr Geld nötig sein.

Nach außen demonstrieren die beteiligten Unternehmen noch Einigkeit. "Wir arbeiten bei den Untersuchungen über die Ursachen des Unglücks sehr eng mit BP zusammen", sagte der Transocean-Sprecher. Hinter den Kulissen jedoch brodelt es. Im Umfeld des Schweizer Plattform-Betreibers wird gesagt: "Es ist BPs Quelle und es ist deren Öl." Im Ölkonzern verweist man dagegen hinter vorgehaltener Hand zurück auf den Plattform-Betreiber und zieht eine Analogie zur Baubranche: "Wir sind nur die Grundstückseigentümer, für operative Pannen ist der Baukonzern verantwortlich." Man legt in London Wert auf die Feststellung das "Transocean Betreiber und Eigentümer der Plattform" ist – und nicht die BP.

Auch die texanische Firma Cameron, Hersteller des schadhaften Ventils, das das Ölleck verursacht hat, dürfte noch Ziel von Schadenersatzansprüchen werden. Noch unübersichtlicher wird die Lage dadurch, dass BP nicht alleiniger Eigentümer des Ölfelds ist – zwei weitere Unternehmen halten Minderheitsanteile.

Solange aber die Verantwortung ungeklärt ist, ziehen sich Investoren aus allen beteiligten Firmen zurück. Die Aktien von BP haben seit der Explosion auf der Bohrinsel 14 Prozent an Wert verloren, die Anteile von Transocean 20 Prozent.

Analysten schätzen allein den finanziellen Schaden für BP auf 700 Millionen Dollar. Noch mehr beunruhigt aber auch die Finanzmärkte der Imageschaden – und der wird in jedem Fall in erster Linie BP treffen. Das kann die wirtschaftlichen Einbußen schnell vervielfachen: Aus Sicht der Anleger wächst die Gefahr, dass der Konzern künftig bei der Vergabe von Förderlizenzen häufiger leer ausgeht.

Ölpest – die schlimmsten Fälle
Der Untergang der Bohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko war folgenschwer. "Welt Online" gibt einen Überblick über andere Ölkatastrophen, die Schlagzeilen machten.
Beim gemessen an der Ölmenge bislang schwersten Unfall weltweit verlor 1979 die "Atlantic Empress" vor der Karibik-Insel Tobago 287.000 Tonnen Rohöl. Um das empfindliche Ökosystem an der Südküste des US-Bundesstaates Alaska für Jahre nachhaltig zu schädigen, reichten 1989 knapp 40.000 Tonnen Rohöl aus dem verunglückten Tanker "Exxon Valdez".
Die folgenreichste Ölkatastrophe in Europa ereignete sich 1978 vor der Küste der Bretagne (Frankreich), als 223.000 Tonnen Rohöl aus der aufgelaufenen "Amoco Cadiz" die Strände verschmutzten.
Die bisher schwerste Ölpest an der deutschen Küste verursachte 1998 der vor der Nordseeinsel Amrum gestrandete Holzfrachter "Pallas": 16.000 Seevögel verendeten, nachdem knapp 100 Tonnen Schweröl ins Wattenmeer gelaufen waren.
Beim schwersten Unglück auf Förderplattformen der vergangenen Jahre flossen 2009 etwa drei Monate lang von der brennenden Bohrinsel "Montara" insgesamt 4500 Tonnen Rohöl in die Timor-See vor Australien. Der Ölteppich erreichte eine Fläche von 25.000 Quadratkilometern.
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