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Ent- statt verlieben

Liebeskummer – eine Süchtige ist auf Entzug

Liebeskummer kann schreckliche Schmerzen bereiten. Versuchen Sie doch mal, zur Abhilfe den Verflossenen als Flasche und sich selbst als Alkoholiker zu sehen. Denn im Gegensatz zum Herzschmerz haben Entzugserscheinungen große Vorteile – auch wenn eine lebenslange Rückfallgefahr besteht. Ein Selbstversuch.

Vorab ein paar aufmunternde Worte an alle, die betroffen sind: Entlieben ist nicht lustig. Liebeskummer bereitet schreckliche Schmerzen. Ein gebrochenes Herz galt noch im 18. Jahrhundert als respektable Todesursache.

Ich musste mich kürzlich von einer Liebe trennen. Einer großen. Und ich bin mit den denkbar schlechtesten Voraussetzungen in diesen Krieg gegen das eigene Herz gezogen. Denn als Psychologin nehme ich Gefühle sehr ernst, erst recht meine eigenen. Nie käme ich auf die Idee, mit Vereinfachungen wie „der Typ ist ein Arsch“ oder „...eine Pfeife“ den Fall schnellstmöglich ad acta zu legen. Ich kam nach langer tränenreicher Analyse und gerechter Betrachtung aller Seiten zu einem anderen Schluss: Ich betrachtete meine große Liebe als Flasche.

Interessanter Ansatz, denken Sie jetzt sicher. Das wird mir bei meinem eigenen Liebeskummer bestimmt helfen. Ja, das kann es wirklich! Flasche hilft. Flasche hilft auch dann, wenn derjenige, den Sie aus irgendwelchen Gründen nicht mehr lieben möchten, keineswegs ein Arsch oder eine Pfeife ist und Sie sich das auch nicht einreden mögen. Sondern eigentlich ein wunderbarer Mensch.

Ein liebenswerter Mensch, der nur einen Fehler hatte

Die Flasche, die ich nicht mehr lieben wollte, war das. Ein wunderbarer, liebenswerter Mensch, der nur einen Fehler hatte, er erwiderte meine Liebe nicht. Das machte mir zunächst nicht viel, denn ich selbst bin einer dieser ungeheuer tüchtigen Menschen, die es gewohnt sind, sich für alles anzustrengen. Und die nach einigen Erfolgen so größenwahnsinnig werden, dass sie glauben, durch Einsatz und Willen alles zu bekommen. Aber Liebe ist nicht machbar. Nicht mal durch Liebe, große Liebe. Liebe ruft keine Liebe hervor. Verdammt.

Kurzum, ich kam irgendwann zu dem Schluss, dass ich die Sache aufgeben und mich entlieben müsste (zumindest, wenn ich nicht mein Leben lang wasserfesten Mascara benutzen wollte). Und wie alles versuchte ich auch dies mit Fleiß und Eifer. Schrieb Tagebuch und analysierte mit unbestechlichem Verstand die profanen Triebfedern meiner Liebe. Ging – als nichts mehr half – sogar unter Leute und besuchte Volkshochschulkurse. Aber... auch Entlieben ist nicht machbar. Es hat wohl mehr mit dem Gegenteil von machen zu tun. Mit loslassen, zulassen, hinnehmen – kein Pappenstiel für einen Menschen mit dem genetischen Programm einer Arbeitsbiene.

Ich saß zuhause, war alleine und es tat weh. Und dann kam ich auf eine total verrückte Idee. Ich kam auf die Idee einfach sitzen zu bleiben und es auszuhalten. Und dem Ganzen einen anderen Namen zu geben. Ich nannte es nicht Liebeskummer, ich nannte es: Entzug. Ich stellte mich selbst nicht länger in eine Reihe mit Romeo & Julia, Werther, Anna Karenina... ich betrachtete mich eher als Alk. Als Alkoholiker, dem die Flasche fehlt. Die Flasche. Sofort ging es mir besser. Mein schrecklicher Liebeskummer existierte nicht mehr.

Nun hatte ich schreckliche Entzugserscheinungen. Aber Entzugserscheinungen haben Vorteile, zumindest als Fantasie. Mit eingebildeten Entzugserscheinungen tappt man beispielsweise nicht in die Erstverschlechterungsfalle, wie ich sie immer nenne. Diese fiese Sache in der ersten Phase nach der Trennung, wenn wir merken, dass es uns ohne den Mensch, von dem wir getrennt sind, weil er uns nicht gut tat, nicht besser sondern noch viel, viel schlechter geht. Und in der wir extrem zu der Erleuchtung neigen, dass dieser Mensch eigentlich doch ein Engel ist. Und ihm mitten in der Nacht eine E-Mail schreiben, in der wir um seine Hand anhalten.

Abstinenz ist gut. Abstinenz ist der Schlüssel

Nicht so, wenn man die Trennung als Entzug betrachtet. Denn Entzug, schon das Wort ist das reinste Versprechen, dass es uns hundeelend gehen wird. Wir sind darauf eingestellt, dass wir weinen und zittern und schlaflos sein werden. Dass es uns schlechter gehen wird als je zuvor im Leben. Aber wir wissen auch, dass dies kein Zeichen dafür ist, dass die Flasche gut für uns ist. Nein, es bedeutet nur, dass uns etwas fehlt, was bisher da war. Aber wir brauchen sie nicht, die Flasche. Wir hatten uns nur an sie gewöhnt. Und wenn wir ihr trotzdem diese E-Mail schreiben, ist das keine Antrag sondern lediglich ein Rückfall.

Und noch einen anderen Vorteil hat es, den oder die Verflossene als Flasche zu sehen. Man kann von dem Wissen derer profitieren, die wirklich mit der Flasche kämpfen (in Gestalt von Pils, Bourbon, Wodka, Eierlikör...). Und sich mithilfe einiger ihrer Regeln aus der vergleichsweise eher harmlosen Patsche manövrieren. Abstinenz ist gut. Abstinenz ist der Schlüssel. Wenn man nicht mehr trinken will und ebenso, wenn man nicht mehr lieben will (was in einzelnen Fällen ja auch gesundheitsschädlich werden kann). Jeden Kontakt vermeiden! Alles, was an den Expartner erinnert, wegpacken, besser noch – schmeißen! Und vor allem das verfluchte Radio ausstellen, wenn eins dieser Lieder kommt, Sie wissen schon, eines dieser „Das lief, als wir damals am Lago di Como entlangfuhren“-Lieder – ein Alkoholiker hört sich auch keine Schnapswerbung an.

Und Vorsicht vor Nie-wieder-Gedanken! Nie wieder sollten Sie in der ersten Zeit nach der Trennung nie denken. Nie wieder in den Armen des geliebten Menschen liegen, nie wieder seinen Herzschlag hören, nie wieder seine Haare in der Dusche finden, diese wunderschönen Haare – nie wieder taucht alles in das bittersüße Licht der Melancholie, selbst einen verstopften Abfluss.

Die Zeit heilt fast alle Wunden

Ich strich nie wieder und ersetzte es durch nur heute. Nur Heute wird Hase – so war sein Name – also nicht da sein, sagte ich mir morgens. Das war zweifellos eine Katastrophe, aber eine überschaubare. Ich könnte nichtsdestotrotz ins Freibad gehen, zum Beispiel. Oder arbeiten, einkaufen, essen, schlafen – eben weiterleben. Ich plante immer nur einen Tag, nur heute, und überstand eine überschaubare Katastrophe nach der anderen. Und mit der Zeit überkam mich eine Ahnung, dass das alles eigentlich keine war.

Apropos Zeit. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es – aber 100-prozentig unterschreiben würde ich das nicht. Ich halte es auch da lieber wie ein Trinker, der selbst dann, wenn er trocken ist, weiß, dass die Flasche ihm immer wieder gefährlich werden kann: Rückfallgefahr lebenslang!

Trotzdem glaube auch ich, dass die Zeit unser stärkster Verbündeter nach einer Trennungen ist. Zu wissen, dass es von Tag zu Tag leichter wird, zumindest leichter – für mich ist das bei Liebeskummer eine tröstliche Aussicht. Auch damals, als der Versuch, mich selbst wie einen Alkoholiker zu behandeln, mir am Ende doch nicht half. Aber nur, weil meine Flasche völlig flaschenuntypisches Verhalten zeigte! Und unbestellt vor der Tür stand. Und reden wollte. Mehr muss ich nicht erzählen...

Einige Zeit später fing ich dann wieder von vorne an mit der Entlieberei. Und diesmal dachte ich nur: Ich weiß zwar nicht, wie das geht. Entlieben. Aber ich weiß, es wird kommen.

Über die komisch-tragischen Auswüchse von Liebeskummer schreibt unsere Autorin Conni Lubek auch in ihrem Roman „Anleitung zum Entlieben“, Ullstein, 8,95 Euro.

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