22.01.12

Kapitän Schettino klagt an

Costa soll Kurs der Concordia befohlen haben

Der Schuldige schien festzustehen: Dem Kapitän der der havarierten Costa Concordia wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Doch Francesco Schettino beschuldigt nun die Reederei, den riskanten Kurs vor Giglio angeordnet zu haben.

Von Judith Luig
Foto: Getty Images/Getty
***BESTPIX*** Search For Missing Costa Concordia Passengers Resumes After Delay
Sooft es die Stabilität der "Costa Concordia" erlaubt, sind die Taucher im Einsatz.

Im Drama heißt dieser Moment Peripeteia: Ein Wendepunkt in einer Geschichte, in der alles so klar zu sein schien und in der sich auf einmal alles ins Gegenteil verkehrt. Vor ein paar Tagen noch schien der Schuldige klar: Francesco Schettino habe sich mit einer Mutprobe beweisen wollen und damit die Tragödie verursacht. Er trage die Schuld daran, dass über 4200 Menschen Schiffbruch erlitten und mindestens 13 starben. Aber seit heute sieht das anders aus.

Der unter Hausarrest stehende Kapitän Schettino hat die Reederei Costa Crociere schwer belastet . Italienische Zeitungen veröffentlichten am Sonntag Einzelheiten aus dem Verhör mit der Justiz in Grosseto. Die Reederei selbst habe den Knicks angeordnet, sagt Schettino. "Wir müssen gesehen werden", habe man ihm erklärt. Mit "Knicks", "inchino", bezeichnen die Seefahrer Manöver, bei denen sie als Ehrerbietung gefährlich nah an einen bestimmten Punkt in einem Hafen fahren.

Taucher finden Leiche auf Deck 7

"Der'Knicks' des 13. Januars", so gibt die Nachrichtenagentur Ansa Schettino wieder, "ist noch vor der Abfahrt von Civitavecchia von Costa geplant und gewollt worden." Demnach hätte Schettino auf Anweisung des Unternehmens gehandelt. "Wir grüßen die Insel. Das ist Werbung für uns", wird er zitiert.

Am Sonntag ist laut italienischer Polizei auch das erste deutsche Todesopfer identifiziert worden. Das Auswärtige Amt bestätigte diese Meldung nicht. Es lägen "keine belastbaren Informationen über deutsche Staatsangehörige unter den aufgefundenen Toten vor", sagte eine Sprecherin. Offiziell werden weiter zwölf deutsche Passagiere vermisst. Außerdem fanden die Taucher in dem unter Wasser liegenden Deck 7 am Sonntag eine weitere Frauenleiche, sie war mit einer Schwimmweste bekleidet. Die Taucher hatten erstmals einen bislang nicht zugänglichen Teil des Schiffes unterhalb der Wasserlinie erkundet.

Verwirrung gibt es unterdessen um eine ungarische Frau, die laut ihrer Familie auch auf der "Costa Concordia" reiste, von Bord sogar nach Hause telefoniert habe, die aber auf der Passagierliste nicht auftaucht. Der Leiter des italienischen Zivilschutzes, Franco Gabrielli, erkärte, der Familie zufolge sei die Frau "mit einem Besatzungsmitglied" an Bord gewesen.

Widersprüchliche Angaben

Die Ungenauigkeiten der Passagierliste mehren sich mit dieser Geschichte: Das Rätsel um die Ungarin erinnert an die mysteriöse Blondine, die mit dem Kapitän kurz vor dem Unglück im Restaurant gesehen wurde und die auch mit ihm auf der Kommandobrücke stand. Wie sich später herausstellte, war es Domnica Cermotan, eine Hostess der Kreuzfahrtlinie, die nicht als Besatzung gemeldet war, weil sie auf der "Concordia" Urlaub machte, allerdings weder auf den Passagierlisten auftauchte noch, laut Medien, eine eigene Kabine hatte. Da den Einsatzkräften zum Teil widersprüchliche Angaben über die Anzahl der Passagiere und Besatzungsmitglieder vorliegen, geht Gabrielli momentan weiter von 24 Vermissten aus.

"Es könnten blinde Passagiere an Bord gewesen sein", sagte Gabrielli gegenüber der Zeitung "La Repubblica". Das Besatzungsmitglied Manrico Giampiedroni, der 36 Stunden nach der Havarie von Tauchern gerettet wurde, widerspricht dem. "Niemand war illegal an Bord. Es gab keine Schwarzarbeiter. Costa ist ein seriöses Unternehmen."

Acht der 13 bislang geborgenen Leichen sind bislang identifiziert worden. Wie Gabrielli sagte, sind unter den identifizierten Toten der am Sonntag identifizierte Deutsche , vier Franzosen, ein Italiener, ein Spanier und ein Ungar. Bei den fünf noch nicht identifizierten Toten handele es sich um drei Männer und zwei Frauen.

Unterdessen wurden am Wochenende technische Geräte gefunden, von denen sich die Behörden Aufklärung versprechen. Am Sonnabend schon bargen Taucher eine Festplatte, auf der womöglich Aufzeichnungen von Überwachungskameras auf der Schiffsbrücke sind. Ob der ebenfalls geborgene Fahrtenschreiber die Untersuchungen vorantreiben wird, ist noch unklar. Laut Schettino war die Blackbox nicht voll funktionsfähig. "Seit 15 Tagen war das Back-up der Sprachaufzeichnung kaputt. Wir hatten einen Techniker gebeten, das Problem zu beheben, aber nichts ist passiert."

Kontakt zu Krisenmanager der Costa

Dem Kapitän, Francesco Schettino, wird fahrlässige Tötung und Herbeiführung eines Schiffsunglücks zur Last gelegt. Zudem soll er entgegen den Seefahrtsregeln den Havaristen verlassen haben, obwohl noch Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord waren. Auch soll er zu spät ein Notsignal abgesetzt haben.

Italienische Tageszeitungen zitieren auch, wie Schettino rechtfertigt, den Alarm so spät ausgelöst zu haben habe. "Bevor wir einen Notruf auslösen, müssen wir ganz sicher sein, weil man nicht mit den Passagieren auf dem Meer bleiben will und weil man auch keine unnötige Panik verbreiten will, sodass die Menschen schon vor lauter Angst sterben." Schettino berichtet von zahlreichen Kontakten mit dem Schiffseigentümer: Er habe "mehrmals" mit Roberto Ferrarini, dem Krisenmanager der Costa, gesprochen. Ferrarini habe ihm versprochen: "Ich schicke Ihnen Hubschrauber."

Den Vorwurf, seine Passagiere im Stich gelassen zu haben, wies Schettino laut "La Repubblica" zurück. "Ich, ein Feigling?", zitiert die Zeitung. "Ein gemeiner Mensch, der wegrennt? Ich hatte in der Nacht nicht einmal eine Rettungsweste, denn mein Leben zählte nichts."

Weil in den Tanks des Schiffes noch mehr als 2000 Tonnen Schweröl lagern, droht eine Umweltkatastrophe, falls die "Costa Concordia" auseinanderbricht. Mit dem Abpumpen des Treibstoffs konnte bislang nicht begonnen werden.

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