Erdbeben in der Türkei
Jedes vierte Todesopfer ist ein Kind
Samstag, 13. März 2010 14:28Bei dem Erdbeben in der Türkei wurden mindestens 51 Menschen getötet und mehrere Dörfer verwüstet. Erdstöße der Stärke 6 ließen in der Provinz Elazig Dutzende Häuser und die Minarette mehrerer Moscheen einstürzen. Besonders tragisch: Die landestypische Bauweise hat die Opferzahl wahrscheinlich erhöht.
Als Zeynep Yüksel am frühen Morgen wach wird, wackelt das ganze Haus. Die Möbel werden durcheinander geworfen, der Fernseher zerbirst. „Ich hatte große Angst“, berichtet die junge Frau einige Stunden später. Ihr Heimatdorf Okcular im Südosten der Türkei ist durch den Erdstoß der Stärke 6,0 größtenteils zerstört worden.
Zeynep Yüksel gehört zu den Glücklichen, die mit dem Leben davongekommen sind: In Okcular und einigen Nachbardörfern starben durch das Beben 51 Menschen, jedes vierte Todesopfer ist ein Kind. Viele dieser Menschen könnten noch leben, wenn die Behörden und auch die Bewohner der Gegend die Erdbebengefahr ernster genommen hätten, kritisieren Experten.
„Ich bin rausgerannt, habe rechts und links geschaut, ob noch jemand im Haus ist, dann ist alles eingestürzt“, erzählt eine Überlebende in Okcular.
Wie viele Dorfbewohner hat sie sich nach ihrer eigenen Rettung an der Suche nach anderen Opfern beteiligt. Mit bloßen Händen habe sie in den Trümmern des Hauses von Verwandten gegraben, sagt sie – doch sie fand nur die Leichen von zwei Kindern und deren Mutter. Am frühen Nachmittag werden im Erdbebengebiet die ersten Todesoper zu Grabe getragen.
Der Rote Halbmond hat unterdessen im Hof der Dorfschule von Okcular sein Hauptquartier für Hilfsleistungen eingerichtet, für Überlebende wie Zeynep Yüksel werden Zelte aufgebaut, Decken und warme Mahlzeiten verteilt.Der türkische Staat, der bei früheren Erdbeben oft genug bei der Soforthilfe versagte, wird diesmal sofort aktiv. Selbst die Bewohner von unzerstörten Häusern suchen Schutz in den Zelten, denn zwei starke Nachbeben und dutzende kleiner Beben sorgen in Okcular immer wieder für neue Panik.
Die in dieser Gegend häufig für den Hausbau verwendeten Materialien Lehm und Naturstein seien für die vergleichweise hohe Zahl der Todesopfer verantwortlich, sagt Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Die Lehmhäuser haben selbst einem Erdstoß wie dem vom Montag, der von Experten der türkischen Erdbebenwarte Kandilli als schwer, aber keineswegs katastrophal eingestuft wird, nichts entgegenzusetzen.
Fachleute wie der selbst aus der Unglücksprovinz Elazig stammende Istanbuler Wissenschaftler Naci Görür fragen sich, warum die Behörden und die Einwohner selbst nicht mehr getan haben, um die Folgen möglicher Erdbeben in der Region zu minimieren.
Dass die Gegend um Elazig ganz besonders bebengefährdet ist, sei erst bei kürzlichen Informationsveranstaltungen in der Region thematisiert worden, sagt Görür im Fernsehen. „Aber unsere Bevölkerung und unsere Behörden nehmen die Warnungen nicht ernst.“Das betrifft vor allem die in der ganzen Türkei anzutreffende Nachlässigkeit bei der Errichtung erdbebenfester Häuser. Bei einem Beben der Stärke 6,0 muss in einem so an Erdbeben gewöhnten Land wie der Türkei eigentlich kein Wohnhaus einstürzen. Das zeigt das Beispiel Japans, ein Land, in dem vergleichbare Beben kaum Schäden verursachen.
Ahmet Mete Isikara, der bekannteste Erdbebenexperte der Türkei, fordert von seinen Landsleuten ein grundlegendes Umdenken. Schließlich ist fast das gesamte Staatsgebiet erdbebengefährdet: „Wir müssen lernen, mit Erdbeben zu leben“, sagt Isikara der Internetausgabe der Zeitung „Sabah“. Zu diesem Lernprozess gehöre eine ebenso einfache wie wichtige Lektion, fügt der Forscher hinzu: „Nicht das Beben tötet – einstürzende Häuser töten.“AFP/dpa/lkErschienen am 08.03.2010
















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