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05.12.10

Unfall bei "Wetten dass"

Gottschalk - "Hätten wir Samuel abraten sollen?"

Bange Minuten im "Wetten dass"-Studio: Kandidat Samuel Koch blieb bei der ersten Wette nach einem Sturz regungslos liegen und wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert. Thomas Gottschalk brach die Sendung sofort ab.

Getty Images

Danach stürzte er auf den Bühnenboden.

3 Bilder

Der Alptraum jedes Showmasters – für Thomas Gottschalk ist er am Sonnabendabend eingetreten. In der Show "Wetten dass" aus Düsseldorf ist einer seiner Kandidaten schwer verunglückt. Der 23-jährige Samuel Koch musste nach einem schweren Sturz noch in der Halle behandelt und anschließend ins Krankenhaus gebracht werden. Dabei hatte Gottschalk, seit gut zwanzig Jahren das Aushängeschild für die ZDF-Show, vor der Wette von Koch noch oft darauf hingewiesen, wie gefährlich das Unterfangen des Studenten sein würde: Koch hatte gewettet, auf elastischen "Powerjump"-Stelzen innerhalb von vier Minuten über fünf nacheinander auf ihn zufahrende Autos springen zu können.

Ein spektakuläres und gefährliches Unterfangen, dass in den Proben jedoch immer geklappt habe, wie Gottschalk die erste Wette des Abends anmoderiert. "Sie werden die Augen schließen, aber lassen Sie sie auf, sonst verpassen Sie das beste", rät Gottschalk seinem Publikum. Aber wer will schon die Augen schließen bei so einem netten jungen Mann wie Samuel Koch, den "jede Mutter gern zum Schwiegersohn hätte", wie es Michelle Hunziker formuliert.

Die Stimmung in der Düsseldorfer Halle ist gut. Erst vor gut 20 Minuten hat die Sendung begonnen, Komiker Otto Waalkes und Schauspielerin Sara Nuru haben eben erst auf der berühmten Wettcouch Platz genommen. Sie sind zuversichtlich, dass der 23-jährige Koch die Sprünge über die fünf Autos – vom Smart bis zum Geländewagen – schaffen würde. Samuel Koch macht einen konzentrierten, aber gut gelaunten Eindruck. Es sieht nicht so aus, als hätte der gebürtige Koblenzer Zweifel an dem, was er gleich vor Millionen von Fernsehzuschauern tun würde. Er ist ganz auf seine Wette konzentriert. Seine Mutter, die im Publikum sitzt, versucht so gelassen wir möglich zu bleiben. Samuels Fans in der ersten Reihe klatschen, jubeln, feuern ihren Freund an. Gottschalk witzelt, dass die "Powerjump"-Stelzen wohl in Berlin erfunden worden sein müssen, "damit man nicht dauernd in Hundekacke tritt".

Den ersten Sprung, einen Salto über einen Smart, schafft Samuel Koch. Den kleinen Ausfallschritt nach der Landung, er scheint unerheblich. Der junge Mann ist mit Helm und Gelenkschonern geschützt. Den zweiten Versuch bricht er jedoch ab, läuft links neben dem Mini aus. Den dritten Versuch meistert er, das Publikum ist begeistert. Dann der vierte Sprung, es wird zusätzlich zur Schwierigkeit der Wette besonders spannend: Den Wagen fährt Samuel Kochs Vater.

Doch Samuel liegt gut in der Zeit, hat noch etwa zwei Minuten, um seine spektakuläre Wette zu gewinnen. Samuel atmet tief durch, tippelt auf den gebogenen Stelzen hin und her. Dann gibt er das Zeichen zum Starten, sein Vater hebt zur Bestätigung den linken Arm aus dem Seitenfenster des silbernen Audis. Er fährt an, Samuel läuft auf ihn zu. Aus einer Kamera im Auto sehen die Zuschauer in leicht wackligen Bildern, wie Koch mit riesigen Sätzen auf den Wagen zuspringt. Dann ein Wechsel in die Vogelperspektive – und der Schock: Samuel Koch stürzt hinter dem Wagen, schlägt mit dem Gesicht auf den Hallenboden.

Es ist 20.40 Uhr. Sanitäter und Ärzte eilen in die Halle, rollen eine Trage herein. Samuels Mutter stürzt zu ihrem Sohn. Michelle Hunziker ist schockiert: "Bitte sagt uns, dass er okay ist", fleht sie. "Die Situation sieht ernst aus", sagt Gottschalk.

Gespenstische fünf Minuten in der Liveübertragung beginnen: Das ZDF zeigt die schockierten Zuschauerränge, nie die Behandlung des Schwerverletzten. "Wir brauchen ein Tuch", ruft Michelle Hunziker immer wieder. Zuschauer im Saal fordern, dass die Kamera direkt neben dem Verletzten ausgeschaltet werden solle. Gottschalk versucht sie zu beruhigen. "Die läuft nicht, das ist nur die Lampe. Wir brauchen hier das Licht."

Es ist 20.45 Uhr. Koch wird abtransportiert, mit Blaulicht durch die eiskalte Nacht und leichten Schneefall in die Universitätsklinik gefahren. In der Halle erhält Gottschalk schließlich eine Regieanweisung, dass ein Einspielfilm zur Verfügung steht und die Show unterbrochen wird. "Ich kann nicht so weiter moderieren, als wäre nichts passiert", sagt der sichtlich geschockte Gottschalk. Er spricht eine kurze Abmoderation in die Kamera.

Das ZDF zeigt einen Einspielfilm mit Musik aus zurückliegenden Folgen von "Wetten, dass". Erst einen Auftritt von "Modern Talking". Dann die "Black Eyed Peas". Dann "Donna Summer". Es geht so weiter, quälend lange 25 Minuten. Endlich erscheint Thomas Gottschalk wieder vor der Kamera. "Samuel geht es dem Umständen entsprechend gut. Er ist ansprechbar, er spürt seine Beine." Nach einer Lähmung sehe es im Moment nicht aus. Gottschalk wirkt gefasst, professionell – aber mitgenommen. "Ich bedauere das unendlich. Man macht sich natürlich auch Vorwürfe: Hätten wir Samuel abraten sollen? Wir haben mehrfach geprobt, Samuel hatte Spaß."

Es ist nicht ganz 21.15 Uhr, als es soweit ist: Dass noch Take That kommen sollte, das erste Mal im deutschen Fernsehen wieder mit Robbie Williams zusammen, dass es noch eine Außenwette von der Langlauf-Weltcup-Strecke am Rheinufer geben sollte, dass Gottschalk sich anstelle von Michelle Hunziker tätowieren lassen wird, dass Gottschalk mal wieder im direkten Quotenduell gegen Dieter Bohlens "Das Supertalent" bei RTL seinen Mann stehen muss – all das ist in diesem Moment vollkommen egal. Thomas Gottschalk sagt den Satz, den der 60-Jährige in seiner Karriere noch nie sagen musste. "Wir werden die Sendung abbrechen. Wir können nicht auf heiter machen, wenn wir nicht heiter sind. Ich halte es für meine Pflicht, nicht einfach so weiter zu spielen, als wenn nichts passiert wäre."

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