05.04.10

Chinas Kohlegruben

Die sagenhafte Rettung von 115 Bergleuten

179 Stunden haben sie in 600 Meter Tiefe nach einem Wassereinbruch in einem chinesischen Kohle-Bergwerk im Dunkeln ausgeharrt. Jetzt sind die 115 eingeschlossenen Arbeiter gerettet worden. Die Partei in China feiert dieses Wunder mit allen Kräften. Auch, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Foto: REUTERS

Das schwere Grubenunglück im Norden Chinas vor gut einer Woche haben mindestens 114 der eingeschlossenen Bergarbeiter überlebt.

7 Bilder

Die erschöpften Helfer stolpern in Schutzanzügen und Helmen aus dem Schachteingang. Besorgte Rufe sind zu hören: "Geht Langsam, geht langsam." 35 Minuten nach Mitternacht haben sie den ersten Kumpel an die Oberfläche gebracht.

Sie tragen den Geretteten auf einer Bahre, haben ihn mit einer Baumwolldecke von Kopf bis Fuß zugedeckt. Das Staatsfernsehen geht live auf Sendung. Er ist der erste von neun Männern, die einer nach dem anderen aus der Grube gebracht werden.

179 Stunden haben sie in 600 Meter Tiefe im Dunkeln ausgeharrt, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Wasser und Nahrung. Ambulanzwagen fahren unter Blaulicht vor. Teams von Ärzten und Rettern halten sich bereit, denn nach acht Tagen und sieben Nächten völlig unterkühlten und entkräfteten Männern, Nothilfe zu leisten.

Sie haben überlebt, weil sie sich auf erhöhte Plattformen in ihren Schächten flüchteten. Sie kauten das Kiefernholz der Schachtstützen, schleckten Tropfen von den Wänden. China, das mit den meisten Grubenopfern der Welt einen traurigen Rekord hält, erlebt ein österliches Wunder.

Am Montag, an dem es seinen Totengedenktag "Qingming" als traditionellen Feiertag begeht, rettet es 115 von 153 eingeschlossene Kumpel. So viele konnten die Bergungsmannschaften lebend bergen. Fernsehbilder zeigten vor Glück weinende Angehörige, die nicht mehr geglaubt hatten, ihre Männer, Söhne oder Väter wieder zu sehen. Vor Müdigkeit taumelnde Helfer sagen in die Kamera. "Dafür war es wert, tagelang nicht zu schlafen."

Zuvor hatten Klopfzeichen an einer Bohrsonde angezeigt, dass es Überlebende geben muss. Mit vier gigantischen Pumpsystemen wurde darauf der Wasserspiegel in den Schächten noch schneller gesenkt und 150.000 Kubikmeter Wasser herausgepumpt. Dann sieht einer der Retter fernab flackernde Lichter tief in den Schächten. Dort versucht eine Gruppe von Bergleuten abwechselnd mit ihren Grubenhelmen Lichtsignale zu geben, ohne zu wissen, ob es jemand sieht. 33 Retter paddeln mit Schlauchbooten in den Schacht und holen die ersten neun Überlebenden aus der Wangjialing-Staatsmine in Nordchinas Shanxi an die Oberfläche.

Die Ärzte staunen, wie stabil ihr Kreislauf ist. Sie hatten Glück, dass sich in der Grube kein Gas gebildet hat. Chinas Zeitungen verschieben ihre Andrucktermine auf den frühen Morgen. Selbst das Parteiorgan "Volkszeitung" erscheint mit der aktuellsten Schlagzeilen, die es je hatte, auf der Titelseite vom "Wunder des Überlebens". Als es hell wird, läuft die Rettungsaktion koordiniert an.

Die Retter bergen die Kumpel im Fünf-Minutentakt. Ein Bergmann berichtet, wie er sich vor der Flutwelle retten konnte, indem er sich mit seinem Gürtel drei Tage an einem Haken der Grubenwand festklammerte, bevor er dann in einer vorbei treibenden Lore zu einem höheren Plateau gelangte. Dorthin hatten die Retter von der Oberfläche ihren Schacht gebohrt, über den sie die ersten Klopfzeichen hörten und Sauerstoff und Traubenzucker-Lösungen herabpumpten.

Peking plante die Rettung generalstabsmäßig. 3000 Helfer wurden mobilisiert, Taucher, Spezialisten und Ärzte der Provinz zusammengezogen, Stromgeneratoren herbeigeschafft, Küchen eingerichtet. Ärzteteams bereiteten sich in fünf Hospitälern vor. Die Rettung so vieler nannte der Arzt He Xiuming ein Wunder menschlicher Überlebenskraft und Willens, die sich auch bei Überlebenden des Sichuaner Erdbeben zeigte.

Peking kann das Wunder gut brauchen. Kein Land ging in den vergangenen Jahren so fahrlässig mit der Grubensicherheit und dem Leben von Bergarbeitern um, wie China. Kampagnen zur Arbeitssicherheit, bessere Kontrollen und die Schließung vieler privater Kohlegruben hatten die furchterregenden Zahlen von 2003 noch 6434 Gruben-Tote Jahr um Jahr auf knapp 2700 Kumpel 2009 gesenkt, die bei Unfällen im Bergbau starben.

Die Zahl ist allerdings noch immer mehr als in allen anderen Staaten der Welt zusammen. Jetzt kann die Propaganda wieder stolz das Kommando übernehmen. Die Parteiführer Hu Jintao und Premier Wen Jiabao gratulieren. Im zentralen Abendfernsehen wird ein Kommentar vom "Zusammenstehen der großen sozialistischen Gemeinschaft" verlesen. Die Rettung der Kumpel ist zu allererst das Verdienst der Partei. Für sie kommt das Wunder wie gerufen, um die Stimmen kritischer Journalisten verstummen zu lassen. Die hatten immer lauter gefragt, warum die Direktoren der Staatsgrube Warnungen mehrerer erfahrener Arbeiter vor dem Wassereinbruch ignorierten.

Die Rettung verdrängt auch die erneute Vielzahl kleinerer Grubenunglücke in den vergangenen Wochen, wo Korruption und Gier der Grund waren. Zuletzt steigt etwa die Zahl der Toten einer Gasexplosion in Yichuan im benachbarten Henan auf 28 Kumpel. 16 liegen noch unter der Erde. Grubenchef und Dorffunktionär Wang Guozheng hatte das Bergwerk illegal betrieben.

Die Grube wurde am 1. Mai 2009 geschlossen, als Wang den Tod zweier Bergarbeiter verschleiern wollte. Mit dem inzwischen verhafteten Wang wurde auch der Kreis-Parteichef von Yichuan mit abgesetzt. Wegen solcher krimineller Vorfälle ordnet Pekings Staatsrat eine landesweite Inspektion der Arbeitssicherheit an.

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