Frisuren, Texte, Voting
Die größten Momente des Eurovision Song Contest
Der nächste Eurovision Song Contest findet in Aserbaidschan statt: Das Duo Ell und Nikki hat Lena entthront. Doch auch wenn es mit dem zweiten Triumph nichts wurde, lieferte Lena eine großartige Show. Hier die Höhepunkte des Abends.
Von Britta Stuff und Torsten Thissen
Es war vielleicht ein schlechtes Omen, als Johnny Logan sagte, dass der Song von Lena Meyer-Landrut nicht in seinem Herzen ankommen würde. Der Zauber, den er bei "Satellite" gespürt habe, er sei einfach nicht mehr vorhanden. Johnny Logan ist der erfolgreichste ESC-Teilnehmer aller Zeiten, er gewann ihn drei Mal. Lena Meyer-Landrut wollte zum zweiten Mal gewinnen, allerdings zum zweiten Mal in Folge. Doch Lena belegte den zehnten Platz, was ein ganz ansehnliches Ergebnis ist, angesichts der vielen Miesmacher und Skeptiker im Vorfeld. Gewonnen haben Ell und Nikki aus Aserbaidschan mit "Running Scared", einem klassischen Popsong, geschrieben von einem Schweden. Ell und Nikki haben angeblich schon als Kinder geträumt, beim ESC mitzumachen.
Man weiß nicht genau, wie enttäuscht Lena wirklich war, bei der Bekanntgabe der Ergebnisse wurde sie nicht gezeigt, erst später, als sie schon gefasst war, sah man sie. Aber wagen wir angesichts der Niederlage eine kleine These: Hauptsache, es war ein schöner Abend. Hier die Höhepunkte.
Lena
Ihren besten Auftritt hatte sie am Anfang, auch wenn sie gegen 42 Doubles antreten musste. Stefan Raab spielte "Satellite" zusammen mit Anke Engelke und einer Band, und Lena sprang zwischen den falschen Lenas herum und sah aus wie jemand, der Spaß hat, wirklich Spaß hat. Bereits nachmittags lief die Meldung, dass erneut Google eine Prognose zum Eurovision Song Contest wagt und Lena Meyer-Landrut mit "Taken By A Stranger" auf Platz eins sieht - wie schon im letzten Jahr. Bei ihrem eigentlichen Auftritt wirkte sie nicht mehr wie die Lena, die man kannte, sie ist eine andere geworden in dem Jahr des Erfolgs: Düsterer, erwachsener. Am Schluss ein kleines Lächeln, als wollte sie sagen: Hey, ich bin die, die ihr kennt.
Das Voting
Spannend war es schon. Die ersten Punkte für Lena kamen aus den Niederlanden, überraschenderweise. Und natürlich hielt der Osten wieder zusammen. Lena wurde nach unten durchgereicht. Finnland pusht Ungarn, die Skandinavier halten zusammen. Der Balkan bleibt unter sich. Es ist wieder die alte Blockbildung, was für viel Unmut in der Halle sorgt. Die Briten stimmen für Irland, kein Punkt für Lena. Aber Österreich diesmal immerhin zehn Punkte für Deutschland. Es zog sich natürlich, wie immer. Aber das ist ja das Spannende.
Der Schwiegermuttertraum
Der 20-jährige Finne Paradise Oskar aus Finnland war direkt der erste, also hatten selbst elfjährige Mädchen, die um 22 Uhr ins Bett müssen, noch Gelegenheit, sich mal eben zu verlieben. Als auf der LED-Leinwand im Hintergrund eine riesige Weltkugel aufging, klatschten die 36 000 Zuschauern in der Halle brav: Denn Paradise möchte die Welt retten!
Die Bühne
"Ein Lied kann eine Brücke sein", sang in den 70ern Joy Flemming. Wahrscheinlich hatte sie recht damit. Aber ein Lied kann auch großer Mist sein und dann rettet den Künstler nur die Bühne. Wir sprachen schon vom Finnen, doch auch die etwas heruntergekommene Boygroup Blue aus England hatte Glück mit dieser Ausstattung. Sie war wie ein Modezar auf Kokain bei Moldawien, sie bestand aus Hunderten von Spiegeln, bei Lena und bei Irland sah sie aus wie ein Kindergeburtstag. Sie war auch nicht zu groß, wie in Moskau etwa, als die Künstler vor lauter Bühne untergingen. Insgesamt 12 Punkte für das Bühnenbild. Mal abgesehen von der schwedischen Entgleisung, als Eric Saade die Fensterscheibe einschmiss wie ein ungezogener Junge.
Die Darbietungen
Eine der Regeln des ESC ist - kein Spaß -, dass keine Tiere auf der Bühne in die Darbietung integriert werden dürfen. Außerdem dürfen maximal sechs Personen auf der Bühne mitwirken, was, bei sagen wir mal, der Kelly Family schwierig wäre. In diesem Jahr gab es alles, von dramatisch (Hand durch Haar, Gebärdensprache) über erprobt (Synchron-Tanz) bis hin zu sexy (aus einem langen Kleid wurde mit einem kurzen Ruck ein kurzes).
Die Kostüme
Dino Merlin, der alte Haudegen aus Bosnien-Herzegowina, hatte seine alte Karo-Jacke aus dem Schrank gekramt, die Österreicherin hatte sich ein Mireille-Mathieu-Kostüm ausgeliehen. Insgesamt hielten sich die Geschmacksverirrungen in Grenzen. Lediglich der zwanzig Hühner, die für die Ukraine ihre Federn lassen mussten, sei hier noch einmal gedacht.
Die Frisuren
Was man mit Haaren alles machen kann! Frisurentechnisch ist Europa auf jeden Fall führend. Großartig nicht nur die Zwillinge aus Irland, die im Vorfeld ihre Frisur als Pappaufsetzer an die Fans verteilt hatten und offenbar auch den Leadsänger Dänemarks beschenkt hatten. Auch Ungarn konnte mit Kati Wolf eine Mähne vorweisen, die man seit Dieter Bohlens Glanzzeiten im deutschen Fernsehen nicht mehr gesehen hatte. Doch das alles war nichts im Vergleich zu den Frisuren Moldawiens, von denen nur kleine Geister denken, es seien Hüte gewesen. Lena sah das Problem auch nach den ersten Proben: Meine Haare müssen wilder sein, sagte sie. Und bekam prompt Extensions.
Der statistische Sieger
Eigentlich hätte Hotel FM gewinnen müssen. Aus statistischer Sicht haben die Sängerinnen und Sänger mit der Startposition 17 die besten Chancen: Sechs Mal siegten Teilnehmer, die von der 17 aus ins Rennen gingen. Startposition 2, 16, 21 und 25 waren oft Nullnummern. Lenas Startnummer 16 war also kein gutes Omen. Tja.
Die Windmaschinen
Wo waren sie? Im letzten Jahr blieb beim ESC kein Haar ungeweht. In diesem Jahr - nichts. Dafür: Feuer, viel Feuer.
Die Moderatoren
Eigentlich will man eine solche Show ja gar nicht moderieren, eine Show, in der die Moderatoren nur Kulisse sind. Stefan Raab sah man wohl am ehesten an, wie störend er das ESC-Korsett findet. Raab lebt vom Unerwarteten. Von Kärtchen oder Teleprompter abzulesen langweilt ihn. Judith Rakers hingegen wurde von Sendung zu Sendung, von Probe zu Probe besser. Gestern Abend klappte dann wirklich alles reibungslos. Die Frau macht keine Fehler, sie sieht gut aus. Dass sie manchmal rüberkommt, als hätte sie eine Dachlatte verschluckt, fällt angesichts der kurzen Moderationsstrecken kaum auf. Einen sehr guten Job hat Anke Engelke gemacht. Wahrscheinlich muss man auf der Welt lange suchen, um jemanden zu finden, der perfekt auf das Anforderungsprofil eines Moderators dieser Sendung passt. Engelke ist dreisprachig aufgewachsen, sie ist seit 1974 bekennender ESC-Fan, sie ist charmant, sie kann singen.
Die Länderpräsentationen
Es war ja viel kritisiert worden, dass der NDR so viele Gebühren für eine Veranstaltung ausgibt, die manche ein bisschen neben der Spur finden. 20 Millionen Euro soll das alles gekostet haben. Dass man trotzdem sparsam war, zeigten die Einspielfilme: Statt ein Team in die jeweiligen Länder zu schicken, suchte man sich einfach Letten, Bulgaren, Russen und Dänen in Deutschland. Vielleicht war es ein bisschen komisch, dass die Filme an die Werbung für die Telekom erinnerten, aber das wird vielleicht nur Vodafone bemerkt haben, die nebenbei einer der Hauptsponsoren waren. Schön waren sie zumindest. Besonders die Franzosen, Mann und Frau, sie schwanger, die sich auf der Kölner Hohenzollernbrücke küssten. So ist der ESC: Ein bisschen kitschig.
Die Texte
"Come on boys, come on girls in this crazy, crazy world. You're the diamonds, you're the pearls", gesungen von der Band A friend in London, gewinnt den Preis für den absurdesten Text. Übersetzt: "Hey Jungs, hey Mädchen, in dieser verrückten Welt. Ihr seid die Diamanten, ihr seit die Perlen." Da loben wir uns Lena: "Can't help it if you like it, Cause I won't be here tomorrow." - "Ich kann nichts dafür, wenn dir das hier gefällt. Aber morgen, da bin ich nun mal nicht mehr hier." Ja, so war es.
Hier der Auftritt des Sieger-Duos bei Youtube:
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