Kinderheim-Skandal
Türken wollen Sarah Ferguson vor Gericht bringen
Dienstag, 6. Juli 2010 08:36 - Von Boris KalnokySarah Ferguson habe schlechte Absichten und wolle eine Verleumdungskampagne gegen die Türkei starten – das sagt zumindest die Familienministerin der Türkei. Fergie hatte schlimme Zustände in einem Kinderheim aufgedeckt. Nun erwägt die türkische Regierung, den Fall vor Gericht zu bringen.

Normalerweise wäre ein Besuch der Herzogin von York in der Türkei eine Angelegenheit für Klatschspalten und Staatsprotokoll. Nach dem Willen der Regierung soll es jedoch eventuell ein Fall für die Gerichte werden: Sarah Ferguson hat unter einer falschen Identität heimlich Filmaufnahmen in staatlichen Pflegeeinrichtungen gemacht. Die Bilder wurden gestern vom britischen Sender ITN ausgestrahlt. Die Aufnahmen, so war vorab zu erfahren, dokumentieren schockierende Missstände.
Legal fanden die Herzogin und ihr Team keinen Zugang zum Kinderpflegeheim Saray bei Ankara – ein entsprechender Antrag war abgelehnt worden. Also setzte sich Ferguson eine schwarze Perücke auf, Journalist Chris Rogers gab sich als NGO-Mitarbeiter aus, dem Heim wurden offenbar Spendengelder in Aussicht gestellt. So öffneten sich die Türen.
„Vor uns erstreckte sich ein Meer von blauen und roten Kinderbetten“, schrieb Rogers später in der britischen Zeitung „Mail on Sunday“. „Kleinkinder und Teenager waren an Händen oder Fußgelenken an die Metallgitter ihrer Betten gefesselt. In einer Ecke spähte ein kleiner Junge über den Rand der etwa anderthalb Meter langen Kiste, in der er gehalten wurde. Die Pfleger sagten, er sei zu hyperaktiv für ein Bett.“ Dies sei kein Waisenheim gewesen, sondern eine Lagerhalle für verlassene Kinder. Laut Rogers trugen viele der Kinder Lumpen und Bettlaken am Leib – und selbst zum Essen wurden sie nicht aus ihren Betten befreit.
Nichts zu verbergen
Nachdem vor einigen Tagen Vorabaufnahmen aus dem Dokumentarfilm von türkischen Medien ausgestrahlt wurden, setzte eine hitzige Debatte ein. Familienministerin Cubukcu, unter deren Aufsicht die Kinderheime stehen, hatte sich selbst nichts vorzuwerfen und drohte mit rechtlichen Konsequenzen. „Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssten“, sagte sie. Eine sofort eingeleitete Untersuchung im Heim habe nichts ergeben, was den Vorwürfen im Film entspreche. Frühere Inspektionen der Anstalt hätten ebenfalls nichts Beanstandenswertes gefunden.
Cubukcu erklärte weiter, es sei völlig klar, dass Sarah Ferguson schlechte Absichten habe und eine Verleumdungskampagne gegen die Türkei starten wolle. Der Dokumentarfilm werde ihrer Meinung nach absichtlich in eben jener Woche ausgestrahlt, in der die EU ihren Fortschrittsbericht zum Beitrittsprozess der Türkei vorlegte, der harsche Kritik in puncto Menschenrechte enthielt.
Gefesselte Kinder
Wenn türkische Medien ähnliche Berichte bringen, nützt es ohnehin nichts – die Wirkung ist nicht annähernd so groß, wie wenn ausländische Medien sich solcher Themen annehmen. Erst vor Kurzem war ein 250-Seiten-Bericht einer Hilfsorganisation veröffentlicht worden, in dem auch das Saray-Pflegeheim erwähnt wurde. Jenes also, in dem keine staatliche Inspektion bislang Beklagenswertes fand. Der Gestank sei dort so unerträglich, zitieren Medien den Bericht, dass man dort „kaum atmen“ könne. Kindern würden die Hände gefesselt. Die Verfasser des Berichtes baten Frau Cubukcu bislang fünfmal vergeblich um ein Gespräch. In einem anderen Bericht aus einem Waisenhaus im Jahre 2005 wurde eine Pflegerin gezeigt, die zwei Kindern die Köpfe gegeneinanderschlug. Im Januar hatte es unbelegte Berichte über Prügelstrafen in einer psychiatrischen Klinik gegeben.
Solche Berichte sind schön und gut, aber ändern wird sich erst etwas, wenn das ganze System geändert wird, meint Fatma Dengin Zagidir, eine Mitverfasserin des oben erwähnten 250-Seiten-Berichtes. Staatliche Pflegeheime für behinderte, verwaiste oder verlassene Kinder dürften einfach nicht „von oben herab“, sondern müssten in Zusammenarbeit zwischen NGOs, Familien und den Kindern selbst verwaltet werden.
Der Streit über den Skandalfilm der Herzogin von York ist mittlerweile so groß, dass daraus vielleicht mehr werden könnte, eine Diskussion darüber, wie ein Land, das auf seine Familienstrukturen stolz ist, mit jenen Kindern umgeht, die keine Familie haben. In den Medien jedenfalls ist der Widerhall beachtlich – auch wenn Ferguson jüngst noch einmal betonte, sie habe mit dem Film „keine politischen Ziele“ verbunden.
Erschienen am 07.11.2008
















Versicherungen
Gesundheitstests
Hotelsuche
Abo
Stadtplan
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Events
Kino
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Branchenbuch
Kredit und Zinsen
Europa
Krankenkassen
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt
Mobilportal
iPhone-/iPad-Apps
Heizölvergleich