Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/vermischtes/article1363044/Duisburg-Stadt-der-gebrochenen-Herzen.html
twitter Facebook StudiVZ/MeinVZ
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Trauerfeier

Duisburg – Stadt der gebrochenen Herzen

Die politische Spitze Deutschlands verneigte sich vor den Loveparade-Opfern. Alle fragen nach der Schuld der Verantwortlichen.

Wann kommt man schon mal von Lübeck aus hierher? Wieso sollte man auch nach Duisburg kommen? Wenn wir feiern wollen, fahren wir normalerweise nach Hamburg, sagt einer von ihnen. Er humpelt, er trägt eine schwarze Baggy-Jeans und ein schwarzes T-Shirt, die beiden Mädchen, die mit ihm zur Karl-Lehr-Straße gekommen, tragen Sweatshirts mit Kapuzen, die sie vorher gebügelt haben, ebenfalls in schwarz, dem Anlass angemessen. Der Weg ist gar nicht so weit, sie haben ihn anders in Erinnerung länger vor allem, viel länger. Wohl drei bis vier Stunden haben sie beim letzten Mal für die paar Meter gebraucht.

Das ist auf den Tag genau eine Woche her, und sie hatten damals keinen Blick für die hohen Bäume links und rechts, für die Vorgärten und die großen Bürgerhäuser an beiden Seiten der Straße. Sie hörten nicht das Rauschen der Blätter und sahen nicht die Menschen, die hier wohnen, sich kaum noch heraus trauen, hinter ihren Gardinen stehen und spinksen.

Und natürlich kam ihnen die Duisburger Karl-Lehr-Straße viel, viel schmaler vor. „Es war so unendlich eng“, sagt eines der Mädchen, „ich hätte das nicht wiedererkannt.“ Es war heiß und schwül an diesem Tag, und weil so viele von ihnen Trillerpfeifen hatten, weil sie sangen und sich anschrien, war es auch „wahnsinnig laut“. Heute sind hier der Wind, Schritte auf Asphalt, Stille, die nur Angst macht, beklemmt, nichts Friedliches hat.

Der Junge und die beiden Mädchen halten sich an den Händen, deuten auf Briefe, auf Blumen, auf Stofftiere und kleine, bemalte Steine. Wenn sie etwas sagen – wie die meisten Menschen hier, vermeiden sie es meist, zu sprechen – dann flüstern sie. Je näher sie der Rampe kommen, desto langsamer werden sie, als scheuten sie den Ort, als seien sie einfach noch nicht soweit. Die Mädchen weinen, der Junge hält sich verkrampft an seinen zwei Rosen fest, er humpelt.

Nein, sie werden nicht zum Gedenkgottesdienst gehen, sie würden gern, doch sie haben keine Einladung, und im Radio haben sie gehört, dass die Salvatorkirche überfüllt sein wird. Vielleicht werden sie ins Stadion gehen, wo der MSV normalerweise Fußball spielt, da soll die Feier („Sagt man das eigentlich so?“) ja auch übertragen werden. Sie wissen nicht, wo das Stadion ist, sie wissen nicht, welche Kirchen geöffnet sind, sie sind heute Morgen einfach losgefahren, weil sie es zuhause nicht mehr ausgehalten haben.

Ihr bester Freund ist an dieser Rampe da vorne totgetreten worden, sie haben die Loveparade überlebt. Eines der Mädchen sagt, eher zu sich selbst, sie könne nicht mehr aufhören zu weinen. „Vielleicht nach heute?“ Es gibt Hunderte Plakate hier. Neben der Trauer beschäftigen sich die meisten aber mit einem anderen Gefühl: Der Wut. Irgendwer hat in ganz Duisburg weiße Zettel aufgehängt. Darauf steht in schwarzen Buchstaben nur ein Wort: „Schande.“

„Man schämt sich ja beinahe, aus Duisburg zu kommen“, sagt eine Frau am „Tunnel des Todes“, wie die Straße nun heißt. Überall werde man angesprochen, es gibt kein anderes Thema mehr. Redet man mit Duisburgern an diesem Tag über die „Schande“, kommt man schnell auf zwei Männer zu sprechen: Oberbürgermeister Adolf Sauerland und der Veranstalter der Loveparade, Rainer Schaller. „Das war kein Unglück, das war ein Verbrechen“, sagt ein Mann. Es fällt ihm schwer zu trauern, und getröstet will er nicht werden. Er wolle die Wahrheit wissen und die Schuldigen bestraft sehen. Er will „Gerechtigkeit“, wie der Mann sagt. Und man mag ihm schon zustimmen, all denen mag man zustimmen, die an diesem Tag fassungslos und wütend vor den Absperrungen auf irgendetwas zu warten scheinen, die kopfschüttelnd an diesem Tunnel stehen, denen heute, eine Woche nach der Katastrophe, klar ist, dass der Zugang für eine solche Masse Menschen zu schmal ist, dass das Gelände eine Todesfalle sein muss.

Bis der Gottesdienst beginnt und man die etwa 100 Angehörigen in der Duisburger Salvatorkirche sieht. Sie kommen durch einen Seiteneingang, begleitet von einer Schar Notfallseelsorgern, während in ganz Duisburg die Glocken läuten und alle Fahnen auf Halbmast hängen. Eltern, Großeltern, Geschwister, Lebenspartner kommen, kleine Kinder, denen man ihr Unverständnis ansieht, alte in sich gekehrte Männer, die sie schluchzend an der Hand halten. Manche von ihnen nehmen trotzig und aufrecht Platz und fallen in sich zusammen, sobald sie sitzen, andere müssen den ganze Weg gestützt werden, weinen immer wieder.

Beladen mit Schuld

Vielen sieht man an, dass sie einfach nicht hierher gehören. Es ist einfach nicht richtig, dass sie hier sitzen, alles in einem sträubt sich dagegen. Man sieht ihnen an, wie plötzlich sie der Verlust ihres Verwandten, ihres Partners getroffen hat, wie unvorbereitet sie waren, wie sehr sie im Leben standen, als der Tod kam. Schlagartig wird soviel Leid in der Kirche gegenwärtig, dass man nach einigem Schlucken und nachdem die Glocken aufgehört haben zu schlagen, an Veranstalter Schaller und OB Sauerland denken muss.

Verantwortlichkeiten sind das eine, und Fahrlässigkeit und Sorglosigkeit und Dummheit und Unvermögen und Ehrgeiz und Gewinnstreben das andere. Doch zwei Männern all die Schuld für all dieses entsetzliche Leid zu geben, muss ungerecht sein. Selbst wenn sie fahrlässig gehandelt hätten, was nebenbei noch aufzuklären ist, soviel Schuld kann und darf kein Mensch tragen, der vor sieben Tagen noch ein sehr angesehener Politiker und Vater von vier Kindern war oder ein bewunderter Unternehmer.

Die Angehörigen der Opfer sind vor dem Gottesdienst auf Umwegen nach Duisburg gebracht worden. Sie versuchen einen Tag durchzustehen, der schwerer nicht sein kann. Die Kanzlerin hat vor der Veranstaltung mit ihnen gesprochen. Als Angela Merkel in der ersten Reihe Platz nimmt, ist ihre Miene versteinert. Es fällt ihr sichtlich schwer, die Fassung zu wahren. Als zum Einzug Bachs „Erbarm dich mein, o Herre“ gespielt wird, sitzt sie mit geschlossenen Augen da. Sie weint nicht und wird nicht weinen, doch sie wird auch nicht unmittelbar nach der Veranstaltung für ein Statement vor die Presse treten, obwohl das eigentlich so geplant war. Wahrscheinlich denkt auch sie, wie Bundespräsident Christian Wulff, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Außenminister Guido Westerwelle, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und wahrscheinlich jeder in dieser Kirche: Was für ein furchtbarer Albtraum das hier ist. „Die Loveparade wurde zum Totentanz, liebe Gemeinde“, eröffnet der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, seine Predigt.

Er spricht von den Schreckensbildern, Fassungslosigkeit – und von „Menschen, die wie versteinert Verantwortung von sich wegschieben“. Auch der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck spricht in seiner Predigt von denen „die sich der Verantwortung stellen müssen“. Beide sagen viel Wahres, und doch klingt es seltsam hohl. „Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt“, sagt Schneider, doch stärker als der Tod sei die Liebe. Liebe sei es auch, die durch den Schrecken dieser Tage trage, sagt Overbeck.

21 Kerzen für die Toten

Doch wie so oft sind es die Gesten, die es vielleicht vermögen, Trost zu spenden: Als Vertreter der Kirchen und Einsatzkräfte aus dem Seiteschiff der Kirche kommen und 21 Kerzen für die 21 Toten anzünden etwa. Oder als Hannelore Kraft am Ende ihrer Rede, in der sie lückenlose Aufklärung verspricht, die Stimme versagt. Sie hatte, während sie sprach, mehrfach um Fassung gerungen. Es sei schwer, angesichts des Todes von 21 jungen Menschen Worte zu finden, sagte sie. Und: „Sie alle hatten ihre ganze Zukunft noch vor sich.“ Kraft, deren 17-jähriger Sohn auch auf der Loveparade war, sagte, sie könne nachempfinden, „was Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten“. Später sitzt sie weinend in der Bank, es ist das einzige Mal, dass Merkel aus ihrer Starre erwacht, sie versucht Kraft, die zwei Plätze neben ihr sitzt, zu trösten, erreicht sie jedoch nicht.

In den Fürbitten wird an das Leid der Angehörigen, der verletzten und der hilflosen Besucher, der traumatisierten Helfer, der machtlosen Polizisten gedacht. Die letzte Fürbitte gilt denen, „die Verantwortung tragen für das, was geschehen ist. Lass diejenigen, die an Schuld zu zerbrechen drohen, deine Barmherzigkeit erfahren. Bewahre uns alle davor, Menschen vorschnell zu verurteilen, damit Wut und Zorn nicht die Stadt regieren“, betet Bischof Overbeck. Die Gemeinde antwortet: „Herr, erbarme dich.“

Auch abseits der offiziellen Feierlichkeiten finden zahlreiche privat organisierte Trauerfeiern statt. Gebete in verschiedensten Kirchen, die Uni hat zum Andenken an die Opfer geladen. „Wir sind extra morgens nicht zum offiziellen Trauergottesdienst gegangen, weil wir uns vom Staat, der Stadt und der Polizei im Stich gelassen fühlen“, erzählt ein holländischer Teilnehmer, der auf seinem T-Shirt „Hardcore Rotterdam“ stehen hat. Es ist eine bunte Truppe. Tausende Menschen, gleich welcher Altersgruppe, vom Kleinkind bis zum Großvater. Sie kommen aus Spanien, Italien, den Niederlanden. Sogar Briten sollen unter den Teilnehmern sein. Für jedes Land, aus dem ein Opfer kommt, wird ein Laken mit dem Namen des Landes gemalt: Bosnien, China, Australien, Spanien und so weiter. Zahlreiche Menschen tragen T-Shirts mit Aufschriften wie „Duisburg ist nicht Sauerland“, womit sie wieder auf die umstrittene Rolle des Oberbürgermeisters Sauerland anspielen. Er soll Sicherheits-Warnungen übergangen und die Widerstände innerhalb der Verwaltung gegen die Loveparade ignoriert haben. Aber er hält weiter an seinem Amt fest. Für die Teilnehmer des Trauerzuges indiskutabel. „Wir klagen an“, steht auf einem Plakat. „Den Veranstalter und die Stadt“.

Es ist später Nachmittag, als sich etwa 2000 Menschen in Bewegung setzen, um den Toten von Duisburg ihre letzte Ehre erweisen. Sie folgen einem Aufruf im Internet „Rest in Peace – Trauerzug Loveparade“ und nehmen den Weg, den die meisten der Toten auch genommen haben. Vom frisch für das Jahr der Kulturhauptstadt sanierten Hauptbahnhof, wo die Züge wie an jedem Tag an- und abfahren, geht es quer durch die Stadt zu dem stillgelegtem Güterbahnhof. Die Menschen tragen schwarze Luftballons mit sich und Kerzen, sie sind traurig und wütend und eigentlich wissen sie nicht so recht, was sie machen sollen. An der Karl-Lehr-Straße liegen frische Blumen. Die Kanzlerin hat ein großes Gebinde in Schwarz-Rot-Gold geschickt. Daneben sind Kränze vom Bundespräsidenten, vom Bundestagspräsidenten, von der Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, von der Stadt Duisburg, von Taxifahrern. Die schweren Blumengestecke stehen auf dem Bürgersteig, vor dem Tunnel. Auch Bürger haben Sträuße mit breiten Trauerschleifen abgelegt – und mit eindeutigen Aufschriften: „Erst Friede, Freude, Eierkuchen – jetzt Trauer, Wut und Hass – Warum?“ Vor einer Woche, genau um diese Zeit passierte es.

Mitarbeit: Frank Seidlitz



Erschienen am 31.07.2010

Anzeige
Video-Nachrichten aus Berlin
Video Ausstellung
Ausstellung
Gerhard Richter in Berlin
Anzeige
Die Zeitung
Premium Inhalte
Berliner Morgenpost Apps