21.06.12

Großbritannien

Prinz William wird 30 und muss sich entscheiden

Der britische Thronfolger feiert Geburtstag. Noch hält er sich in der Öffentlichkeit zurück. Doch seine königlichen Pflichten nehmen zu.

Eine deutsche Programmzeitschrift griff im März 2012 der Geschichte um etliche Kapitel voraus. "Süße Überraschung beim Wiedersehen! Kate: William, du wirst Papa!", strahlte die Herzogin von Cambridge vom Titelfoto dem Leser entgegen, die Hand leicht auf den Unterleib gelegt.

Das Spekulieren über die Royals ersparen sich dieselben, schon gar, wenn es aus dem Ausland kommt. Dabei ist die Zeile "William, du wirst Papa!", nicht einmal falsch; irgendwann wird er es ja, wahrscheinlich. Das "süße Geheimnis" wird dann freilich keiner deutschen Illustrierten zur Verkündigung überlassen, sondern kommt als traditioneller Aushang an die Gitter des Buckingham-Palastes. Bis dahin sollten wir uns mit dem befassen, was wir vom übernächsten britischen Thronerben wirklich wissen.

Zum Beispiel, dass er am heutigen Donnerstag 30 Jahre alt wird, ein paar Monate nach seiner Frau. Gemeinhin ein Datum, bei dem der Mensch in tieferes Grübeln versinkt über die Frage, was er denn aus seinem Leben zu machen gedenkt. Zur Nachdenklichkeit gezwungen wurde der Thronerbe freilich schon früher, als seine Eltern, Charles und Diana, sich öffentlich zerfleischten. Das hinterließ tiefe Spuren vor allem beim Ältesten der beiden Söhne.

Zurückhaltung in der Öffentlichkeit

Dass es Prinz William nicht für alle Zeiten verwundete, bezeichnen seine Freunde als das große Wunder seiner Reifung. Geblieben ist der zurückhaltende Umgang mit dem eigenen Erscheinungsbild – der Versuch, Öffentlichkeit auf das Nötigste zu beschränken.

Dazu gehören Staatsbesuche wie der 2011 in Kanada und den USA, gemeinsame Auftritte mit der Großmutter im Jubiläumsjahr oder Stellungnahmen zu seinen Lieblingsthemen wie Umwelt, die bedrohte Tierwelt Afrikas oder die Förderung von Kindern aus vernachlässigten Gruppen der Gesellschaft. Hier sind auch die meisten der gemeinnützigen Stiftungen angesiedelt, auf die sich die Aktivitäten des Herzogs und der Herzogin von Cambridge konzentrieren.

Der soziale Einsatz der Königsfamilie hat in der Queen und ihren Dutzenden von gemeinnützigen Stiftungen ihr leuchtendes Aushängeschild; William und seine Frau stehen ganz in dieser Tradition. Schon Diana, die aus einem zerbrochenen Elternhaus stammte, hatte ihren beiden Söhnen das Herz geöffnet für die Außenseiter der Gesellschaft. In der vergangenen Woche sah man Kate mit einer Gruppe von Kindern aus dem ärmeren Osten Londons in einem Wald nahe der Hauptstadt, wo sie am Lagerfeuer und in provisorischen Zelten Natur teilte mit Jugendlichen, die noch nie die englische Countryside erlebt hatten.

Das kontrastiert dann mit Auftritten in der High Society, etwa der laufenden Ascot-Saison, wo die Herzogin mit ihrem Glamour Aufmerksamkeit auf sich zieht, ohne jedoch zur Konkurrentin werden zu wollen für ihren Mann. Sie steigert seine Beliebtheit, untergräbt sie nicht; die Diana-Lektion hat sie beherzigt. Besondere Mühe musste sie sich dabei nicht geben, schöpft sie doch aus der Natürlichkeit und Geborgenheit eines intakten Elternhauses, in dem auch William Zuflucht gefunden hat, wo er sich heimisch fühlt, unbeobachtet.

Der 30-Jährige sieht jetzt freilich die unaufschiebbare Frage auf sich zukommen, wie lange er noch im fernen Anglesey seiner militärischen Laufbahn als Rettungshubschrauberpilot nachgehen kann, während immer mehr Repräsentationspflichten nach ihm greifen. Auf der walisischen Insel leben er und seine Frau das Idyll von Jungverheirateten. Von seinem Naturell her würde der Prinz – Major William Wales – dieses Leben noch eine Weile genießen wollen, und auch Charles, sein Vater, unterstützt ihn darin. Vielleicht aus eigennützigen Motiven, so munkeln manche. Will sich der nächste Thronfolger vom übernächsten und dessen Frau in den Schatten gestellt sehen?

William liebt die Großmutter

Vom Druck für mehr Einsatz zur Unterstützung der betagten Königin in der Erfüllung ihrer öffentlichen Pflichten sprach der Prinz selbst kürzlich im amerikanischen Fernsehsender ABC. William liebt und schätzt die Großmutter über alles und wird nicht Nein sagen, wenn ein Mehr an Hilfe von ihm erbeten wird.

Für die endgültige Übersiedlung nach London, wo das Paar in Clarence House provisorischen Stadtwohnsitz bezogen hat, ist bereits gesorgt: Im nächsten Jahr wird in den Kensington-Palast im Hyde Park umgezogen, wo auch Prinzessin Diana ihre letzten Lebensjahre zugebracht hatte. Aus dem Scheidungserbe der unglücklichen Lady Di stehen ihrem Ältesten ab heute zehn Millionen Pfund zu, mehr als genug zur Einrichtung der neuen Räumlichkeiten. Dort hatte einst die Schwester der Königin, Prinzessin Margaret, Hof gehalten. William und seine Frau werden es weniger auffällig treiben – bis der Nachwuchs sich dann doch einstellt.

Derweil lobt die britische Öffentlichkeit die ausgeglichene Natur ihres übernächsten Thronfolgers, der manchmal sogar an die Unverfrorenheit seines Großvaters Prinz Philip erinnert. Vor zwei Wochen besuchte die Queen in Begleitung des Herzogs und der Herzogin von Cambridge die Stadt Nottingham, wo Ehepaare ihr 60. Hochzeitsjubiläum feierten. "Kate und ich haben ja noch einen so langen Weg vor uns", gestand der Prinz der 80-jährigen Kaylet Smedley und ihrem 86 Jahre alten Ehemann Ronald, um spitzbübisch hinzuzufügen: "Redet ihr noch miteinander?"

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