Tod mit 48
Whitney Houston - eine Erinnerung an la Diva
Whitney war la Diva, Whitney war die Größte. Und sie war auch ein ausgebuhtes Wrack, das man auf der Bühne zerbrechen sah – ein Nachruf von Mathias Döpfner.
Whitney Houston, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Königin des Pops gefeiert, starb im Alter von 48 Jahren.
Ich sitze im Hafencafé von Mangaratiba, einem ehemaligen Piratendorf in Südbrasilien. Es regnet. Dahinten, in einer Kapelle singen Kinder ein brasilianisches Lied auf die Melodie von "O Tannenbaum". Auf dem Handy lese ich, dass Whitney Houston tot ist.
Ich habe sie zweimal auf der Bühne erlebt. Einmal in Frankfurt, 1988, auf dem Höhepunkt ihres Könnens und ihrer Karriere. Da stand sie in der riesigen Messehalle, ein bisschen schüchtern, aber glühend präsent, als hätte die Sonne selbst einen Splitter von sich auf die Bühne geschleudert.
Whitney Houston sang ihre Hits und dann ein Gospel-Medley, selbstvergessen improvisierend, mit einer Stimme, die vor Lust und Kraft über den schmalen Körper hinauszuwachsen und sich wie eine Naturgewalt daneben zu stellen schien, irgendwann für ein paar Sekunden ganz ohne Mikrofon die Halle füllend. Der Saal tobte. Whitney, la Diva, Whitney, die Größte.
Die gefallene Diva, ein Wrack
Das zweite Mal habe ich sie 2010 in Berlin gesehen, bei ihrem Comebackversuch . Es war die Inszenierung einer Demütigung. Singen konnte sie nicht mehr, unvorteilhaft gekleidet schob sie ihren aufgedunsenen Leib über die Bühne, probierte die alten Songs, krächzte, lachte, schimpfte und rang um einen Funken Anerkennung und um das, wovon und wofür sie immer gelebt hat: um Liebe, genauer, um die Liebe ihres Publikums.
Aber das Publikum liebte nicht, es lachte. Es buhte und verließ unter Protest den Saal. Whitney, die gefallene Diva, Whitney, das Wrack.
An diesem Tag konnte man Whitney Houstons Todesursache studieren. Offiziell, medizinisch mögen es die Folgen von Drogenmissbrauch gewesen sein, in Wahrheit starb sie an gebrochenem Herzen, an Liebesentzug. Man sah auf der Bühne einen Menschen zerbrechen, vom Publikum – sachlich sicher berechtigt, aber gefühlskalt und brutal – zurückgewiesen.
Whitney Houston war eine der größten Soul- und Pop-Sängerinnen aller Zeiten. Aretha Franklin mag künstlerisch noch prägender gewesen sein – rein vom stimmlichen Material und der gesanglichen Musikalität bewegte sich Whitney Houston auf Augenhöhe. Hinzu kam ihre geradezu unwirkliche Schönheit, die ihr schadete. Wer so gut aussieht, kann kein großer Künstler sein, wusste der Zeitgeist der Achtzigerjahre.
"I Will Always Love You"
Whitney Houston hat unter dieser letztendlichen künstlerischen Nichtanerkennung immer gelitten. Und auch deshalb den Ausschlägen der Gefühlsamplitude ihres Publikums nicht standgehalten. In einem Fernsehinterview wurde sie vor vielen Jahren auf ihre Rolle als Diva angesprochen: "Ich will keine Diva sein", antwortete sie und weinte. Gestorben ist sie als die Callas des Soul.
Ein trauriges Künstlerleben. Und ein glückliches. Sie hat Millionen von Menschen für einen entscheidenden Moment verzaubert.
Auf dem schräg von der Decke hängenden Fernseher des Hafencafés von Mangaratiba ist plötzlich das Gesicht von Whitney Houston zu sehen, sie singt " I Will Always Love You ". Die Kinder, die aus der Kirche gekommen sind, gucken gebannt.
Mathias Döpfner ist Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG
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