Grammys
Eine Hommage an Houston, in Würde und Virtuosität
Der Geist Whitney Houstons, die nur Stunden vor Beginn der Grammys starb, verließ die Preisverleihung nie. Doch trotz aller Nachrufe versank die Show nicht in Trauer.
Von Uwe Schmitt
Die Preisverleihung begann mit einem Gebet für Houston. "Wir haben einen Tod in unserer Familie", sagte Gastgeber LL Cool J.
Vom ersten Bruce-Springsteen-Song um 20 Uhr Ostküstenzeit bis zur letzten Beatles-Beschwörung Paul McCartneys ("The End") gegen halb zwölf Uhr nachts verneigten sich die alten und die jüngeren Stars der Musikwelt vor Whitney Houston, ob in Hommagen oder stillschweigend.
Der Geist Houstons, die kaum 25 Stunden vor Beginn der 54. Grammy-Verleihung in ihrem Hotelzimmer in Beverly Hills starb (unter Einwirkung von Medikamenten in der Badewanne ertrunken, sagten erste Gerüchte), verließ die Preisverleihung niemals.
Doch zur Totenwache, wie manche vermutet hatten, wurde die Party auch nicht. Das Musikgeschäft lebt seit langem innig mit seinen zu früh Gestorbenen, ob sie dem "27er-Club" angehören wie Hendrix, Morrison, Joplin und Winehouse, oder dem der Fast-Fünfzigjährigen wie Elvis. Die Show musste schon immer weitergehen.
Die Grammys begann mit einem Gebet, wie es nur in Amerika denkbar ist: LL Cool J, der Moderator, war kaum eine Minute auf der Bühne, als er es würdig und geschäftsmäßig hinter sich brachte: "Es gibt keinen Weg, der an einem Gebet für unsere gefallene Schwester vorbeiführt".
"Whitney, wir werden Dich immer lieben"
Lady Gaga in Netzmaske, McCartney, der zu Springsteen noch tanzend gerockt hatte, wurden still und senkten ihr Haupt zu LL Cool Js Gespräch mit dem Vater im Himmel. Es war kurz. Dann war es getan, und der Abend begann mit einem "Whitney, wir werden Dich immer lieben" und stehendem Applaus für Adele.
Es wurde, trotz der Nachrufe, ihr Abend mit erstaunlichen, verdienten sechs Grammys. Adele dankte in einer Art Stoßgebet ihren Ärzten, die ihr die Stimme wiedergeben hatten. Die Stimme, die im Jahr 2011 mit "21" buchstäblich die Welt zum Zuhören gezwungen hatte. Adeles offenkundige Nervosität hatte etwas beruhigend Lebendiges und Drogenfernes.
Die verstummte Stimme Whitney Houstons, die, wenn man ehrlich ist, schon lange verloren gewesen war, ertönte noch einmal in einem Rückblick auf einen ihrer vielen Grammy-Auftritte. "I will always love you", Dolly Partons zur ultimativen Soulpop-Hymne gestemmte Country-Ballade, wird für die meisten ihrer Bewunderer Houstons Kennung bleiben.
Jennifer Hudson wagte sich an "I will always love you"
In Amerika steht sie in scharfer Konkurrenz mit Houstons Ermächtigung des "Star-Spangled Banner" beim Super Bowl 1991. Mühelos, mit einer Marching Band als Begleitung, wie eine zufällig vorbeigelaufene Joggerin in einem weißen Trainingsanzug, jauchzt eine lachende Whitney Houston die Hymne auf so unerhörte und seither nie mehr gehörte Weise, dass sie ein Stadion und ein Land, das gerade im ersten Golfkrieg lag, hinriss.
Jennifer Hudson hatte sich nach der Todesnachricht bereit erklärt, die Hommage an Houston zu singen. Es gibt nicht viele Sängerinnen, denen man den Mut und die Stimmkraft zutrauen darf, als Nachruf "I will always love you" a capella zu wagen.
Als Hudson um 22.43 Uhr zu Singen anhob, hatte vor ihr Stevie Wonder einen letzten Gruß an Houston gerichtet. Aber auch er verharrte nicht in Trauer, nach der Verneigung vor der Toten kam die Umarmung des lebendigen Paul McCartney. Niemand hätte es Jennifer Hudson an Würde und Virtuosität gleichtun können.
Autopsie der Leiche und Zusammenbrüche der Tochter
Draußen, im Los Angeles der realen Welt, waren an diesem Tag die Untersuchungen der Todesursache weitergegangen. Die Autopsie soll abgeschlossen, das Ergebnis wegen der toxikologischen Untersuchungen erst in einigen Wochen zu erwarten sein. Von verschreibungspflichtigen Medikamenten ist die Rede, von möglichem Ertrinken, von 20 Minuten langen Reanimations-Versuchen.
Die 18 Jahre alte Tochter Houstons, Bobbi Kristina, soll selbst mit einem hysterischen Zusammenbruch mehrfach in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Auch sie soll Drogenerfahrung haben. Die schockierte Familie sorge sich um sie, heisst es. "Keine Worte, nur Tränen", hatte die Sängerin Rihanna getweetet.
Paul McCartney hatte bei den Grammys das letzte Wort mit "The End": "And in the End/ The love you take/ Is equal to the love you make: Am Ende/ Ist die Liebe, die du nimmst/ gleich der Liebe, die Du machst."
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