12.08.07

Ruth Maria Kubitschek

"Ich bin so schwach, dass ich stark sein muss"

Sie spielte "Spatzl" in dem Dietl-Film "Monaco Franze". Eine Rolle, die Ruth Maria Kubitschek nach eigenen Aussagen zurück ins Leben holte. Nun sprach sie über ihr Verhältnis zu Helmutt Dietl, ihre Unsicherheit auf Partys und die heilende Kraft der Steine.

Von Britta Stuff
Foto: DPA
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Morgenpost Online: Frau Kubitschek, ich habe gehört, sie können auf Kommando weinen.

Ruth Maria Kubitschek: Aber doch jetzt nicht hier. In der Szene, ja. Das ist nicht so einfach, das Losheulen. Ich weine auch privat nicht mehr so viel wie früher.

Morgenpost Online: Wann früher?

Kubitschek: Mit 45 dachte ich, das Leben ist vorbei. Du findest keinen Mann, du kriegst keine Rollen, du bist alt. Das war die schwerste Zeit meines Lebens. Daraus hat mich der Helmut Dietl gerettet.

Morgenpost Online: Er hat Sie als Spatzl in Monaco Franze engagiert.

Kubitschek: Ja. Ich denke an diese Zeit unheimlich gern zurück. Junge Mädchen laufen mir auf der Straße nach, nur wegen dieser Rolle. Und das ist so schön, denn im Spatzl steckt so viel von mir. Der Dietl und der Süskind haben sich mit mir hingesetzt und gesagt: Ruth, trink ein bisschen, denn betrunken habe ich immer viel gequatscht, und die haben das dann alles mitgeschrieben.

Morgenpost Online: Wie kamen Sie denn an die Rolle?

Kubitschek: Der Helmut Fischer und Helmut Dietl sind Schauspielerinnen durchgegangen. Die waren denen aber alle zu dürr. Die beiden haben immer gesagt: Bitte Ruthlein, friss, wir wollen eine mit Busen. Und wenn wir irgendwo waren: Wie viel Stück Kuchen willst du, Ruthlein?

Morgenpost Online: Waren Sie in einen der beiden verliebt?

Kubitschek: Der Fischer war nicht mein Typ. Den Dietl hab' ich, wenn ein Fest war und ich beschwipst, danach im Auto ganz fürchterlich geküsst.

Morgenpost Online: Sie haben nach Kir Royal nicht mehr mit Dietl zusammen gedreht. Warum eigentlich?

Kubitschek: Ich bin dann aus München weggegangen, in die Schweiz. Das war mir alles zu oberflächlich da. Dass ich damals weggegangen bin, hat keiner verstanden. Der Dietl und der Fischer fanden das furchtbar, wie eine in ein Dorf gehen und meditieren kann. Als der Fischer gestorben ist, fragte mich Dietl auf der Beerdigung: "Na Ruthlein, was machst du den ganzen Tag – meditieren?"

Morgenpost Online: Und was machen sie den ganzen Tag?

Kubitschek: Ich meditiere. Ich male. Ich schreibe meine Bücher, acht Stück sind das schon. Ich kümmere mich um meinen Garten, um meine Steine.

Morgenpost Online: Sie glauben an die Kraft der Steine. Haben Sie einen dabei?

Kubitschek: Einen Türkis. Der soll glücklich machen. Gestern und vorgestern war Vollmond. Ich hab ja so wahnsinnig viele Steine draußen in meinem Garten, bei jedem Vollmond soll man sie ja reinigen. Wir haben sie dann rausgestellt und mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Die Steine nehmen die negative Energie auf, aber man muss sie wieder mit Wasser abwaschen.

Morgenpost Online: Kommt das oft vor, dass ihnen jemand sagt, dass sie einen Knall haben?

Kubitschek: Viele denken, die tickt doch nicht mehr richtig, aber das macht mir nichts. Ich hab über Engel geschrieben, da haben mich alle ausgelacht und jetzt sind Engel in aller Munde. Genauso mit den Steinen. An die Kraft der Steine glauben inzwischen viele. Ich war einfach Jahre voraus.

Morgenpost Online: Das klingt selbstbewusst.

Kubitschek: Ich bin selbstbewusster geworden. Zum Beispiel hasste ich früher Partys. Das strengte mich an, dieses in Konkurrenz treten mit irgendjemandem. Ich war immer etwas füllig und fühle mich fehl am Platz. Schon damals mussten ja immer alle schlank sein. Ich war nie schlank. Ich fand mich entsetzlich dick. Wenn ich jetzt Monaco Franze sehe, bin ich überrascht, wie schön ich doch damals war, ich hab das gar nicht gewusst. Ich war sehr unsicher.

Morgenpost Online: Und heute?

Kubitschek: Auch heute ich bin nicht so stark, wie es aussieht. Aber wenn man stark sein muss im Leben, wird man es irgendwann wirklich. Zuerst spielt man nur, dann ist man es. Weil man eben muss.

Morgenpost Online: Wirklich?

Kubitschek: Ich will es mal anders sagen: Ich bin so schwach, dass ich stark sein muss. Im Grunde bin ich ein trauriger Mensch. Manche sagen zu mir: "Ruthchen, du kannst mir nichts vormachen mit deiner Fröhlichkeit."

Morgenpost Online: Warum wollen sie denn unbedingt stark wirken?

Kubitschek: Ich bin als älteste von vier Geschwistern aufgewachsen, da lernt man das. Ich bin während des Krieges ganz allein übers Erzgebirge aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen. Ich wollte immer Schauspielerin werden, und so habe ich mir währenddessen immer gesagt: Ich werde Schauspielerin, ich werde überleben. Und ich habe überlebt.

Morgenpost Online: Dachten Sie oft, dass Sie sterben müssen?

Kubitschek: Ich muss immer an das kleine Dorf in der Tschechoslowakei denken, aus dem ich stamme. Dort hatte mein Vater am Waldrand ein Schwimmbad gebaut. Im Sommer war ich nur in diesem Schwimmbad. Einmal wäre ich fast ertrunken. Ich bin hinuntergetaucht und auf einmal war ich weg. Ich fand es nicht mal schrecklich. Über mir war Nebel. Irgendeine Frau hat mich aus dem Wasser gezogen. Ich hatte später dann furchtbare Angst vor dem Tod. Als ich fünfzig war, sind fünf meiner nächsten Menschen gegangen. Herzinfarkt, der eine ist in den See gegangen, mein Bruder hat sich erschossen. Da war eine Welle von Tod. Da hab ich gemerkt, ich lebe ja noch, und ich will jemand sein, der keine Angst hat.

Morgenpost Online: Sie spielen also eine Rolle.

Kubitschek: Vielleicht. Ich spiele ja auch vor der Kamera gern mächtige Frauen, das kann ich am Besten. Ich denke, man sollte nicht spielen, was man ist. Ich spiele auch sehr gern reiche Frauen.

Morgenpost Online: Etwa weil Sie selbst arm sind?

Kubitschek: Arm natürlich nicht, aber ich könnte jetzt nicht einfach so aufhören zu arbeiten – obwohl ich 76 bin. Die Leute denken immer, dass Schauspieler wahnsinnig viel verdienen, aber man hat ja auch Pausen. Zwei Jahre Kir Royal, dann zwei Jahre nix, zwei Jahre Theater, dann wieder nix. Und manche Angebote will man ja auch einfach nicht annehmen. Mich hat der Verkaufskanal im Fernsehen mal gefragt, ob ich eine Creme verkaufen will, so wie Uschi Glas.

Morgenpost Online: Haben es Frauen eigentlich schwerer als Männer?

Kubitschek: Definitiv ja. Männer haben oft nicht so viel Tiefgang. Frauen müssen mehr nachdenken – weil sie Kinder kriegen. Frauen sind leidensfähiger. Männer rationaler.

Morgenpost Online: Haben Sie oft unter Männern gelitten?

Kubitschek: Ja. Mein Vater hat mir früher gesagt: "Du kannst viele Männer haben, aber lass dich nicht wegwerfen". Und so bin ich immer als erste gegangen, bevor ich verlassen wurde. Manchmal vielleicht auch zu früh.

Morgenpost Online: Waren sie mal heimliche Geliebte?

Kubitschek: Ja, jahrelang. Dann habe ich das nicht mehr mit mir machen lassen. Das loszulassen, das ist das Schwerste. Das muss man lernen.

Morgenpost Online: Sie sind jetzt seit 30 Jahren mit dem Traumschiff-Produzenten Wolfgang Rademann zusammen. Er lebt in Berlin, sie in der Schweiz.

Kubitschek: Für meine Entwicklung ist das schon richtig so. Acht Bücher, der Garten, die Malerei, die Steine, Yoga¿ Wenn ich mehr mit Herrn Rademann zusammen gewesen wäre, wäre das ja gar nicht möglich gewesen. Aber jede Frau will einen Mann ganz für sich. Das steckt auch in mir. Mit Rademann habe ich ein klares Verhältnis.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich denn geliebt?

Kubitschek: Ich wurde in meinem ganzen Leben nicht brennend geliebt. Aber geliebt, ja doch, geliebt fühle ich mich schon. Für die anderen Menschen bin ich vielleicht eine alte Frau. Aber ich bin doch immer noch die kleine Ruth, die ersoffen ist im Schwimmbad, die tief getaucht ist, um zu gucken, was da ist und daran fast zugrunde ging.

Das Gespräch führte Britta Stuff

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