Nach dem Erdbeben
Explosion in Atomkraftwerk - Störfall-Stufe vier
Nach der Explosion im Kernkraftwerk Fukushima in Japan droht der GAU - erhöhte Radioaktivität wurde bereits festgestellt. Trotzdem soll alles unter Kontrolle sein. Inzwischen gilt für das Atomkraftwerk die Störfall-Stufe vier von insgesamt sieben.
Als die Nachricht von einer Explosion im Kernkraftwerk Fukushima über die japanischen Fernsehsender flimmert, breitet sich Angst in aller Welt aus. Grauenhafte Bilder von der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl gerieten im fernen Westen wieder in böse Erinnerung, doch in Japan selbst blieben die Menschen vergleichsweise gefasst.
"Wegen des Atomkraftwerks mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Ist das echt so schlimm?", fragt der 21-jährige Kaji Shimauchi, der gerade vom Urlaub auf den Philippinen heimgekehrt ist. Als er auf seinem Smartphone die Nachricht liest, außerhalb der Evakuierungslinie gebe es keine Gefahr, liest er sein Buch weiter.
Andere haben weniger Vertrauen in das Katastrophenmanagement der Regierung und brechen gen Süden auf. In den Supermärkten decken sich außerdem manche Bürger mit Hamsterkäufen ein. Insgesamt geht das Leben in Tokio aber seinen gewohnten Gang, bis auf den Umstand, dass viele Züge Verspätung haben. Regierungssprecher Yukio Edano ruft die Bevölkerung trotzdem auf, ruhig zu bleiben. Das ist sie auch.
Drei Menschen wurden bereits verstrahlt
In der Regierung selbst jedoch herrscht höchste Alarmstufe. Regierungssprecher Edano informiert mit ernster, aber unaufgeregter Miene über den neuesten Stand. Denn es herrscht Angst vor dem GAU. In der Nähe des Atomkraftwerks sei radioaktives Cäsium festgestellt worden, erklärt die Atomsicherheitskommission. Drei Menschen sollen bereits verstrahlt sein. Eine Bestätigung dafür, dass es in den Reaktoren aber tatsächlich zu einer Kernschmelze kam, gibt es aber nicht. Das Cäsium könnte auch beim Ablassen von Druck entwichen sein.
Immer wieder betonen die Behörden, die Lage sei unter Kontrolle. Die Explosion werde zu keinem größeren radioaktiven Leck führen, sagt zumindest Regierungssprecher Edano. Auch Japans Atombehörde stuft den Vorfall im AKW Fukushima weniger schlimm ein als die Zwischenfälle im US-Kernkraftwerk Three Mile Island 1979 und in Tschernobyl 1986. Am Gehäuse des Reaktors gebe es keine ernsten Schäden. Die Evakuierung der Anwohnern sei eine Vorsichtsmaßnahme und nicht wegen besonderer Gefahrenlage erfolgt.
Allerdings wurde der Evakuierungsradius um die beschädigten Kernkraftwerke inzwischen von zehn auf 20 Kilometer ausweitet. Außerdem wollen die Behörden Jod an Bewohner verteilen. Es wirkt den Auswirkungen radioaktiver Strahlung entgegen. Eine Erhöhung der Strahlung in der Umwelt kann das Risiko erhöhen, an Krebs zu erkranken.
Inzwischen wurde der Vorfall in die Kategorie Nummer vier der von null bis sieben reichenden Skala eingeordnet, teilte die Behörde für Atomsicherheit mit. Nach Angaben des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz können Vorfälle in dieser fünfthöchsten Kategorie eingestuft werden, wenn es zu einer geringen Freisetzung von radiaktivem Material gekommen ist und "begrenzte Schäden am Reaktorkern aufgetreten sind. Das Atomunglück von Tschernobyl war Stufe sieben, ein "katastrophaler Unfall". Fukushima ist demnach "Atomunfall mit lokalen Konsequenzen".
Andere Probleme als der Atomausstieg
Während zehntausende Atomkraftgegner am selben Tag mit einer Menschenkette von Stuttgart zum Kernkraftwerk Neckarwestheim für einen sofortigen Atomausstieg demonstrieren, geht es in Japan allein um die Frage der Sicherheit der Meiler.
Noch immer erschüttern Nachbeben die Erde. Fakt ist, dass sich Japan auch nach wiederholten Pannen und schweren Unfällen in den Atomkraftwerken des Landes bislang nie davon abbringen ließ, seinen Atomkurs fortzusetzen. Und das bislang ohne große öffentliche Diskussionen. Zu den bereits mehr als 50 bestehenden Meilern soll bis 2030 ein weiteres gutes Dutzend hinzukommen. Ob sich daran etwas ändern wird, darf bezweifelt werden.
Für Japan gibt es jetzt aber Wichtigeres, als über die Frage eines Atomausstiegs nachzudenken. 21.000 Menschen müssen in Notunterkünften hausen. In der schwer betroffenen Provinz Miyagi fehlte laut Medienberichten von 10.000 Menschen jedes Lebenszeichen. Die Regierung befürchtet bislang mehr als 1000 Todesopfer. Nachbeben hielten die Menschen des Landes auch in weit vom Epizentrum entfernten Gegenden in Atem.
Derweil begannen die Einsatzkräfte mit ersten Aufträumarbeiten. Wann die verwüsteten Gebiete wieder zur Normalität zurückkehren, ist noch nicht abzuschätzen. Regierungschef Naoto Kan, der die Katastrophenregion am Samstag per Helikopter besuchte, rief die Bürger auf, das Desaster gemeinsam zu überwinden.
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