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21.01.12

ARD-Vorabend-Show

Gottschalk, der Heilsbringer aus der Berliner Nacht

Am Montag startet Thomas Gottschalks neue Vorabend-Show aus Berlin. Doch warum tut sich der "Wetten, dass..?"-Moderator das noch an? Am Geld jedenfalls kann es nicht liegen. Die Chancen, dass "Gottschalk live" floppt, sind groß.

© dapd/DAPD
Kinderdienst: Thomas Gottschalk startet mit neuer Sendung im Ersten
Der Mann für die guten Nachrichten: Thomas Gottschalk

Der Trailer: Ein Mann mit Dreitagebart fährt im Fond einer Limousine sitzend durchs nächtliche Berlin. Während Siegessäule, Reichstag und Brandenburger Tor an ihm vorbei fliegen, zählt eine Stimme aus dem Off einige der beruflichen Stationen ("Dieser Mann war Mr. Morning und Mr. Late Night …") des Nachtschwärmers auf. Als der Wagen sein Ziel erreicht hat, dreht sein Fahrgast sein Gesicht in die Kamera und sagt: "Das war erst das Warm-Up. Jetzt beginnt die Show."

Das ist nicht nur ziemlich dick aufgetragen, sondern schlicht geflunkert. Denn der Mann ist Thomas Gottschalk, und die Show, von der er spricht, heißt "Gottschalk live". Sie läuft ab Montag um 19.20 Uhr viermal die Woche im Vorabendprogramm der ARD. Sie wird von Werbeblöcken zerhackt. Auf ihrem Sendeplatz ist bisher noch so ziemlich jeder gescheitert. Kann es tatsächlich sein, dass eine der erfolgreichsten Karrieren, die es im deutschen Fernsehen je gegeben hat, nicht mehr ist als eine Aufwärmübung für eine Vorabendshow, bei der nach nur 22 Minuten netto schon wieder der Vorhang fällt?

Er will es sich noch einmal beweisen

Natürlich nicht. Und deshalb fragt sich die Branche schon seit Wochen, warum sich Gottschalk die Sendung überhaupt antut. Am Geld kann es nicht liegen. Davon hat er genug. Deshalb ist es auch völlig egal, ob er, wie das "manager magazin" zu wissen glaubt, für die Show sechs Millionen Euro im Jahr bekommt oder ob es – wie Gottschalk dem "Stern" anvertraute – keine vier Millionen sind. Beweisen muss sich der Mann, der mit "Wetten dass..?" jahrelang erfolgreich die letzte große deutsche Samstagabendshow moderiert hat, ohnehin nichts mehr.

Es ist wohl eher so, dass Gottschalk sich mit 61 Jahren noch zu jung für das Altenteil fühlt. "Ich hab ja versucht, mir die Rente schönzureden", sagt er, "aber je näher sie kam, umso mulmiger wurde mir." Vielleicht ist "Gottschalk live" ja das Symptom der verspäteten Midlife-Crisis eines Berufsjugendlichen.

Gottschalk ist natürlich viel zu sehr Profi, als dass er nicht wüsste, wie schnell es auch für ihn mit einem neuen Format vorbei sein kann. Wenn die Sendung in der Sommerpause ist, will er in sein Haus im kalifornischen Malibu fliegen. Zurück kommt er nur, "wenn die Show funktioniert". Das tut sie, wenn ihr Marktanteil bei mindestens acht Prozent liegt. Gottschalk selbst hat "den Ehrgeiz, zweistellig zu werden".

Dass er überhaupt von Quotenzielen spricht, von eigenen und von selbst gesteckten, zeigt, wie selbstbewusst er ist. Denn natürlich weiß Gottschalk, dass ihm die Presse jeden Zehntelprozentpunkt, den er von diesem Ziel abweicht, genüsslich unter die Nase reiben wird. So abgeklärt dürften sie beim Ersten kaum sein. "Gottschalk live" muss ein Erfolg werden, koste es, was es wolle.

Die vielen Fehlschläge der ARD

Zu groß war zuletzt die Zahl der Fehlschläge, als dass die ARD sich einen weiteren leisten könnte: Jörg Pilawa und Harald Schmidt gingen an das ZDF und an Sat.1 verloren. Nicht mal einen Oliver Pocher konnte man halten. Zwar kam Günther Jauch. Doch seine Talkshow hat die Quoten der Sendungen von Reinhold Beckmann, Anne Will, Frank Plasberg und Sandra Maischberger in den Keller rutschen lassen.

Unterm Strich hat der prominente Neuzugang nichts gebracht. Und weil zudem am Vorabend die neue Schmunzelkrimi-Reihe "Heiter bis tödlich" ebenso floppte wie Kai Pflaumes Quiz "Drei bei Kai", kam das Erste 2011 nur auf einen Marktanteil von 12,4 Prozent – den schlechtesten seiner Geschichte.

Deshalb inszeniert die ARD Gottschalk im Werbetrailer als Heilsbringer, der aus der dunklen Berliner Nacht kommt und das Erste ins Licht führt. Scheitern ist für sie keine Option. Für Gottschalk selbst wäre ein Fehlschlag unschön, mehr aber auch nicht. Er hat ja schon ganz andere Sachen erlebt: 1995 etwa, als sie ihn bei RTL vom Hof jagten, angeblich wegen zu schwacher Quoten seiner Late-Night-Show. Tatsächlich war man beim Kölner Sender wohl nur sauer, dass Gottschalk zu Sat.1 wechseln wollte. Seine Late-Night-Show sahen damals im Schnitt 1,5 Millionen Zuschauer. Davon kann Harald Schmidt heute nur träumen.

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