Schweiz
"Wir messen die Kälte nicht nur, wir leben mit ihr"
Im schweizerischen La Brévine macht man bei Bibbertemperaturen aus der Not die Tugend: Zum ersten "Fest der Kälte" gab es Trompetenmusik und Wetteransager als Gaststars.
Von Elisalex Henckel
Ein Land aus Eis. Am Ufer des Genfer Sees wurde alles, was dort herumsteht, bei zweistelligen Minustemperaturen mit einer dicken Eisschicht umzogen.
Ja, es ist kalt in Deutschland, aber in der Schweiz ist es kälter. Sagt jedenfalls Jörg Kachelmann, der in der Kältewelle sein Comeback zu versuchen scheint. Seit Ende Januar moderiert er die Wettervorschau eines fränkischen Regionalsenders, vergangenen Freitag verkündete er, die Kontrolle über sein Unternehmen Meteomedia zurückerlangt zu haben, jetzt meldet er wieder Temperatur-Rekorde.
Minus 37,7 Grad hat Kachelmanns Wetterstation in der Nacht zum Montag am bayrischen Funtensee gemessen, fast warm, verglichen mit dem Wert, den sein Thermometer auf der Schweizer Glattalp angezeigt hat: "Minus 45,5 Grad!", jubelten Schweizer Zeitungen, die Bewohner von La Brévine ließ der neue Tiefpunkt jedoch kalt. Buchstäblich.
Vor 25 Jahren hat man hier den offiziellen Schweizer Rekord von 41,8 Grad minus gemessen. Seitdem gilt der 700-Einwohner-Ort im Jura als Gefrierfach der Eidgenossen. Jean-Daniel Oppliger, Wirt der Herberge zum Weißen Wolf, sieht auch nach der jüngsten Meldung in der unbewohnten Glattalp keinerlei Konkurrenz: "Wir messen die Kälte nicht nur, wir leben mit ihr."
Besucher sollen nicht trotz, sondern wegen der Kälte kommen
Seit kurzem versucht "La Brrrévine", aus der Not eine Tugend zu machen. Mit zwei Nachbardörfern hat es sich zum "Sibirien der Schweiz" zusammengeschlossen und erst vor ein paar Tagen das erste "Fest der Kälte" gefeiert, mit Trompetenmusik, Bier und bekannten Wetteransagern als Gästen.
Weitere zu Minus-Temperaturen passende Aktionen sind geplant, Schnaps aus Gelbem Enzian brennen oder spezielle Fondue-Essen. Die Besucher sollen künftig nicht trotz, sondern wegen der Kälte kommen und hinterher etwa damit angeben können, dass sie bei minus 30 Grad im Outdoor-Jacuzzi gesessen hätten, so stellt Oppliger sich das vor.
Im Engadiner Samedan verfolgt man Oppligers Pläne mit Interesse. Mit Rekorden kann der Ort zwar nicht dienen, dafür ist es im Jahresdurchschnitt drei Grad kälter als in La Brévine.
Jörg Kachelmann kämpft derweil um die Anerkennung, die ihm seine Meteorologenkollegen bisher verweigert haben. Der staatliche Wetterdienst sagte, er könne die Rekordwerte nicht verifizieren, ein Vertreter der privaten Konkurrenz kritisierte, die Messstation auf der Glattalp entspreche nicht den Richtlinien der Weltmeteorologischen Organisation.
Kachelmann will trotzdem weiter messen, auf der Glattalp sei noch mehr drin, sagte er dem "Blick", minus 55 Grad, vielleicht sogar noch tiefer.
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