Übergriffe

Opfer von Köln üben scharfe Kritik an den Polizisten

Präsenz zeigen: Tage nach den sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof sichert die Polizei das Umfeld. Ihr Einsatz in der Silvesternacht steht in der Kritik

Foto: Oliver Berg / dpa

Präsenz zeigen: Tage nach den sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof sichert die Polizei das Umfeld. Ihr Einsatz in der Silvesternacht steht in der Kritik

Nach Köln und Hamburg werden auch in Frankfurt, Berlin und Düsseldorf Fälle bekannt. Was aber hätte die Beamten besser machen können?

Köln/Berlin.  Hannah muss schlucken, als sie von der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof erzählt. Von 30 bis 40 Männern seien ihre Freundin und sie bedrängt worden. "Meine Freundin und ich wurden angegrapscht. Mir wurde zwischen die Beine gegriffen", erzählt sie, noch immer aufgewühlt, einem ZDF-Reporter. Sie hätten nicht gewusst, wem sie in der Menge hätten trauen können. Sie hätten nur versucht, die Männer wegzudrücken.

Noch immer ist nicht klar, was genau in Köln passiert ist. Bisher sind keine Täter gefasst, die Polizei hat wenig verwertbares Videomaterial, immer neue Fälle von Übergriffen werden bekannt. Klar ist: Die Dimension der Straftaten wächst mit jedem Tag der Ermittlungen. Bis zum Dienstagnachmittag wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet, in Hamburg über 50 – etwa drei Viertel davon wegen sexueller Belästigung. Frauen sollen ausgeraubt oder bedrängt, zwei vergewaltigt worden sein. Auch in Frankfurt melden Frauen Gewalt durch Männer. In einem Fall sollen vier Frauen von drei Männern "angegrapscht" worden sein, in dem anderen sollen zehn Männer drei Frauen sexuell genötigt haben. Bei dem ersten Vorfall sei ein Handy gestohlen worden. Die Täter seien nach der Schilderung der Frauen ebenso vorgegangen wie in Köln. Sie hätten die Menschenmenge in der Stadt ausgenutzt und die Frauen separiert. Häufig beschreiben Opfer die Täter als "nordafrikanisch" aussehend.

In den Schrecken der Opfer mischt sich Ärger über die Polizei. Wie andere auch berichtete Hannah den Polizisten in der Nacht, wo die Übergriffe waren, aber die Beamten hätten sich nicht dafür interessiert. Da könne man jetzt nichts machen, sei die Antwort gewesen. "Sie hätten aber definitiv etwas machen können." So sieht es Hannah.

Die Sonderkommission "Neujahr" soll nun einen Bericht über die Nacht erarbeiten

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) übte Kritik: Zunächst sei der Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs geräumt worden, "und später finden diese Ereignisse statt und man wartet auf Anzeigen. So kann Polizei nicht arbeiten". Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, wies die Kritik als "inhaltlich und von der Form her völlig unangemessen" zurück.

Die Lage war nicht einfach für die Polizei. Eine dunkle Nacht, mehr als 1000 Menschen, offenbar eine hohe Anzahl an Tatverdächtigen, die nach der Räumung des Bahnhofsumfelds in kleinen Gruppen unterwegs gewesen sein soll. Was war Diebstahl? Wo setzten Trickbetrüger sexuelle Übergriffe als Ablenkungsstrategie ein? Wo war es sexuelle Gewalt ohne Raub? Das ist für die Polizei nicht leicht zu ermitteln. Doch "entspannt" war die Nacht sicher nicht, wie die Polizei am Neujahrstag zunächst bekannt gibt. Nun ermitteln bis zu 80 Beamte in der Sonderkommission "Neujahr". Ende der Woche sollen sie der Regierung in NRW einen Bericht über die Nacht vorlegen.

Die Ermittler haben bisher drei Tatverdächtige ausgemacht, zwei von ihnen sollen in Untersuchungshaft sitzen. Details zu den Verdächtigen wollte Innenminister Ralf Jäger (SPD) nicht nennen – aus ermittlungstaktischen Gründen.

Nun rufen viele nach stärkerer Präsenz von Polizisten an Bahnhöfen, besonders wenn Großveranstaltungen in der Stadt laufen. Der innenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer (CSU), sagte dieser Zeitung: "Straftaten wie in Köln können geschehen, wenn die Polizei zu wenig Präsenz auf der Straße zeigt. Wir brauchen mehr Polizei auf der Straße, um das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger zu steigern und um Straftaten besser verhindern zu können." Die Bundespolizei erhält 2016 Geld für 3000 neue Stellen. "Diese Quote würde ich mir auch von den Landespolizeien wünschen", sagte Mayer.

Recherchen zeigen: Es war deutlich mehr Polizei als sonst im Einsatz

Doch Recherchen zeigen: In der Silvesternacht war in Köln deutlich mehr Polizei im Einsatz als an normalen Tagen. Allein 70 Bundespolizisten sicherten den Hauptbahnhof, normalerweise sind es 20. 50 Beamte einer Sondereinheit reisten extra an – die Polizisten sind speziell für Beweissicherung und Festnahmen ausgebildet. Nach Informationen dieser Zeitung waren im Umfeld des Bahnhofs zudem 143 Landespolizisten im Einsatz. Insgesamt also weit mehr als 200 Polizisten.

Über mehrere Stunden versuchte die Polizei die Lage in den Griff zu bekommen. Schon ab 21 Uhr fiel der Polizei auf, dass Männer Pyrotechnik quer über dem Platz vor dem Bahnhof abfeuern. Um 22.48 Uhr protokolliert die Bundespolizei im Nachhinein, dass die Menschenansammlung bis auf 1000 oder 1500 Personen angewachsen war. Das geht aus einer internen Lageeinschätzung hervor. Bis kurz nach Mitternacht räumte die Polizei den Platz, die Menschen strömten auseinander. Ab kurz vor zwei Uhr am Neujahrsmorgen registrierte die Bundespolizei laut der Analyse erste Übergriffe – bis zum Montagabend sind es 13 Anzeigen wegen sexueller Nötigung, 64 Diebstähle, 20 Körperverletzungen und vier Raubüberfälle. Oft berichteten Geschädigte, die den Diebstahl ihres Handys anzeigten, erst auf Nachfrage der Polizisten von sexualisierter Gewalt.

Bundespolizei und Landespolizei haben am Bahnhof unterschiedliche Zuständigkeiten

Das Vorgehen von Trickdieben kennt die Polizei. Neu ist: Die hohe Zahl an Überfällen in so großen Gruppen an einem Ort. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach äußerte die Vermutung, dass die Angriffe geplant waren: "Angesichts der hohen Zahl auch von schweren Straftaten und der hohen Zahl an Tätern in der Nacht müssen wir davon ausgehen, dass diese Kriminalität organisiert war – im Vorfeld und möglicherweise auch über die Stadt Köln hinaus in anderen Städten wie Hamburg oder Stuttgart." Hinweise darauf haben bisher weder Politiker noch Polizisten.

Ein Polizeigewerkschafter berichtet über Missstimmung zwischen Bundespolizei und Landespolizei am Kölner Hauptbahnhof geben. Für den Bereich im Bahnhof und bis 30 Meter davor sind die Bundesbeamten zuständig, das weitere Umfeld gehört zum Bereich der Landespolizei. In der Silvesternacht hielten sich viele Täter vor, aber auch im Bahnhof ab. Wurden Zuständigkeiten abgeschoben? Konkrete Hinweise gibt es dafür nicht. Nur bezeichnende Aussagen: Auf der Pressekonferenz sagt der Kölner Polizeipräsident, er könne über die Lage im Bahnhof an Silvester nichts sagen. Man habe mit der Bundespolizei verabredet, dass die Zuständigkeit der Landespolizei an den Türen zum Bahnhof ende.

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