24.08.12

Nacktfotos

Party-Prinz Harry ist nichts für Spießer

Mit seinem kleiderlosen Auftritt in einem Hotel in Las Vegas sorgt Prinz Harry für Aufregung. Aber warum eigentlich?

Foto: REUTERS
A copy of The Sun newspaper featuring a picture of a naked Prince Harry is seen in a shop in London
Kronjuwelen: Einen Tag hielt sie still – dann druckte die "Sun" die Nacktfotos

Was soll eigentlich die Aufregung über Prinz Harry? Strip-Billard zu spielen ist doch eine eher lässliche Sünde. Da haben sich Mitglieder der königlichen Familie ganz andere Dinge zuschulden kommen lassen. Fragen Sie mal Lady Dianas Reitlehrer. Sich dabei fotografieren lassen ist zwar dumm, aber Intelligenz ist keine Voraussetzung für den Beruf. Im Gegenteil, sie ist eher hinderlich.

Ein Royal sein ist vermutlich die entsetzlichste Existenz, die man sich in Europa diesseits des Gulags vorstellen kann, auch wenn der Käfig, in den diese bemitleidenswerten Menschen eingesperrt sind, vergoldet sind.

Vermutlich gibt es Leute, die den Royals ihr Leben neiden. Klar, die Mitglieder der königlichen Familie haben dicke Apanagen, wohnen in Palästen, fahren große Autos, dürfen sich schick anziehen (und gelegentlich ausziehen), treiben sich an exklusiven Stränden, in luxuriösen Yachten, angesagten Clubs und superteueren Restaurants herum. Alle Leute sagen "Ihre Majestät" zu ihnen (außer im Bett, beim Strip-Billard und ähnlichen Vergnügen) und halten ihnen die Türen auf. Dafür müssen sie sich eingestehen, dass ihr einziger Lebenszweck darin besteht, da zu sein. Genauer: Für andere da zu sein.

Harry zum Beispiel ist nur da, weil sein Vater als Thronfolger seinerseits "an heir and a spare" produzieren musste – einen Thronfolger und einen Ersatz. Das ist Harry. Ersatzthronfolger für den Fall, dass William stirbt, bevor er seinerseits ein Kind zeugt. Harry führt eine Ersatzexistenz. Er darf nichts aus sich machen.

Der britische König, nicht König der Spießer

Würde er Geschäfte machen, hieße es, er nutze seine Stellung aus. Fragen Sie Prinz Andrew. Würde er studieren, hieße es, er sei zu intellektuell, um eines Tages auch der König der Fußballprolls und Sozialhilfeempfänger zu sein, die mittlerweile die Mehrheit der autochthonen Bevölkerung ausmachen. Soldat darf er werden, aber richtig sterben darf er nicht.

Sollte Harry jemals König werden, würde seine Aufgabe darin bestehen, Altersheime, Krankenhäuser, Museen und Autobahnabschnitte zu eröffnen, Diplomaten und Debütanten die Hand zu schütteln, bei der Parlamentseröffnung Reden zu verlesen, die die jeweiligen Premierminister für ihn schreiben, zu nichts eine Meinung zu äußern und zu allem ein Lächeln aufzusetzen, bis er stirbt und in der königlichen Gruft beigesetzt wird. Und natürlich seinerseits einen Erben und einen Ersatzerben zu zeugen. Ein solches Leben kann man mit allen Privilegien der Welt nicht aufwiegen.

Im Übrigen ist der britische König, nicht König der Spießer. Könige gab es in England, da hatten die Protestanten das Spießertum noch gar nicht erfunden. Das Motto des englischen Königshauses heißt seit 1348 "honi soit qui mal y pense" – ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Mit diesem Spruch schuf Eduard III. den Orden, den man in Deutschland den Hosenbandorden nennt, der aber in Wirklichkeit Strumpfbandorden heißt – benannt nach den Strumpfhaltern einer Hofdame, die Eduard vor den versammelten tuschelnden Hofschranzen zurecht rückte. Die Mitgliedschaft in diesem Orden ist die höchste Auszeichnung, die das Staatsoberhaupt zu vergeben hat.

Eduards Vorgänger Eduard II. trieb sich gern nackt mit seinen schwulen Freunden herum. Gut, dafür wurde er abgesetzt und getötet, aber abgesetzt und ermordet werden waren früher halt Berufsrisiken. Heute ist das Berufsrisiko ein Foto in der "Sun". Heinrich VIII. hatte sechs Frauen und ließ die meisten davon hinrichten. Dafür gründete er die Nationalkirche. Jakob I. war Schotte. Dafür förderte er Shakespeare. Charles I. wurde geköpft. Dafür starb er in Würde. Charles II. verwandelte den Hof in ein besseres Bordell. Dafür wurde er abgesetzt. Georg III. war verrückt.

Victoria war zwar Königin der Spießer, daher die Bezeichnung viktorianisch, aber das war sie aus freien Stücken. Schon ihr Nachfolger Eduard VII. war so dekadent, dass ein ganzes dekadentes Zeitalter nach ihm benannt wurde. Kurzum, Royals sind nicht wie du und ich, und das ist auch gut so. Und was die ganze scheinheilige Diskussion in der britischen Boulevardpresse angeht, ob man denn die Fotos zeigen dürfe oder nicht – ob Rücksicht auf die Ehre des Ersatzkronprinzen oder das "Recht des Zeitungslesers auf Information" (als ob dieses Recht jemals die "Sun" oder ihre Leser interessiert hätte!) wichtiger seien: Die Redakteure des Boulevardblatts werden ungefähr so lange gezögert haben, bis die Computer mit der Berechnung der Auflagensteigerung fertig waren. Seit Majestätsbeleidigung nicht mehr mit Köpfen geahndet wird, ist es ohnehin klar, wie solche Gewissenskonflikte ausgehen. Andererseits hat jede Nation die Presse, die sie verdient.

Wir Briten waren immer schon eine Ausnahme in Europa: Etwas lauter, etwas prolliger, etwas antiautoritärer, etwas … anderes halt. Prinz Harry hat – nicht zum ersten Mal – gezeigt, dass er einer von uns ist. Übrigens sieht er nackt ganz gut aus. Kommt wahrscheinlich von seinem Vater. (Nein, nicht Charles. Lesen Sie denn keine Boulevardblätter?) Er hat das Zeug zum König. Schade, dass der Langweiler William vor ihm dran ist. Anderseits. Ein König darf auch ein Langweiler sein. Ein König darf sich alles erlauben. Das ist das einzig Schöne an dem miesen Job.

Alan Posener hat die britische und die deutsche Staatsbürgerschaft inne.

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