03.01.13

Steuerflucht

Russische Staatsbürgerschaft - Depardieu ist nun Depardjew

Flucht vor der Reichensteuer: Der Filmstar Gérard Depardieu ist jetzt Russe. Präsident Putin verlieh seinem "Freund" die Staatsbürgerschaft.

Foto: dapd

Im Museum: Wladimir Putin und Gérard Depardieu trafen sich nur wenige Male, 2010 besuchten sie das Russische Museum in Sankt Petersburg
Im Museum: Wladimir Putin und Gérard Depardieu trafen sich nur wenige Male, 2010 besuchten sie das Russische Museum in Sankt Petersburg

Fast könnte man ein bisschen Mitleid mit Daniel Senesael haben. Monsieur Senesael ist der Bürgermeister von Estaimpuis, dem kleinen belgischen Kaff hinter der französischen Grenze, das sich der große Gérard Depardieu vor ein paar Wochen als ständigen neuen Wohnsitz ausgesucht hat. Da ist seitdem die Hölle los. Senesael hat sich zu Neujahr sogar extra in ein Asterix-Kostüm geworfen, um den berühmten Neubürger gebührend zu begrüßen, und seit gestern gibt es einen Videoclip dieses kleinen Happenings auf der Facebook-Seite des Bürgermeisters.

Leider zu spät. Man muss sogar sagen, dass Senesaels schöne Idee, die natürlich darauf basierte, dass Depardieu in drei Asterix-Filmen den Obelix verkörpert hat, komplett untergegangen ist. Verdrängt wurde sie von der Nachricht, dass Russlands Präsident Wladimir Putin seinem "Freund" Gérard Depardieu die russische Staatsbürgerschaft verliehen hat. Per Ukas. Wer das für einen Scherz hielt, konnte es Minuten später auf der Internetseite des Kremls nachlesen: "In Übereinstimmung mit Absatz a des Artikels 89 der Verfassung der Russischen Föderation ist der Antrag auf russische Staatsbürgerschaft von Gérard Xavier Depardieu, geboren 1948 in Frankreich, angenommen worden." In Frankreich stieß die Entscheidung Putins auf viel Häme. So kursiert auf Twitter schon das Bild eines falschen russischen Passes für "Depardjew".

Das ist der bisherige Höhepunkt einer Männerfreundschaft, deren Anfang im Nebel der Geschichte liegt. Tatsächlich war die Öffentlichkeit erst auf diese Freundschaft aufmerksam geworden, als Putin im Dezember mit Blick auf die französische Steuerdebatte erklärt hatte, sein Freund Gérard mache gerade "schwere Zeiten" durch. Nach dem Motto: Depardieu liebe sein Land und dessen Kultur sehr – "Er lebt sie!" –, aber bei einer 75-prozentigen Reichensteuer, wie die Sozialisten sie planten, höre der Spaß natürlich auf. Schon bei dieser Gelegenheit hatte Putin verkündet, wenn Depardieu einen russischen Pass wünsche, sei diese Frage "bereits positiv entschieden".

Auch ein Freund der Usbeken

Im Gegensatz zu Deutschland ist in Frankreich die doppelte Staatsbürgerschaft rechtsgültig. Der Kinostar ist jetzt ein französischer Russe. Oder ein russischer Franzose. Er hätte vermutlich auch ein französischer Usbeke werden können, denn Depardieu wird in der zentralasiatischen Republik geliebt, seit er Usbekistan im November besucht hat. Erstens, um die neue Filmrolle zu besprechen, die er dort demnächst spielen soll, zweitens, um mit der Tochter des Staatspräsidenten ein Duett zu singen, das sich seitdem zum Ohrwurm entwickelt: "Der Himmel schweigt..."

Beim usbekischen Staatspräsidenten Islom Karimov handelt es sich allerdings um einen üblen Diktator, während Wladimir Putin bekanntlich ein lupenreiner Demokrat ist. Was natürlich die bessere Voraussetzung für eine konfliktfreie Männerfreundschaft bildet, deren wichtigste Aspekte der amerikanische Soziologe Stuart Miller in den Achtzigerjahren übrigens folgendermaßen definiert hat: In einer wahren Männerfreundschaft sei der eine bereit, für den anderen ein Risiko einzugehen, und beide könnten mit dem Konkurrenzdenken aufhören.

Wladimir Putin und Gérard Depardieu. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden nichts gemein zu haben. Der eine nimmt morgens gesundheitsbewusst Müsli mit Quark und Honig zu sich, der andere beginnt den Tag "mit einem Schluck Weißwein – am liebsten mit einem weichen Chardonnay oder einem Sauvignon Blanc". Der eine reitet mit nacktem Oberkörper durch Sibirien, um wilde Tiere zu erlegen, der andere ist bis vor Kurzem auf dem Motorrad die Pariser Rue du Cherche-Midi rauf und runter geknattert, in der er bis zu seinem Umzug nach Belgien gewohnt hat. Der eine ist Karatekämpfer und hält sich an die Maxime "Schlag zuerst zu, und schlag so hart, dass dein Gegner nicht mehr aufsteht!". Der andere verhaut Autofahrer, die ihn schief angucken, wenn er beduselt vom Motorrad fällt.

Kein Ärger wegen der Steuerflucht

Tja. Welten scheinen zwischen ihnen zu liegen. Depardieu ist der Ältere. Jahrgang 1948. Putin, der vier Jahre jünger ist, hat sich zweifellos besser gehalten, aber Depardieu ist der vergnügtere von beiden. Ein Barockmensch. Einer, der immer wieder über die Stränge schlägt. Und dem seine Landsleute – in diesem Fall die Franzosen – auch gar nicht übel nehmen, dass er die Steuerflucht nach Belgien angetreten hat. Knapp 70 Prozent der Franzosen finden das absolut verständlich. In Russland gab es dagegen ein geteiltes Echo auf die Einbürgerung. "Gérard Depardieu kennt und liebt Russland, das immer auf ihn gewartet hat", sagte der Präsident der Internationalen Vereinigung russischer Landsleute, Pjotr Scheremetjew. Der Regisseur Wladimir Meschow hingegen, der mit Depardieu den Film "Der Neid der Götter" drehte, sagte: "Das bedeutet nicht, dass er ein russischer Patriot ist."

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