Missbrauchsfälle
Liebe ja, Sexualität nein
Beinahe täglich werden neue Missbrauchsfälle aus den 70er- und 80er-Jahren bekannt. Doch trotz der Skandale darf die Schule kein gefühlskalter Ort werden. Denn ohne Zuneigung ist Lernen nicht erfolgreich, sagt der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth auf Morgenpost Online.
Von Margita Feldrapp
Morgenpost Online: Ist pädagogischer Eros nur noch ein anderer Begriff für Pädophilie?
Heinz-Elmar Tenorth: Nein, das wäre tragisch. Pädagogischer Eros meint die liebevolle Zuwendung zum Kind, ein starkes Vertrauensverhältnis, etwa die Beziehung zwischen Grundschülern und ihrer Lehrerin. Erfolgreiches Lernen muss immer emotional getönt sein, als gemeinsame Arbeit erfahrbar. Schüler lernen nicht allein aus Liebe zum Fach. Sie lernen auch aus Zuneigung zum Lehrer. Sie brauchen Nähe und müssen Akzeptanz fühlen, eine Liebe, die aber frei sein muss von sexuellen Untertönen.
Morgenpost Online: Der Grat zur Pädophilie ist da aber extrem schmal.
Tenorth: Leider ist das so. Das wusste schon Platon. Er unterschied deshalb zwischen Eros und Sexualität. Eros war nicht frei von Körperlichkeit. Eros im negativen Sinn, Sexualität, war aber nur auf Körperlichkeit reduziert. Der positiv verstandene, pädagogische Eros im heutigen Verstande bedeutet geistige Zuneigung und gibt Freiraum für persönliche Entfaltung, andererseits aber auch emotionale Zuwendung, nicht körperliche Zudringlichkeit.
Morgenpost Online: Solcher positiv verstandene Eros dürfte an Schulen dann kaum mehr zu finden sein. Welcher Lehrer wagt schon noch, den Arm um ein weinendes Kind zu legen. Es könnte als sexuelle Nötigung ausgelegt werden.
Tenorth: Das muss man befürchten, und das ist ein Problem. Schulen geht eine wichtige soziale Dimension verloren. Alltägliche Zuwendungen können als Indiz für Homophilie gedeutet werden. Unterricht soll in größtmöglicher Distanz stattfinden. Aber Schulen dürfen nicht zum gefühlsneutralen Ort werden. Das geht weder in der Grundschule gut noch in einer Klasse pubertierender Jungs. Hier gehört die Präsenz von Körperlichkeit zum Teil des Spiels, erwachsen zu werden.
Morgenpost Online: Bis in die 50er-Jahre war eine Ohrfeige normal, heute wird sie bereits im Kontext sexueller Übergriffe genannt. Was ist geschehen?
Tenorth: Die Diskussion um die Ohrfeigen des Papstbruders zu seiner Zeit im Internat der Regensburger Domspatzen ist in der Tat ein Indiz dafür, wie sehr sich die Pädagogik gewandelt hat. Gerade das Leben in Internaten war bis in die 60er-Jahre von extrem hierarchischen Strukturen und starker Disziplin bestimmt. Das umfasste einerseits körperliche Strafen, andererseits aber auch besondere Rituale: Morgens um sechs aufstehen, kalt duschen, im Wald laufen, bewusst gewählte Nacktheit – meist nicht sexuell gedeutet. Im Gegenteil, all das sollte sogar helfen, Sexualität zu kontrollieren und nicht auszuleben. Gerade Eliteinternate waren eigene Welten, stark disziplinierend, körperformierend, wie das von Kurt Hahn gegründete Internat Gordonstoun, die Schule, die Prinz Charles erlitten hat.
Morgenpost Online: Auch Robert Musil beschreibt aber in seinen "Verwirrungen des Zöglings Törleß", wie sehr er unter der erotisch aufgeladenen Atmosphäre der Mitschüler litt.
Tenorth: Golo Mann ist im Beziehungsgeflecht von Schloss Salem auch nicht klargekommen, während sein älterer Bruder Klaus die Zeit an der Odenwaldschule als glücklichste Zeit seines Lebens beschreibt, weil er nichts tun musste, einfach nur da sein durfte und von Paul Geheeb anerkannt war. Die Erfahrungen waren also unterschiedlich. Die Literatur, auch die englische, zeigt aber, dass Internate schon immer ein Nährboden für den Missbrauch waren. Ich selbst war froh, dass ich dem Internat schnell entkommen konnte.
Morgenpost Online: Weshalb ist man in Internaten so anfällig für Pädophilie?
Tenorth: Es ist eine Melange aus der Abgeschiedenheit der Welt, dem Getrenntsein von der Familie, der starken Bindung an die Gruppe und der Abhängigkeit von den Pädagogen. Außerdem ziehen pädagogische Berufe offenbar Menschen mit pädophilen Neigungen stark an. Pädophilie ist eine Mischung aus überstarker Zuwendung zum Kind und körperlicher Gewalt – auch wenn Pädophile das selbst nicht so wahrnehmen. Die Bevölkerung hingegen ist wesentlich sensibler geworden, bisweilen aber auch zu empfindlich.
Morgenpost Online: Wo beginnt denn aus Ihrer Perspektive der Missbrauch?
Tenorth: Körperliche Strafen und Übergriffe in jeder Form sind Missbrauch, da gibt es keine Entschuldigung. Zum psychischen Missbrauch gehören auch Liebesentzug und öffentliches Bloßstellen. Sexueller Missbrauch beginnt schon dann, wenn man körperliche Befindlichkeiten der Kinder und Jugendlichen nicht akzeptiert. Der Adressat muss immer die Möglichkeit haben, sich – auch der gut gemeinten – körperlichen Zuwendung ohne negative Folgen zu entziehen. Wenn das nicht gegeben ist, stimmt etwas nicht.
Morgenpost Online: Von körperlichen Züchtigungsmaßnahmen hat man sich in der Pädagogik ganz klar distanziert. Heute werden Schüler nicht mehr mit Kleiderbügeln verprügelt. Von der emotionalen, erotischen Komponente der pädagogischen Beziehung konnte man sich dagegen nie so recht verabschieden. Warum?
Tenorth: Diskutiert hat man es schon in den 20er-Jahren. In der Jugendbewegung, in der sich junge Leute um einen "Führer", den Pädagogen, scharten, hat man klar gesehen, dass solche Beziehungen oft homoerotisch belastet waren, einerseits zwischen den Jugendlichen, andererseits zwischen Zögling und Lehrer. In der historischen Bildungsforschung galten auch Reformschulen schon immer als homoerotisch geprägt. Gustav Wyneken, einer der wichtigsten Pädagogen der Jugendbewegung, der auch den Begriff der Jugendkultur geprägt hat, kam schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts wegen Päderastie vor Gericht und musste die Leitung des Landerziehungsheims Wickersdorf aufgeben. Aber während man körperliche Strafen gerade in der reformpädagogischen Debatte der 70er-Jahre als Herrschaftsgebaren strikt ablehnte, was etwas zeitversetzt auch an den Schulen ankam, hat man sich von der als heuchlerisch geltenden Unterscheidung von Sexualität und Eros der 20er-Jahre wieder distanziert. Man wollte mit Tabus brechen, sich zu seiner Sexualität bekennen.
Morgenpost Online: Deshalb ließ man Kinder nackt umherspringen …
Tenorth: … und tolerierte zum Beispiel in Neills Summerhill-Schule sogar Sexualität. In bürgerlichen Milieus hat man Tabus aufgeweicht, aber Grenzen noch gewahrt. In radikaleren Milieus galt die Aufhebung der Intimsphäre zwischen Kindern und Erwachsenen als Indiz dafür, dass man emanzipiert und mündig war. Katholische Kreise waren dort als reaktionär verschrien, weil sie sich vehement gegen die Verwischung der Grenzen zwischen positiv verstandenem pädagogischem Eros und Pädophilie wehrten – umso bizarrer die Situation in kirchlichen Internaten, in denen man ja trotzdem nicht vor sexuellem Missbrauch gefeit war. Sexualpädagogisch extreme Positionen wurden jedenfalls lange Zeit eindeutig vertreten, männerbündisch-homoerotische Beziehungen als produktive intellektuelle Milieus beschrieben, nicht nur für den George-Kreis.
Morgenpost Online: Es scheint so, als würden sie in der Gesellschaft einen besonderen Schutz genießen.
Tenorth: Den Eindruck konnte man haben. Es war eigenartig, dass die massive Kritik an der Odenwaldschule 1999 nur ein kurzes Flackern blieb. Der Fall wurde nicht aufgearbeitet, das Verfahren gegen den ehemaligen Schulleiter eingestellt. Als die Debatte um das Berliner Canisius-Gymnasium entbrannte, war absehbar, dass auch die Odenwaldschule wieder Thema werden würde. Mich hat es jedenfalls nicht überrascht, dass sich angesichts der neuen Aufmerksamkeit für das Thema auch hier die Opfer zu Wort meldeten. Sehr viele wussten, was in der Odenwaldschule problematisch war.
Morgenpost Online: Auch berühmte Reformpädagogen wie Hartmut von Hentig, der Lebensgefährte des ehemaligen Schulleiters?
Tenorth: Dazu kann ich nichts sagen. Was mir jetzt wichtiger ist: Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Gewiss, man kann heute kaum mehr in aller Unschuld sagen, Pädagogik "vom Kinde aus" zu machen, wie die zentrale Losung der Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts lautet. Aber ohne die reformpädagogische Wende ginge schulische Arbeit wohl bis heute an der Lebenswirklichkeit und Motivation der Schüler vorbei. Man würde die Lernenden auch weniger als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmen. Missbrauch dis8kreditiert nicht die gesamte Pädagogik, nicht unter Reformpädagogen, nicht unter Priestern.
Morgenpost Online: Wie können Kinder und Jugendliche lernen, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren?
Tenorth: In Schulen sollten offene Kommunikation und das Prinzip der Reversibilität herrschen, in Wort und Tat. Worte und Handlungen, die Lehrpersonen gegenüber ihren Schülern wählen, müssen diese auch ihnen gegenüber wählen können. Regeln des Umgangs, Verständigung und Anerkennung muss man aufbauen. Dadurch entwickeln Kinder und Jugendliche ein sicheres Gefühl dafür, was zu weit geht, und sie treten auch dafür ein. Gute Lehrer unterstützen Kinder und Jugendliche auch darin, sich gegen Lehrer, die die Grenzen überschreiten, zur Wehr zu setzen.
Morgenpost Online: Und das soll klappen?
Tenorth: Ja, immer wieder und nicht nur zufällig. Sonst müssten wir komplett verzweifeln am Bildungssystem.
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