Tote und Verletzte
Loveparade-Desaster – Auf der Spur der Schuldigen
19 Tote, 342 Verletzte - nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg hat die Suche nach den Schuldigen begonnen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Es gibt Vorwürfe, dass die Stadt Duisburg Sicherheitsbedenken in den Wind geschlagen hat.
Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft(SPD, re.), Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) und Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU, li.) besuchen am Sonntag im Malteser Krankenhaus St. Anna in Duisburg Opfer der Loveparade-Katastrophe.
Rainer Schaller wollte feiern. Und Werbung machen. Schaller ist Chef der Fitnessstudiokette McFit. Und Schaller gehören die Rechte an der Marke Loveparade. Schallers Lopavent GmbH hatte 2006 mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Metropole Ruhr vereinbart, dass die Loveparade für mindestens fünf Jahre ins Ruhrgebiet umzieht. Doch dazu kommt es nicht. Nachdem bei der Loveparade in Duisburg 19 Menschen starben und 342 teils schwer verletzt wurden, soll es nie wieder eine Loveparade geben.
Loveparade-Veranstalter Schaller musste schon im vorigen Jahr auf das Techno-Spektakel verzichten. Die Stadt Bochum gab ihm keine Genehmigung. Das war ein herber Rückschlag, nachdem der Techno- Treck ein Jahr zuvor in Dortmund 1,8 Millionen Besucher angezogen hatte – mehr als jemals in Berlin bei einer Loveparade waren. Rekord. Schaller sprach damals vom "Wunder von Dortmund": "Wir haben Geschichte geschrieben. Ein Riesenspektakel, ein rauschendes Fest, eine Musikexplosion."
Sonntag, 25. Juli 2010: Rainer Schaller trägt ein schwarzes Hemd und eine ernste Miene. Er sitzt im Rathaus der Stadt Duisburg auf einem Podium. Und sagt: "Die Love Parade war immer eine friedliche Veranstaltung und fröhliche Party." Dass die Veranstaltung auf dem ehemaligen Duisburger Güterbahnhof in einer Katastrophe mit Toten enden würde, damit hätte niemand rechnen können. Die Konsequenz: "Das ist das Ende der Love Parade".
Der Oberbürgermeister ist angeschlagen
Auf der Pressekonferenz, an der auch Veranstalter Schaller teilnimmt, gab kaum Antworten "Es gibt sicherlich viele Fragen", sagt Duisburgs Oberbürgermeister Alfred Sauerland (CDU). "Doch ich bitte um Verständnis, dass wir keine 24 Stunden nach dem Unglück die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen haben. Wir bitten um Verständnis". Widersprüche werden nicht aufgeklärt: Die Loveparade-Macher hatten am Tag des Unglücks von rund 1,4 Millionen Besuchern gesprochen. Die Duisburger Polizei dagegen teilt mit, dass in der Zeit von 9 bis 14 Uhr lediglich 105.000 Menschen mit der Bahn in Duisburg angekommen seien – und das sei auch der Großteil der Loveparade-Besucher gewesen. Er wisse, dass die Frage nach dem Warum im Vordergrund stehe, sagte Oberbürgermeister Sauerland. Der CDU-Politiker ist sichtlich angeschlagen. Trotzdem ist er an genau diesem Punkt auffallend einsilbig.
Die Staatsanwaltschaft war bereits im Rathaus, hat das Sicherheitskonzept und die weiteren Unterlagen zur Loveparade beschlagnahmt. Deswegen will sich Sauerland zu den "individuellen Schwächen", die er nach dem Desaster am Samstag ausgemacht hatte, einen Tag später nicht mehr äußern. Er müsse auch seine Mitarbeiter schützen. Die Pressekonferenz wird für Sauerland zum Spießrutenlauf. Polizei, Ordnungsamt und Veranstalter weisen Vorwürfe zurück, wollen von Warnungen schon Monate zuvor nichts wissen. Nach Angaben der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) aber hatten Sicherheitskräfte sehr wohl vor der Loveparade massive Vorbehalte geäußert. Duisburg habe sich mit der Veranstaltung übernommen, sagte der DPolG-Bundesvorsitzende Rainer Wendt: "Das war einfach eine Nummer zu groß." Einiges deute darauf hin, dass die Veranstalter sich über Bedenken hinweggesetzt hätten. Davon will Oberbürgermeister Sauerland nichts wissen: "Ich habe mit dem Leiter der Feuerwehr vor der Veranstaltung gar nicht gesprochen." Er lässt aber offen, ob es Warnungen gab. Er persönlich sei gar nicht in die Planung eingebunden gewesen, sagt Sauerland. Und der stellvertretende Polizeipräsident bestreitet, dass es eine Massenpanik gab.
Warnung zwei Wochen vor der Katastrophe
Alles kreist um die Frage, die Schaller aufgeworfen und verneint hat: Ob die Katastrophe zu vermeiden gewesen wäre. Verwiesen wird dazu vielenorts unter anderem auf einen Kommentar, den ein Nutzer mit dem Pseudonym " klotsche " auf den Seiten des WAZ-Internetportals DerWesten.de hinterlassen hat, und zwar bereits am 7. Juni (Originalzitat):
"sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen? also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß, wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten? ich fass es nicht!!!! ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen."
Der Zugang zum Loveparade-Gelände führte durch den Tunnel der Karl-Lehr-Straße im Duisburger Stadtteil Hochfeld. Das Verkehrskonzept der Stadt sah vor, die Loveparade-Teilnehmer vom nördlich gelegenen Hauptbahnhof Duisburg in zwei Strömen – einer westlich, der zweite östlich – zum weiter südlich gelegenen Partygelände gehen zu lassen. Im Süden des Geländes führte die von sehr breiten Eisenbahnbrücken überspannte Karl-Lehr-Straße die beiden Besucherströme zusammen und leitete sie dann aufs Gelände. Der Weg unter den Eisenbahnbrücken hindurch wird vielfach als "Tunnel" beschrieben. Darin haben tausende Menschen Platz. Von der Unterführung geht es im rechten Winkel über Kopfsteinpflaster auf das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs.
Der Ort des Unglücks
Stadt und Polizei hatten sich auf einen etwa zwei Kilometer langen Umweg verlegt, um den Andrang zu entzerren. Das Problem: Es gab nur eine Straße, um auf das Gelände hinauf und wieder hinunter – Ankommende und Abziehende sollten aneinander vorbeiströmen. Getrennt waren die beiden Marschrichtungen aber nur durch Absperrgitter – die kippten um, die Menschen auf dem Hinweg und auf dem Rückweg vermischten sich. Für Stunden war der Ein- und Ausgang blockiert.
Und genau dort, wo die Karl-Lehr-Straße auf den Zugang zum Gelände trifft, gab es dann Tote. Immer mehr Menschen stauten sich. Auf Fotos und Handy-Videos ist unter anderem zu sehen, wie eine offenbar bewusstlose Frau über die Köpfe der dicht an dicht stehenden Menschen in Richtung einer schmalen Treppe getragen wurde. Und an dieser Treppe – die offenbar zunächst abgesperrt war – starben mehrere Menschen.
Tod an der Treppe
"Im Moment stellt sich die Lage so dar, dass keine Person im Tunnel zu Tode gekommen ist. Alle Verstorbenen sind auf der westlichen Seite der Zugangsrampe aufgefunden worden", sagt der stellvertretende Duisburger Polizeipräsident Detlef von Schmeling. 14 Menschen seien von der besagten Metalltreppe gestürzt, zwei seien an einer Plakatwand am Aufgang zum Gelände ums Leben gekommen. Drei Menschen erlagen später im Krankenhaus ihren Verletzungen - wo und wie sie sich die zugezogen haben, dazu gab es keine Angaben. Und eine Massenpanik habe es nicht gegeben, sagt von Schmeling. "Eine Massenpanik ist ein wertender Ausdruck über den Umfang des Geschehens. Mein persönlicher Eindruck bestätigt eine Massenpanik nicht."
Am Sonntag hat die Polizei alle 19 Todesopfer identifiziert. Unter den Opfern seien acht Ausländer: aus Australien, den Niederlanden, Italien, Bosnien-Herzegowina und Spanien. Zudem handle es sich um eine in Düsseldorf lebende Chinesin. Die deutschen Opfer stammen laut Polizei aus Gelsenkirchen, Münster, Castrop-Rauxel, Bad Oeynhausen, Bielefeld, Mainz, Lünen, Hamm, Bremen, Steinfurt und Osnabrück.
"Wir werden lückenlos aufklären", verspricht der Duisburger Oberbürgermeister. Und betont, dass alle Genehmigungen für die Durchführung der Loveparade vorgelegen haben, erteilt von den jeweils zuständigen Stellen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt trotzdem – wegen fahrlässiger Tötung. Zwei Strafanzeigen sollen eingegangen sein.
"Dass man das nicht hat kommen sehen, das verwundert mich", sagte der Berliner Discjockey WestBam. Maximilian "WestBam" Lenz, einer der bedeutendsten deutschen Techno-DJ, hatte in Duisburg auftreten sollen – und tat es nicht. Sein Flug zum Veranstaltungsort hatte Verspätung, er erfuhr von dem Unglück erfahren, als er das Flugzeug verließ. Der Veranstalter habe ihn gebeten, trotzdem aufzutreten, um Schlimmeres zu vermeiden. "Ich habe kurz überlegt, dann aber abgelehnt", sagt WestBam. "Beim besten Willen, ich fand das einen absurden Gedanken und hätte es geschmacklos gefunden. Ich wollte zur Party auflegen – nicht aber für ein Requiem." Er könne einerseits verstehen, dass man in Duisburg den Wunsch hatte, ein solches Großereignis zu veranstalten. Andererseits, sagt WestBam, sei Duisburg letztlich keine Großstadt. Schon in Dortmund sei es ihm sehr eng auf dem Partygelände vorgekommen. Dass Duisburg mit der Ausrichtung überfordert gewesen ist, habe sich nun auf tragische Weise gezeigt.
Sicherkeitskonzept rechnete mit 500.000 Besucher
Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen, war an der Planung des Sicherheitskonzepts für die Loveparade beteiligt. Der Wissenschaftler, der nun vielfach als "Panikforscher" beschrieben wird, hat ein Stauprognose-Modell entwickelt und sich zuletzt mit dem Verhalten von Fußgängerströmen befasst. Er sagt: "Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen.". Schreckenberg verrät, dass das Sicherheitskonzept keineswegs von 1,4 Millionen Menschen ausging, sondern von maximal 500.000 - verteilt über die Stadt. Der Tunnel, an dessen Rampe die meisten Menschen starben, habe aber nur eine Kapazität von 20.000 Menschen pro Stunde. Bis zu 250.000 Loveparade-Teilnehmer sollten durch dieses Nadelöhr auf das Gelände geschleust werden - und wieder herunter.
Er habe, sagt Schreckenberg, den Veranstaltern gesagt: "Wenn der Tunnel die Lösung ist, muss das bis ins Letzte durchgeplant werden." Es könne dort zu Überlappungen von anströmenden und abströmenden Menschenmassen kommen – was nach bisherigen Erkenntnissen anscheinend geschah. Er habe auch eine Videoüberwachung der Rampe angeraten, sagt Schreckenberg. Der Veranstalter habe dies aber abgelehnt. Auch hätte die Treppe an der Rampe, an der die meisten Toten gefunden wurden, besser abgeschirmt, «vielleicht sogar besser gesprengt werden sollen». Wo Menschen sich dicht gedrängt stauen, suchen sie schließlich nach Auswegen. Schreckenberg sieht "Schuldige auf beiden Seiten", meint damit auch risikofreudige Kletterer unter den Besuchern. Er lässt aber erkennen, dass die Planung zwar "bestens" gewesen sei, die Ausführung - das "Tunnelmanagement" des Veranstalters – jedoch das Problem gewesen sein könnte.
"Wenn der Tunnel geschlossen wird, sollten die Notausgänge geöffnet werden", sagt er. Außerdem bräuchten die Menschen Ansprache: "Die Menschen brauchen eine Perspektive, dass und wann es weitergeht. Dann bleiben sie auch ruhig." Aber letztlich haben 4000 Polizisten und 1000 Ordner nicht gereicht, um die Katastrophe von Duisburg zu verhindern. Den Schlusspunkt unter die 19. und letzte Loveparade wird die Justiz setzen. Irgendwann. Die Verantwortlichen eilen am Sonntag zurück in die Krisenstäbe.
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