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02.09.10

"Hart aber fair"

Bei Plasberg ätzt Sarrazin gegen Michel Friedman

In Frank Plasbergs Talkshow traf Thilo Sarrazin auf Michel Friedman. Statt Argumente zu bringen, entschied sich Sarrazin für Beleidigungen.

© REUTERS
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"Rechthaber oder Rechtsausleger – Deutschland streitet über Sarrazin." Der Titel, den Frank Plasberg für die dritte "Hart aber fair"-Sendung nach der Sommerpause wählte, brachte die Krux auf den Punkt: Das Land diskutiert derzeit weniger über die altbekannten Thesen des Polit-Krawallos, als vielmehr über die Frage: "Darf der das?" Schließlich ist 'der’ ja SPD-Mitglied und im Vorstand der Bundesbank, also einer staatlichen Einrichtung.

Diese Konstellation sorgt scheinbar für frivole Schauer bei vielen Deutschen, die sich durch die wachsende Anzahl von Migranten in Deutschland bedroht fühlen, dies aber nicht laut zum Ausdruck bringen.

Man ist ja kein Nazi. Seine öffentliche Funktion und das Parteibuch machen Sarrazin zum Rebellen – eine Deutung, mit der sich seine Sympathisanten vom Verdacht befreien, einfach nur dumpf fremdenfeindlich zu sein. Wenn der das schon darf...

Kurz nachdem Thilo Sarrazin sein 460-Seiten-Werk vorgestellt hatte, wurde bekannt, dass das SPD-Präsidium einen möglichen Rausschmiss des Querulanten prüft. Zu "Hart aber fair" erschien Sarrazin nun geradewegs von der Anhörung durch den Vorstand der Bundesbank in Frankfurt, der ebenfalls darüber nachdenkt, wie die lästige Personalie abgewickelt werden kann. Beide Schritte würden den Populisten mit einem Schlag zum Märtyrer machen – und genau darauf scheint er es anzulegen.

Am Montagabend ließ sich Sarrazin bereits bereitwillig bei Reinhold Beckmann von gleich sieben Kontrahenten ins Kreuzverhör nehmen, ohne besonderen Elan bei der Gegenwehr an den Tag zu legen. Sein ungerührtes Geständnis: "Jetzt bin ich erst mal dabei, die Auflage zu steigern."

Dass ihm an einer sachlichen Auseinandersetzung nicht gelegen ist, machte er bei Frank Plasberg mit einer beachtlichen Respektlosigkeit gegenüber seinem Diskussionsgegner Michel Friedman deutlich, indem er befand: "Wenn Sie mein Buch gelesen haben und das sagen, was sie gesagt haben, können Sie nicht besonders intelligent sein." Ein kalkulierter Tabubruch. Dass er sich so endgültig den Unmut der Runde und des Studios zuzog, schien geplant zu sein – Thilo gegen den Rest der Welt. Diese Rolle kommt an. In Umfragen, Kommentaren und Leserbriefen überwiegt die Zustimmung zu seinem Rebellentum und den diffusen Überfremdungsängsten.

Doch was treibt den ehemaligen Finanzsenator von Berlin an? Hat Sarrazin etwa tatsächlich "außer der Provokation keine anderen Hobbys", wie Plasberg vermutete? "Nein", widersprach der 65-Jährige. Er habe das Buch vielmehr für sich selbst geschrieben und den Verlag eher zufällig gefunden.

In der Tat scheint die Integrations-Debatte schon seit langem sein großes Thema zu sein. Bei diesem beschränkt er sich allerdings seit jeher auf die Rolle des Anklägers, der die Bringschuld der Migranten anmahnt.

Zu Recht, denn natürlich kann es einem Land nicht gleichgültig sein, wie heterogen sich seine Bevölkerungsstruktur entwickelt. Nur bietet Sarrazin wenige Lösungen an, dafür umso mehr beängstigende Zahlenkolonnen.

Man kann sagen, dass sich das 460-Seiten-Werk in erster Linie mit Statistiken beschäftigt. Zu den Zahlenspielen hat der promovierte Volkswirt eine ganz eigene Beziehung: "Wenn ich Statistiken lese, dann sehe ich keine Menschen", erklärte er einst. Das lässt psychologisch tief blicken, erklärt aber auch, wieso der Autor immer wieder weltfremde, teilweise widersprüchliche Interpretationen der angeführten "wissenschaftlichen" Erhebungen servierte.

So schmiss er in der Sendung "Ethnien", "Volksgruppen" und "Nationen" begrifflich durcheinander und verhedderte sich auf fremden Fachgebieten, besonders der Genetik. Sarrazin behauptete etwa, "die Forschung" sei sich einig, "dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz erblich bedingt sind". Daher könne man logischerweise nicht alle Probleme mit Bildung allein lösen.

Die Psychologin Prof. Elsbeth Stern, von Sarrazin an diversen Stellen als Quelle angegeben, widersprach dieser Vereinnahmung in einem Interview mit der "Zeit" ausdrücklich: "Mit seinem mehrfach wiederholten Satz 'Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich’ zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat." Mit dem Einspieler konfrontiert, schwatzte der Gescholtene ungerührt weiter.

Nur einmal ließ sich Sarrazin auf eine Vorhaltung ein: Seine in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" getätigte Aussage vom "jüdischen Gen" sei lediglich ein "Blackout" gewesen. Eine schöne Metapher für den Weg des ehemals roten Politikers.

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