24.02.12

"Topmodel"-Auftakt

"Isch hab' auf Fotos voll die Hackfresse!"

"Hose runter, T-Shirt weg": Bei der GNTM-Premiere wurde nicht lange gefackelt. Vor Heidi Klums Stiltribunal fielen nicht nur Hüllen, sondern auch denkwürdige Stilblüten.

Von Sven Gantzkow
Foto: ProSieben/Oliver S.
Beim "Topmodel" bleit alles beim Alten: Heidi Klum und ihre beiden Thomase
Beim "Topmodel" bleit alles beim Alten: Heidi Klum und ihre beiden Thomase

Direkt auf die Zwölf, bei "Germany's Next Topmodel" werden keine Gefangenen gemacht. Für Laura beispielsweise heißt es beim ersten Auftritt auf dem Laufsteg: "Hose runter, T-Shirt weg". Das geraffte schulterlose Oberteil, das darunter zum Vorschein kommt, zieht Juror Thomas Rath mit beherztem Griff knapp über die Schamgrenze. Unterm Strich bleibt ein improvisiertes "Kleines Schwarzes".

Der Modepolizist war zufrieden, die 18-Jährige hingegen wirkt ein bisschen, als hätte sie gerade diesen berüchtigten Teenagertraum, in dem man, nur mit einem zu kurzen Hemd bekleidet, eine belebte Straße entlanggeht. Entsprechend verschämt stand das arme Ding vor dem Stiltribunal.

Weiter kam die Hessin trotzdem, schließlich war sie die erste der siebten Staffel, die Heidi Klum mit glossigem Lächeln medial bloßstellen darf. Solche Kandidatinnen braucht ihre Castingshow: Von Beginn an bereit, das letzte Hemd zu geben.

Sie laufen also wieder, die vielen reifen Mädchen und jungen Frauen, die von der Weltkarriere als mobile Schaufensterpuppe träumen. Von peinlichen Demütigungsszenarien, die sich während der offenen Castingphase abgespielt haben dürften, nimmt man bei "GNTM" im Gegensatz zu "Deutschland sucht den Superstar" bereits seit vergangenem Jahr Abstand.

"Arme hochkrempeln, jetzt wird gekämpft!"

Das weite Feld der Hoffnungsvollen, angeblich waren es über 15.000, war zu Beginn des Staffelauftakts bereits auf 50 zusammengeschrumpft.

Oder korrekter: 50+1. Die 20-jährige Melek erhielt ein Freilos in die nächste Runde. Sie musste im vergangenen Jahr ihre Teilnahme zurückziehen, weil sie an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war. "Arme hochkrempeln, jetzt wird gekämpft!", bemüht Klum eines ihrer schiefen Sprachbilder, um die hübsche Stuttgarterin zu motivieren.

Wer behauptet eigentlich immer, dass es erfrischend sei, wenn ein Promi so spricht, als habe er es gerade erst gelernt?

Egal. Zum Wesentlichen: den Kandidatinnen in diesem Jahr. Die sind selbstredend sagenhaft. Was auch sonst! Neue Staffeln von Castingshows stellen grundsätzlich alles bisher Dagewesene in den Schatten. Es ist wie bei Waschmitteln, deren verbesserte Formeln ja auch jährlich für ein noch weißeres Weiß sorgen und man sich fragt, wie grau weiße Wäsche wohl zu Großmutters Zeiten ausgesehen haben muss.

Auch "Germany's Next Topmodel" versucht sich an der Optimierung des Nonplusultras. Etwas anderes bleibt einem Format auch nicht übrig, das zwar in der Zielgruppe zuletzt immer noch zufriedenstellende Quoten einfuhr, seine beste Zeit als Medienphänomen aber hinter sich hat.

Alles beim siebten Aufguss ist höher, schneller, weiter

Um diesen Statusverlust zu übertünchen, lautet das Motto passend zum Olympiajahr "Gold für Deutschland". Alles beim siebten Aufguss der Modelsuche ist höher, schneller, weiter. Als "erfolgreichste Modelshow der Welt" wird "GNTM" während des selbstbesoffenen Prologs angepriesen.

Unterlegt ist das Ganze mit heroischen Chorgesängen: "So glamourös, so sexy, so mitreißend ist keine Show", sagt die Off-Stimme. Kurz fragt man sich, warum den Schmonzes eigentlich nicht Marco Schreyl spricht, bis einem wieder einfällt, dass das gar nicht "DSDS" ist.

Erleichterung? Iwo. Eher das Gefühl, dass Millionen Deutsche gehabt hatten, als 1986 die Neujahrsansprache vom Vorjahr lief. "Wir sind zufrieden mit unseren Mädchen", hört man Klum beispielsweise in einem Anfall fröhlicher Schnatterigkeit sinnieren. "Wir haben unterschiedliche Mädchen, große Mädchen, schlanke Mädchen, Mädchen mit Charakter."

Hört, hört! Und Arme, Beine, einen Kopf und einen Po haben sie auch, die Mädchen. Das sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Wie bei Dokutainment-Formaten üblich sagen die Juroren ihre ausgestanzten Sätze, während sie so tun, als würden sie mit jemandem reden, der neben der Kamera steht. Wer auch immer das ist – er hat den härtesten Job im deutschen Fernsehen. Ja, sogar härter, als Cutter für Vera Int-Veen sein zu müssen.

X-te Version vom Laufen, Walken und Posen

Denn wer sich ernsthaft die x-te Version davon anhören muss, was das Besondere am Modeln, am Laufen, am Walken, am Posen, am Look, an den Challenges, an der Show und an Heidi Klum ist, hat die Hoffnung auf eine baldige Genesung offensichtlich aufgegeben.

Als Zuschauer fühlt man sich nicht wesentlich besser: Man sieht verschüchterte Mädchen, die Tiefschürfendes von sich geben wie: "Ich habe so ein wunderschönes Kleid an, ich fühle mich wie eine Prinzessin!" Oder: "Ich war schon mal in Berlin, und da denkt man so: Wow, hier würde ich auch gerne mal leben."

Das Problem dabei ist nicht, dass man mit 17 solche unausgegorenen Gedanken nicht haben dürfte, sondern eher, dass so etwas lang und breit gesendet wird.

Den Mangel an Originalität, den eine Show nun mal hat, wenn im siebten Jahr in Folge nichts anderes als gelaufen wird, hat Klum in den vergangenen Jahren mit ständigen Jurorenauswechslungen ausgeglichen. Dieses Jahr allerdings bleibt auch hier alles beim Alten.

Neben Thomas Rath und Creative-Director Thomas Hayo, der immer vornübergebeugt, den Ellbogen aufs Knie gestützt, so dasitzt, als ginge er gleich mit Gunter Gabriel einen heben, scheucht Catwalk-Trainer "Cho-Chä" wieder die Mädels über den Laufsteg.

Vielleicht haben Klum ja auch die privaten Umwälzungen der vergangenen Wochen gereicht. Ein paar Konstanten im Berufsleben tun da ganz gut. Auch wenn es gähnende Langeweile hervorruft.

"Ich bin cool, ich hab 'ne Ratte!"

Bevor aber auch ProSieben aus Versehen die Bänder vom Vorjahr einlegt, weil alles so austauschbar wirkt, hat man sich in bewährter Weise so etwas wie einen Pausenclown vom Dienst herangecastet: Sara ist 21, kommt aus Leipzig, sieht umwerfend aus – und redet so viel Blödsinn zusammen, dass es eine reine Freunde ist.

Für ihren ersten "Walk" setzte sie sich ihre Ratte Uwe auf die Schulter und tönte: "Ich bin cool, ich hab 'ne Ratte!" Und im "Galileo-Spezial" vor der Show sagte Sara mit ihrem seltsamen Kauderwelsch, das am ehesten nach Hessisch klingt: "Isch hab' auf Fotos voll die Hackfresse!"

In gleichbleibender Qualität purzeln ihr auch im weiteren Verlauf die Silben unkoordiniert aus dem Mund. Bei so hoher Schlagzahl rutscht da auch versehentlich mal ein kluger Satz mit raus. Er lautet: "Jedes Mädel, das hier hergeht und sagt, es ist nicht irgendwo mediengeil, das lügt!"

Formvollendeter kann man es nicht ausdrücken.

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