24.11.12

"Dallas"-Star tot

Larry Hagman – Der Mann, den wir zu hassen liebten

Er war der ewige J.R. Ewing. Mit dem fiesesten Lachen Hollywoods eroberte Larry Hagman die Zuschauer. Jetzt starb er mit 81 Jahren.

Von Richard Herzinger
Foto: AFP

Larry Hagman, wie ihn seine Fans kannten und liebten: als Fiesling J.R. Ewing aus der TV-Serie „Dallas“
Larry Hagman, wie ihn seine Fans kannten und liebten: als Fiesling J.R. Ewing aus der TV-Serie "Dallas"

"Ich werde J.R. sein, bis ich sterbe", hat der US-Schauspieler Larry Hagmann, dessen irdisches Dasein am Freitag nach 81 Jahren endete, einmal gesagt. Doch hier irrte er. J.R. Ewing, seine Paraderolle in der legendären TV-Serie "Dallas", wird den Mann, der ihn auf solch unnachahmliche Weise verkörperte, in alle Ewigkeit überleben.

Denn J.R. ist mehr als nur eine Figur in einer trivialen TV-Familiensaga. Er ist eine Ikone der westlichen Welt. Wer nicht von dumpfen antikapitalistischen Ressentiment getrieben oder von Antiamerikanismus befallen ist, der muss den erzbösewichtigen texanischen Ölmagnaten, dem Hagman die unverwechselbare Statur verliehen hat, einfach lieben – gerade weil er so unverhohlen und genussvoll ein Bösewicht war. Ohne den stets intrigierenden, krumme Milliardengeschäfte einfädelnden und den Familienfrieden im Hause Ewing untergrabenden, notorischen Schürzenjäger J.R. wäre "Dallas" nichts gewesen als ein kitschige Soap-Opera über das eitle Leben und Leiden von Reichen und Schönen im Land der unbegrenzten Möglichkeit. J.R. aber fügte ihr ein Element von brachialem Realismus und damit eine parabelhafte gesellschaftsanalytische Dimension hinzu.

Erzkapitalist und Sympathieträger

Wenn J.R. Gutmenschen wie seinen herzenswarmen Bruder, den schönen Bobby, seine stets moralisch empörte Schwägerin, die schmolllippige Pamela oder seinen Erzrivalen, den fahrigen Losertypen Cliff Barnes, wieder einmal aufs maliziöseste hereinlegte und austrickste, zerstörte er damit den Heiligenschein, den sich die bürgerliche Ordnung so gerne selbst verleiht. J.R. lehrte uns dagegen, dass eine offene, freie Gesellschaft keineswegs mit besseren Menschen bevölkert ist als jene, in denen das rücksichtslose Macht des Stärkeren herrscht. J.R. Ewing warnte uns durch sein unermüdliches Bösesein davor, dem Übel so naiv, leichtgläubig und selbstverliebt entgegenzutreten wie die guten Leute, die von ihm aus dem Feld geschlagen wurden. Dabei zeigte J.R. freilich eben solche Nehmer- wie Geberqualitäten, indem er selbst die schwersten seiner durchaus zahlreichen Niederlagen so klaglos wegsteckte, wie er seine Erfolge mit aasigem, höhnischen Lachen und Unmengen von Whisky zelebrierte.

Gerade, dass Hagman als J.R. zeigte, wie schön und genussvoll das Bösesein sein kann, machte ihn ungeachtet seiner vordergründigen moralischen Verdorbenheit beim Publikum zum Sympathieträger. Hagman spielte ruchlosen Erzkapitalisten mit einer feinen komödiantischen Note, durch die er seine Figur gleichsam in ironische Anführungszeichen setzte, ohne sie dabei aber ins bloß Komische zu überzeichnen. Sein J.R., halb Mephisto, halb durchtriebener Harlekin, steht damit in der besten Tradition großer Schurkenfiguren wie Jago oder Richard III., deren Teufeleien die Fantasie des Publikums stets mehr erregte als die edelmütigen Taten vorbildlicher Helden. So ließ J.R. wohl manches Männerherz klammheimlich höher schlagen, wenn er im Bett einer Geliebten das Bonmot zum Besten gab, er habe sich gestern einen besonders ausgefallenen Genuss gegönnt, und wieder einmal mit seiner Ehefrau geschlafen.

Zu J.R. hohen Sympathiewerten trug freilich bei, dass die Opfer seiner Schurkereien selten Schwache und Schutzlose waren, sondern meist ihrerseits Reiche und Mächtige, die nicht besser handelten, sondern nur hochmoralischer daherredeten als er. Dem Publikum bot sich das erhabene Schauspiel, wie sich raffgierige Ölbosse, nimmersatte Bodenspekulanten oder nymphomane Milliardärsgattinnen, wenn sie von J.R. geleimt wurden, plötzlich in Moralapostel verwandelten und vor Entrüstung über die Lasterhaftigkeit des Bösewichts schier platzen wollten. Kaum war das moralinsaure Gewitter jedoch abgeklungen, machten alle wieder Geschäfte mit dem Schurken, und das Spiel begann von vorn.

Liebevolle Genauigkeit

Frei von solcher Heuchelei, stand J.R. Ewing für die schocktherapeutische Wirkung des Egoisten, der die süßliche Soße der Sentimentalität über dem nackten Eigeninteresse weglässt und dieses als problematische Triebkraft zivilisatorischen Fortschritts in Erinnerung ruft. Wäre eine solche Figur wie J.R. in unserer übermoralisierten Welt überhaupt noch möglich? Vermutlich nicht. "Dallas" gehört den frühen 80er Jahren an, einem Zeitalter, als Fernsehen noch Straßenfeger hervorbrachte und als Lehranstalt der moralischen Alltagserziehung der ganzen Familie fungiere. Und als man noch an Erzkapitalisten mit Namen und Adresse glaubte, die auf eigene Rechnung und eigenes Risiko auf Raubzug gehen. Heute sind es mehr oder weniger anonyme Kapitalströme und eine scheinbar im Selbstlauf vollzogene Spekulationsdynamik, die das Bild vom allmächtigen Kapitalismus prägen.

Die liebevolle Genauigkeit, die der Schauspieler Larry Hagman in die Figur J.R.s, des man, they love to hate, legte, ist umso bewunderungswürdiger, als Hagman im Privatleben, trotz gemeinsamer texanischer Herkunft, das ganze Gegenteil von J.R. war. Politisch stand der eingefleischte Gegner George W. Bushs nämlich im linksliberalen Lager, was nicht zuletzt durch sein intensives Engagement für die Solarenergie zum Ausdruck kam.

Auch wenn J.R. für Larry Hagman die Rolle seines Lebens war so hat er doch schon vorher als herausragender Schauspieler von sich Reden gemacht - etwa 1966 in "Die Clique", der Verfilmung des Erfolgsromans von Mary Mc Carthy. Auf keinen FAll vergessen wollen wir seinen hinreißend komödiantischen Auftritt in der 60er-Jahre-Kultserie "Bezaubernde Jeannie". Hagman gab darin den leicht tölpelhaften Astronauten Tony Nelson, dem der Fund einer geheimnisvollen Flasche, welcher ein bildhübscher, blonder (und vollbusiger) weiblicher Geist entsteigt, zum Schicksal wird. Auch diese spielerisch-ausgelassene Serie transportierte freilich eine tiefere Botschaft. Aufs Sympathischste signalisierte die Figur des Tony Nelson das Ende der patriarchalischen Vorherrschaft in der amerikanischen Familie und des Aufstiegs Frau, die ihre mitfühlende Überlegenheit über den Mann durch den Einsatz von Zauberkräften demonstriert.

Das Leben ist ungerecht, und der Tod ist ein Skandal. Selbst der stets heitere, freundliche Larry Hagmann musste sterben, obwohl er doch - vor allem mit J.R. - unsterbliche Figuren geschaffen hat.

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