Kreuzfahrtschiff
Eigenes Gewicht zermalmt "Costa Concordia"-Rumpf
Das havarierte Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" dreht sich auf dem Riff und droht langsam in die Tiefe abzurutschen. Noch immer sind tausende Tonnen Treibstoff an Bord.
Von Paul Badde
Die Costa Concordia sinkt. Wie langsam oder wie schnell, kann keiner voraussagen. Doch Teile der Kommandobrücke, die vor wenigen Tagen noch gut zu sehen waren, sind bereits unter Wasser.
Wie in einem Schock wird einem dabei noch einmal das Glück bewusst, das Kapitän Francesco Schettino auch in der Katastrophe nicht ganz verlassen hatte, als das leckgeschlagene Wrack im buchstäblich letzten Moment einen Felsen fand und damit verhinderte, dass es der Titanic gleich alle zusammen in die Tiefe riss.
Doch was am Freitag, dem 13. Januar, zunächst das Glück von mehr als 4200 Menschen an Bord war, bedroht heute die Bergungsarbeiten und die damit die gesamte Küste mit einer grauenhaften Ölpest. Denn den Wintereinbruch in Italien hat das Wrack der Costa Concordia gut überstanden. Doch die Gefahren aus dem Innern des Rumpf des 140.000-Tonnen-Kolosses, wo Tonnen von Treibstoff lagern, ist noch längst nicht gebannt.
Vor allem die Schieflage des Wracks bereitet Sorgen: Der Rumpf ist in sich zu schwer, um lange auf der Seite zu liegen. Dafür ist er nicht gebaut. Er könnte auf Dauer nur schwimmen. Jetzt ist die Sorge der Menschen auf der Insel Giglio deshalb groß, dass sie Glück im Unglück bald wieder verlässt.
Der erste Tank ist leer
Ein erster Tank mit 103 Kubikmetern Öl wurde zwar bereits entleert. Doch das sind "peanuts" angesichts der 2400 Tonnen Treibstoff, die das Kreuzfahrtschiff an Bord hatte. Auf 28 Tage wird jetzt noch der Zeitraum veranschlagt, der für das Abpumpen der restlichen Masse nötig sein wird. Bei gutem Wetter könnten zehn Kubikmeter pro Stunde abgesaugt werden, sagen Fachleute.
Die Einsatzkräfte der niederländischen Bergungsgesellschaft "Smit Salvage" arbeiteten fieberhaft an der Leerung des zweiten der sechs Tanks, die sich im Vorderteil des Kreuzfahrtschiffs befinden und zwei Drittel des Öls im Schiff enthalten.
Doch die Stabilität des gestrandeten Schiffes scheint nicht mehr gewährleistet. Allen günstigen Prognosen der vergangenen Wochen zum Trotz könnte das Schiff an seinem eigenen Gewicht zerbersten. So könnten jedenfalls Signale gedeutet werden, die Techniker und Taucher bei einer letzten Untersuchung an dem Rumpf entdeckt haben.
Das Schiff könnte sich möglicherweise – so ist die Befürchtung – auf den beiden Felsen durch den Wellengang verdrehen , auf denen es an Heck und Bug vor allem ruht. An der Granitnase am Heck sei zudem ein Riss bemerkt worden, der sich bis zum Grund hinunter ziehe. Wenn dieser Fels wegbreche, könnte die "Costa Concordia" noch einmal 70 Meter tiefer rutschen.
Es gebe jedenfalls "unmissverständliche Zeichen" für einen drohenden Kollaps der gesamten Schiffskonstruktion, hat auf der Insel ein Ingenieur der seinen Namen nicht genannt haben möchte, dem lokalen Blatt " Il Tirreno " verraten.
Die größte Gefahr stamme derzeit nicht mehr von dem Leck an dem aufgerissenen Rumpf, mit dem das Kreuzfahrtschiff auf einen Felsen aufgelaufen war, sondern von der eigenen Schwerkraft in dieser "unnatürlichen Position", wobei die innere Stabilität und Statik des Schiffes auch durch viele Sprengungen verändert worden sei, mit denen im Innern nach weiteren Opfern oder gar Überlebenden gesucht worden ist.
Es ist diese Änderung der Position des Wracks, die deshalb schon mit bloßem Auge sichtbar ist, eben der Durchgang zur Kommandobrücke, die nur für die Offiziere reserviert war. Auch er war von Tauchern aufgesprengt worden und ist seit letztem Samstag in den Wellen versunken.
Franco Gabrielli, der als Chef des Krisenstabs das Team aus Wissenschaftlern und Geologen leitet, die die Position des Wracks mit Monitoren und Lasergeräten sorgsam beobachten und kontrollieren, hält gleichwohl dagegen, dass signifikante Unregelmäßigkeiten für eine Veränderung der Position noch nicht hätten entdeckt werden können. Wenn sich das Schiff weiterhin bewege, gebe es zwar "Grund zur Sorge", hatte Nicola Casagli aus dem gleichen Team schon gesagt. Deshalb hätten Experten aber auch schon entsprechende Maßnahmen zu dessen Verankerung erwogen.
Die "Costa" wird eine gigantische Rostlaube
Dennoch birgt die derzeitige Situation selbstverständlich Risiken für die Sicherheit der Spezialisten bei allen Eingriffen. Dass betrifft nicht nur die technisch hochkomplizierte Aktion des Ölabpumpens, um eine unvorstellbare Ölpest an der Insel Giglio und schönen Küste der Toskana zu verhindern.
Experten befürchten auch, dass das Wrack, das heute noch so stolz in Weiß und Blau aus dem Wasser ragt, sich innerhalb von Monaten in eine gigantische Rostlaube verwandeln könnte, an der er es immer gefährlicher werden dürfte, ins Innere vorzudringen.
Was die schwierige Bergung des gesamten Schiffes betrifft, sollen bis zum 3. März zehn internationale Spezialfirmen einen Rettungsplan vorlegen. Spätestens Ende März soll dann der Auftrag von der Kreuzfahrtgesellschaft "Costa Crociere" vergeben werden, um das Mahnmal vor der Küste der Insel zu entsorgen, bei dessen Havarie am 13. Januar 32 Menschen ums Leben kamen, von denen bisher 17 Opfer tot geborgen wurden.
Die Kosten der Bergung sind noch nicht abzusehen. Doch 520 Millionen Dollar werden jetzt schon von den Passagieren des Unglücksschiffes von der Reederei eingeklagt.
Erste Zeremonie für die Toten
Auf dem Wasser vor dem Wrack treiben derweil Blumenkränze, die Angehörige der Opfer dort in den vergangenen Tagen von einem Boot in Erinnerung der Toten ins Meer geworfen hatten, die sie nicht begraben können. Es sei "der schwierigste Tag nach dem Unglück" gewesen, sagt dazu der Kellner Kevin Rebello aus Indien. Sein Bruder Russell hatte mit ihm an Bord gearbeitet, der nun zu den Vermissten zählt.
Alle Emails, die ihm Freunde des Bruders seitdem geschickt hätten, habe er ausdrucken lassen und nun den Wellen übergeben. In der Kirche der Insel wurde davor in einem bewegenden Trauergottesdienst aller Toten der Havarie gedacht und der Himmel angefleht, dass das Wrack mit seinen ungeborgenen Giften nicht doch noch zu einer gefährlichen Zeitbombe für die Küstenbewohner werden wird. Das möge Gott verhüten – und seine Mutter!
Eine Statue der Madonna, die Taucher aus der Kapelle der "Costa Concordia" geborgen haben, schien darüber in der Kirche fast schon in einem Berg von Blumen und Bouquets zu versinken.
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