Nostalgie
Berliner Szene-Hotel "Ostel" wirbt mit DDR-Schick
An der Rezeption lächelt der damalige Vorsitzende des Mnisterrats der DDR, Horst Sindermann, von der Wand und die 33 Zimmer sind mit Originalstücken aus dem früheren Arbeiter- und Bauernstaat eingerichtet. Mit diesem Konzept hat das neue Hotel im Stadtteil Friedrichshain Erfolg. Doch keine Sorge: Matratzen und Bettwäsche sind neu.
Von Brigitte Schmiemann
In einem Doppelzimmer des Berliner "Ostel" hängt ein Porträt des früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR, Willi Stoph (1914-1999).
Dass gute Ideen für eine Selbstständigkeit auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten tragfähig sein können, haben die beiden Macher des neuen Friedrichshainer Szenehotels "Ostel – das DDR Hostel" bewiesen. Mit ihrem in DDR-Nostalgie eingerichteten Hotel am Wriezener Karree 5 schreiben Guido Sand (33) und Daniel Helbig (35) schon im ersten Monat schwarze Zahlen.
Der unscheinbare Plattenbau mit den sechs Stockwerken ist verkehrsgünstig hinter dem Ostbahnhof gelegen. Gäste wie Friedemann Schleicher schätzen die originelle Unterkunft: "Es ist sauber, das Personal ist freundlich, außerdem ist im Zimmerpreis sogar noch ein Fahrrad inklusive", freut sich der Hamburger Rechtsanwalt, der auf 70er-Jahre-Design steht, und versichert: "Bei dieser zentralen Lage werde ich bestimmt zum Wiederholungstäter."
Alle 33 Zimmer in den sechs Etagen des Eckhauses sind mit Originalstücken aus der früheren DDR eingerichtet. Ein halbes Jahr lang suchten die beiden Inhaber die Sachen auf Trödel- und Antiquitätenmärkten und im Freundeskreis zusammen. Ein Schrankradio mit altem Plattenspieler, ein Telefonbuch der Hauptstadt der DDR, in dem 30 Seiten nicht bedruckt sind, ein Wimpel vom Berliner Fußball-Klub Dynamo, das Sandmännchen, Lampen aus dickem Glas, bunte Kommoden aus Plastik. Glück hatten sie mit einem Nachlass von den Genossen aus Wandlitz, den sie bei einem Händler erstanden: Edle Holzmöbel, die der Legende nach sogar aus Frankreich stammen sollen. Keine Sorge: Matratzen und Bettwäsche sind neu. Sowieso wirkt das Ambiente bei aller Retro-Neigung der Betreiber zeitgemäß. Der Hauseigentümer hat die Platte für das "Ostel" gründlich saniert – mit Blümchen- und Mustertapete.
Honecker-Porträt als Souvenir beliebt
In vielen Zimmern hängt ein Honecker-Porträt überm Bett. "Das wird gern als Souvenir mitgenommen, obwohl wir es auch für fünf Euro zum Kauf anbieten", so Sand, der in Marienfelde eine Physiotherapie-Praxis betreibt. Sein Kompagnon Helbig verdient sein Geld zudem als Cutter beim Film.
Beide sind "Ossis" und überzeugt, dass ein "Wessi" auch gar nicht solch ein Hotel hätte aufziehen können: "Den Stil von vor 30 und mehr Jahren kriegt nur ein Ossi hin", sagt Sand lachend. Die Geschäftsidee wurde bei einem Spaziergang durch ein ehemaliges Pionierlager in Brandenburg geboren: "Da kamen viele Erinnerungen hoch." Dass der Globus und die Obstschale mit Bananen, die die Rezeption zieren, wohl in keinem DDR-Hotel zu finden gewesen wären, stört sie nicht: "Das signalisiert doch nur, dass wir weltoffen und politisch unkorrekt sind."
Die Kunden schätzen vor allem auch die günstigen Zimmerpreise für eine Metropole wie Berlin. So kostet das Einzelzimmer 38 Euro die Nacht, das Doppelzimmer 51 und 59 Euro, und die Übernachtung im Mehrbettzimmer ("Pionierlager") kostet neun Euro pro Nacht. Die Expansion ist bereits geplant: Bald soll es in Leipzig ein "Ostel" geben und ein zweites in Berlin. Außerdem werden gerade weitere Plattenwohnungen im Wriezener Karree zu Ferienwohnungen umgebaut. Nähere Informationen unter Tel: 030/25.76.86.60 oder im Internet: www.ostel.eu
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