Friedensdemo

Nach 35 Jahren ist die längste Mahnwache der USA vorbei

So wurde sie zu einem Wahrzeichen der US-Hauptstadt: Concepcion Picciotto, die in Washington 35 Jahre lang Mahnwache hielt, ist gestorben.

Foto: imago stock&people / imago/ZUMA Press

So wurde sie zu einem Wahrzeichen der US-Hauptstadt: Concepcion Picciotto, die in Washington 35 Jahre lang Mahnwache hielt, ist gestorben.

Sie hielt 35 Jahre lang vor dem Weißen Haus eine Mahnwache für den Weltfrieden. Nun ist die Amerikanerin Concepcion Picciotto tot.

Washington.  Die längste Dauer-Friedensmahnwache in Geschichte Amerikas ist beendet. Und Washington hat ein Wahrzeichen weniger. Concepcion Picciotto ist tot. Seit 35 Jahren saß die kleine Frau mit dem wettergegerbten Gesicht Tag für Tag vor dem Weißen Haus und demonstrierte vor der Haustür der Präsidenten Carter, Reagan, Bush, Clinton, Bush II und Obama stumm für den Weltfrieden und die Abschaffung aller Atomwaffen. Nach einem Sturz starb die gebürtige Spanierin jetzt in einem Obdachlosenasyl ganz in der Nähe. Sie wurde 80 Jahre alt.

Das Kopftuch, die Perücke, der Helm, den sie aus Sicherheitsgründen trug, die hellwachen Augen, die immer gleich funkelten, die Holzkiste, auf der sie stundenlang saß inmitten von Handzetteln und selbst gemalten Bildern, das zu groß geratene Fahrrad, mit dem sie jeden Morgen zur "Arbeit" kam – Millionen Touristen, die in der Vergangenheit den Amtssitz des amerikanischen Präsidenten besuchten, haben sie so erlebt und sich tausendfach mit ihr fotografieren lassen.

Einst wurde sie von Nancy Reagan verscheucht

Direkt gegenüber der mächtigsten Adresse der westlichen Welt, am Lafayette Park, hatte Picciotto, die sich "Connie" oder "Conchita" rufen ließ, ihr improvisiertes Zeltlager aufgeschlagen. Nachdem Nancy Reagan, dereinst First Lady, dafür gesorgt hatte, dass der "Schandfleck" vom Zaun des Weißen Hauses verschwand.

Weil öffentliches Schlafen im Umfeld des Machtzentrums der westlichen Welt verboten ist, entwickelte Picciotto über die Jahre Techniken eines Dämmerschlafs mit offenen Augen. Minutiös befolgte sie die obskuren Regeln für die Ausübung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung. Weiter als 90 Zentimeter durfte sie sich nicht von ihrem Zelt entfernen. Sonst wurde von der Polizei rigoros geräumt.

Wenn sie zur Toilette musste oder unter die Dusche, hielten Platzhalter des Friedensbewegung die Stellung. Mehrfach wurde sie ausgeraubt und weggescheucht. Immer kam sie zurück. Mit ihrem Durchhaltewillen bei sengender Sonne und eisigem Schnee brachte "Connie" es in Reiseführer von Japan bis Finnland.

Concepcion Picciotto kam als junge Frau aus Nordspanien in die USA. In New York arbeitete sie für ein Außenstelle der spanischen Botschaft, lernte ihren späteren italienischen Ehemann kennen, mit dem sie ein Mädchen adoptierte. Die Ehe endete in Scherben. Es kam zu jahrelangen Streitigkeiten vor Gericht um das Sorgerecht. Picciotto fühlt sich von der Obrigkeit betrogen und verfiel in Depressionen.

Sie lebte von Spenden

1981 traf sie William Thomas Hellanback, der auf dem Bürgersteig vor dem Weißen Haus stand und ein Schild in den Himmel hielt: "Gesucht: Weisheit & Aufrichtigkeit". Picciotto gesellte sich dazu und wurde Friedensaktivistin. Bis zuletzt, da war Hellanback schon lange tot, blieb sie ihrer Standard-Antwort treu, wenn man sie nach dem Motiv fragte: "So lange die da nicht vernünftig werden", sagte Picciotto und zeigte mit der Hand Richtung Weißes Haus, "so lange muss ich hier bleiben." Was sie zum Leben brauchte, bekam sie über Spenden von Passanten und Gleichgesinnten.

Stadt-Chronisten in Washington erinnerten am Dienstag daran, welche imposante Zeitspanne sich mit Picciottos Lebenswerk verbindet. Als Ronald Reagan zum "Krieg der Sterne" aufrüstete, als George Bush, der Ältere, Bomben auf den Irak warf, als Bill Clinton Raketen nach Afghanistan beorderte, als George Bush, der Jüngere, Saddam Hussein stürzen ließ und als Obama den Friedensnobelpreis erhielt und trotzdem Drohnen in den Krieg schickt – "Conchita" Picciotto war da und erinnerte das Weiße Haus daran, den Frieden nicht zu vergessen.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter