Schiesserei in der Eisdiele
Zeugen berichten – "Rüsselsheim ist wie Texas"
Nach der Schießerei in der Rüsselsheimer Innenstadt wird mit Hochdruck nach den Tätern gefahndet. Zwei Männer wurden bereits festgenommen. Das Motiv für die Tat, bei der drei Menschen starben, ist noch unklar. Anwohner berichten, eine "Wettmafia" terrorisiere schon seit Jahren die Stadt.
Die Schüsse fielen mitten in der belebten Innenstadt. Zwischen den Gästen gemütlicher Straßencafés richteten mehrere Bewaffnete am Dienstagabend in Rüsselsheim ein Blutbad an, drei Menschen starben. Unter ihnen die offenbar völlig unbeteiligte Anna K.: Die Griechin hatte keine Chance. Sie geriet in die Schusslinie, wurde in den Bauch getroffen und verblutete im Lokal ihrer Familie.
Bahnhofstraße 30 im Zentrum der 60.000-Einwohner-Stadt: Vor dem italienischen Eiscafé "De Rocco" und der Taverne "Leonidas" sind die Spuren auch Stunden nach dem Verbrechen noch deutlich zu sehen. Zwei Leichen liegen zwischen Tischen und umgestürzten Stühlen.
Mitarbeiter der Spurensicherung in weißen Plastikanzügen beugen sich über die toten Körper und schießen Fotos. Halbgefüllte Tassen und Gläser stehen noch auf den Tischen, der Boden ist mit Scherben übersäht. Erst kurz vor Mitternacht bauen Polizisten einen improvisierten Sichtschutz auf. Nur die Schaulustigen in den Fenstern der umliegenden Häuser haben jetzt noch freie Sicht.
Hundert Meter weiter kümmern sich Notfallseelsorger und das Rote Kreuz um schockierte Lokalgäste und Angehörige. Unter ihnen ist auch Konstantinos K., der Ehemann der getöteten Griechin Anna K., die seit über 40 Jahren in Deutschland lebte. Der Mann steht sichtlich unter Schock. "15 Minuten hat es gedauert, bis der Krankenwagen da war", sagt er in die Mikrofone der Journalisten. Dann habe sich der Notarzt zunächst um die Toten gekümmert, während seine Frau verblutet sei. "Das kann doch alles gar nicht wahr sein", schluchzt er.
"Die Kugel war für jemand anderen bestimmt"
In gemütlicher Runde, so erzählen Familienmitglieder, habe Anna K. um kurz vor Acht mit Verwandten und Freunden vor der Taverne gesessen und Cappuccino getrunken. Dann begann vor der Eisdiele eine Prügelei, es fielen die Schüsse. Dann will ein Zeuge 14 oder 15 Schüsse gehört und ganz junge Täter gesehen haben. "Und die Jungs gingen ganz normal weg, als wenn nichts gewesen wäre."
"Alles passierte so schnell", sagt eine der Frauen, die mit Anna K. am Tisch saß. "Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben Schüsse gehört. Neben ihr steht der Neffe des Opfers, der seinen Namen nicht nennen möchte, solange die Täter noch frei herumlaufen. "Meine Tante hat noch in Panik versucht, in das Lokal zu rennen.
Ihr Pech war, dass einer hinter ihr flüchtete. Da hat sie einen Schuss in den Bauch bekommen", sagt der junge Mann. Die Kugel sei für einen anderen bestimmt gewesen – "und meine Tante hat sie bekommen".
Andere Zeugen berichten von einem kurzen Streit vor der Schießerei auf der Straße. Als die ersten Stühle flogen, habe die Frau noch versucht, sich in Sicherheit zu bringen und zu ihm in das benachbarte griechische Restaurant zu gelangen. Vergebens. "Ich sah sie stürzen", berichtet er. "Ein Kerl riss sie um, beide fielen zu Boden." Dann schossen die Täter und trafen auch seine Frau, die anschließend in seinen Armen verblutete.
Die Festnahmen
Inzwischen hat es zwei Festnahmen gegeben. Ob es sich dabei um zwei der vier mutmaßlichen Täter handle, wollte der Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft, Ger Neuber, nicht bestätigen. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt machte auch keine Angaben zur Identität der Festgenommenen.
Es seien im Zusammenhang mit der Tat "Verdächtige", sagte Neuber. Ob es Verbindungen zur Mafia oder Hinweise auf ein Motiv gebe, wollte er ebenfalls nicht kommentieren. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts sind bis zu neun Menschen an der Schießerei beteiligt gewesen. Drei bis vier Personen saßen am Dienstagabend in der Eisdiele am Tisch, als vier bis fünf Männer hereinkamen und sie angriffen. Bei der Auseinandersetzung wurden eine Schusswaffe und mehrere Messer eingesetzt, hieß es in Wiesbaden.
Das "Darmstädter Echo" berichtete in seiner Online-Ausgabe allerdings, Geldforderungen in Zusammenhang mit einem Wettbüro spielten eine Rolle. Bei den beiden Festgenommenen handele es sich nicht um die mutmaßlichen Täter, sondern um Menschen aus deren Umfeld. Zeugen zufolge soll es sich bei den Verdächtigen um Ausländer handeln.
Augenzeugen bestätigen die Theorie, dass Täter wahrscheinlich aus dem Milieu der Wettbüros stammen. Bei dem der Schießerei vorausgegangenen Streit der Männer soll es um Wettgewinne gegangen sein. Einen Tag nach der Tat sprechen Anwohner sogar von einer "türkischen Wettmafia".
"Es ging ja mal wieder um Wettschulden", sagt eine 40-jährige Deutsch-Türkin, die in der Nähe der Eisdiele wohnt. "Wir haben hier in Rüsselsheim mindestens ein Dutzend Wettbüros", erzählt die Frau. Laufend gebe es nicht nur unter den türkischen Zockern Auseinandersetzungen um Geldgewinne, die nicht – oder nicht in voller Höhe – ausgezahlt würden. In der Rüsselsheimer Fußgängerzone, in der auch die Eisdiele liegt, sei es in den vergangenen Jahren häufiger zu "krassen Schlägereien" gekommen, sagt die Frau.
"Rüsselsheim ist wie Texas"
Der aktuelle Fall weckt Erinnerungen an eine jahrelange, mörderische Fehde zwischen zwei türkischen Clans im Raum Wiesbaden-Rüsselsheim, die seit 2001 mindestens fünf Menschen das Leben kostete.
"Was ist nur aus der Stadt geworden? Rüsselsheim ist wie Texas", sagt ein kopfschüttelnder Anwohner. "Die ordentlichen Bewohner ziehen weg, und was übrigbleibt, sind solche Leute."
Immer wieder sei es zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen, berichten andere. Erst vor wenigen Tagen hätten Gäste bei "De Rocco" eine Messerstecherei angefangen. Von Bandenkonflikten reden die Leute, von blutigem Streit um Gewinne und Schulden aus Wettbüros und illegalem Glücksspiel. "Durchgreifen müsste man", hört man immer wieder. "Aber die Polizei kommt ja nur noch, wenn was richtig Schlimmes passiert."
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