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04.03.10

Winnenden

Hinterbliebene klagt an – "Warum meine Tochter?"

Gisela Mayer ist Unvorstellbares widerfahren: Am 11. März 2009 wurde ihre Tochter beim Amoklauf von Winnenden erschossen. Mayer hat nun den schwärzesten Tag ihres Lebens und die Folgen in einem Buch geschildert. Morgenpost Online erklärt sie, warum sie froh ist, dass der Schütze Tim K. nicht mehr lebt.

dapd/DAPD

Die Autogeisel des Amokschützen sagte aus, Tim K. habe nach den tödlichen Schüssen "zufrieden" auf ihn gewirkt.

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Morgenpost Online: Frau Mayer, ihre Tochter Nina wurde am 11. März 2009 in Winnenden erschossen. Wann nach der Tat begannen Sie das erste Mal über Tim K. nachzudenken?

Gisela Mayer: Einen Monat nachdem es passiert ist, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass ich seinen Namen niemals sage. Ich sage seinen Namen auch heute nicht.

Morgenpost Online: Wie nennen Sie ihn?

Mayer: Ich sage "der Junge". Manchmal "der Täter". Ich schreibe in dem Buch zwar seinen Namen, aber nur, weil ich da versuche zu begreifen, was sich in ihm abgespielt hat.

Morgenpost Online: Ihr Buch versucht zu erklären, warum Kinder gewalttätig werden. Wissen Sie, was sich in Tim abgespielt hat?

Mayer: Ich denke, das war vielleicht ein Junge, der das Menschlichsein nie erlangt hat oder verloren hat. Im Grunde ein armer Mensch. Ich glaube, er hat auch nicht verstanden, dass es Menschen sind, die er tötet. Das alles sage ich auch aufgrund von Zeugenaussagen. Die sagen: Er war wie eine Maschine. Er hat niemandem in die Augen geblickt an diesem Tag.

Morgenpost Online: Ihr Buch beginnt idyllisch, die ersten Sätze: "Der schwärzeste Tag meines Lebens begann strahlend schön. Ein Tag wie gemalt, leuchtend blauer Himmel, wolkenloser Sonnenschein."

Mayer: Ja, denn ich habe mir das damals nicht vorstellen können. Ich war unterwegs und wollte etwas einkaufen. Im Geschäft bin ich dann angesprochen worden: "Sag mal, die Albertville-Realschule ist ja wohl die Schule deiner Tochter. Da gab's 'nen Amoklauf." Meine Vorstellung von einem Amoklauf war damals: Da ist ein Schüler wütend geworden und wirft die Schaukästen oder Fensterscheiben ein.

Morgenpost Online: Sie fuhren daraufhin zur Schule. Wie viel Zeit verging, bis Sie wussten, was passiert war?

Mayer: Angesprochen wurde ich um kurz nach zehn. Gewissheit, was mit meiner Tochter ist, hatte ich so zwischen ein und zwei Uhr, vor der Schule.

Morgenpost Online: Wer hat Ihnen gesagt, dass Ihre Tochter tot ist?

Mayer: Wer das genau war, kann ich Ihnen nicht mehr sagen, das Gesicht habe ich vergessen. Das war auch immer so häppchenweise. Der eine ging, der Nächste kam. Man hat es ja auch nie ausgesprochen. Man sagte: Es sieht sehr schlecht aus. Und dann: Es sieht sehr, sehr schlecht aus. Irgendwann sagte meine jüngere Tochter Ibi, die war damals 14 Jahre: "Mama, begreifst du nicht, was die hier sagen wollen? Sie ist tot."

Morgenpost Online: Wie schnell kann man das verstehen?

Mayer: Man versteht es eigentlich gar nicht. Die Zeit unmittelbar danach ist ein Schock. Ein paar Tage lang ist die Welt unwichtig, sie ist untergegangen. Aber es stimmt nicht, dass man die Dinge nicht klar sieht. Das Gefühl ist außer sich, aber der Verstand funktioniert einwandfrei. Man sieht: Da kommen der Bundespräsident und Herr Oettinger und Frau Merkel zur offiziellen Trauerfeier, mit denen kann man auch normal reden. Man wird nicht verrückt.

Morgenpost Online: Gibt es einem was, dass die kommen?

Mayer: In dem Moment ist nicht wichtig, welche Funktion ein Mensch hat.

Morgenpost Online: Was tröstet?

Mayer: Ehrlichkeit am ehesten. Wenn einem ein Gegenüber sagt: "Ich weiß es ja auch nicht." Aber die Menschen kommen auf die verrücktesten Ideen. Mir hat jemand vor der Schule, direkt nachdem man mir sagte, dass sie tot ist, einen Tee angeboten. Das war sicher lieb gemeint, aber das ist in dem Moment daneben. Aber man kann das vielleicht auch nicht verallgemeinern.

Morgenpost Online: Nein?

Mayer: Ich habe oft erlebt, dass jemand stirbt, aber der Tod eines Kindes ist etwas anderes, gerade der gewaltsame, diese Vorstellung, dass ihr Gewalt angetan wurde. Er hat noch auf sie geschossen, als sie bereits auf dem Boden lag. Das ist eine Vorstellung, die tut schrecklich weh. Ich habe sie dann erst im Sarg gesehen. Ihr Gesicht war unversehrt. Der Körper schien auch unversehrt zu sein, unter der Kleidung. Und dann hält man sein Kind im Arm.

Morgenpost Online: Sah sie fremd aus?

Mayer: Ich kam mit meiner Tochter rein, und sie sagte als Erstes: "Sie ist falsch gekämmt." Das war dann das Erste, was wir gemacht haben: Den Scheitel richtig rum gekämmt. Ich habe meine Tochter begleitet, bis sie beerdigt wurde.

Morgenpost Online: Wie verarbeitet man so etwas?

Mayer: Indem man irgendetwas tut. Wir haben uns nie direkt über den Tod unterhalten, lieber darüber, wie man ihre Hände im Sarg hinlegen soll, welchen Lidschatten man für sie nimmt.

Morgenpost Online: Ihre Tochter wurde an ihrem 25.Geburtstag beerdigt. Und Sie begannen, ihren letzten Tag zu erforschen.

Mayer: Ja, weil es unbegreiflich ist. Dieser Junge hatte sie in dem Augenblick, als er sie erschossen hat, zum ersten Mal gesehen. Als sie da anfing, war er ja an einer anderen Schule. Das war ein Riesenzufall.

Morgenpost Online: Was passierte genau?

Mayer: Der Junge ist in sein altes Klassenzimmer gegangen, hat aber nicht bedacht, dass da nicht seine alte Klasse sitzt. Deshalb ist er ja später noch in das andere Zimmer gegangen und hat dort weitergemacht. Im ersten Zimmer hat er geschossen und ging wieder raus. Die Schüler haben die Tische und Bänke umgeschmissen, um sich zu verstecken und dann die Tür abgeschlossen. Dieses Rumpeln hat meine Tochter gehört, sie war mit zwei Kolleginnen im Lehrervorbereitungsraum. Sie dachten: "Denen ist ein Tisch umgefallen, wir gehen mal gucken." Die Mädchen liefen die Treppe hoch zu dem Raum und sahen den Jungen. Der stand da, die Hände in der Jackentasche, und hat sich in aller Seelenruhe die Schaukästen angeguckt. Er ist eben nicht durch die Schule gerannt und hat wild um sich geschossen. Er hat sich in aller Ruhe die Schaukästen angesehen! Die drei dachten: Das ist sicher ein Schüler, der aus der Klasse geflogen ist. Sie gingen an ihm vorbei zum Klassenzimmer, haben angeklopft, niemand antwortete, und dann haben sie versucht die Tür zu öffnen. Die war abgeschlossen. Sie waren einen Moment lang unentschlossen und wussten nicht, was sie tun sollten. Dieser Moment, da ist er auf sie zugekommen.

Morgenpost Online: Woher wissen Sie das?

Mayer: Eines der Mädchen hat sich einen Moment früher umgedreht als die anderen und gesehen, dass der Junge eine Waffe in der Hand hatte. Sie ist weggelaufen. Er hat ihr hinterhergeschossen, aber sie nicht getroffen. Meine Tochter und die andere Kollegin hat er erschossen. Junge Menschen. Jeans an, Pulli an, ganz normal, aus fünf Metern einfach erschossen.

Morgenpost Online: Warum war es wichtig für Sie, das alles so genau zu wissen?

Mayer: Man war sein Leben lang bei seinem Kind. Dann will man auch da sein, wenn das Leben zu Ende geht. Ich kann auch irgendwie verstehen, dass das Interesse der Medien so groß ist. Wenn einem etwas Angst macht oder wenn da was ist, was man nicht versteht, dann will man alles darüber wissen.

Morgenpost Online: Sie suchen die Öffentlichkeit.

Mayer: Heute ja, weil ich was zu sagen habe. Damals haben die Journalisten an der Tür geklingelt. "Wie fühlen Sie sich", haben die gefragt. Da klingeln Dutzende und sind ganz enttäuscht, dass man nicht in Tränen aufgelöst die Tür öffnet. Irgendwann hat mich ein Fernsehreporter gefragt, warum ich nicht weine. Ich sagte: "Ich weine nicht in der Öffentlichkeit. Ich sage, was ich zu sagen habe, aber ich weine hier nicht."

Morgenpost Online: Sind Sie später zu dem Ort zurückgekehrt, an dem Ihre Tochter starb?

Mayer: Ja, aber das war erst einige Zeit später, damals hat man mich nicht zu ihr gelassen, obwohl ich es unbedingt wollte.

Morgenpost Online: Wie war es dort?

Mayer: Es war leer, ruhig. Mein Mann und ich waren da, ein Betreuungsbeamter und der zuständige Polizist. Man kann sich vorstellen, dass sie da ist. Ich wäre jetzt gern in diesem Flur, an diesem Gedenktag, aber man sagte mir, das geht nicht.

Morgenpost Online: Was passierte mit den Sachen, die sie getragen hat?

Mayer: Die habe ich. Wissen Sie, es ist gar nicht so schlimm, die Sachen zu haben. Viel schlimmer ist es, sie nicht zu haben.

Morgenpost Online: Wo bewahren Sie sie auf?

Mayer: In meinem Kleiderschrank.

Morgenpost Online: Haben Sie mal daran gedacht, hier wegzuziehen?

Mayer: Nein. Das wäre auch, als würde ich meine Tochter verlassen.

Morgenpost Online: Sie haben mit vielen Menschen aus Winnenden für ihr Buch gesprochen.

Mayer: Ich habe auch mit Freunden und Bekannten des Jungen gesprochen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass dieser Prozess gegen den Vater endlich stattfindet, dass er angeklagt wird, weil der Junge an die Waffen kommen konnte. Mich interessiert nicht, ob er bestraft wird. Ich möchte den Eltern in die Augen sehen, ich möchte wissen, was das für Menschen sind. Denn ich muss wissen, warum meine Tochter sterben musste.

Morgenpost Online: Was könnte der Auslöser für Tim K.s Tat gewesen sein?

Mayer: Kinder werden aus vielen Gründen gewalttätig, wenn ihnen niemand Zeit schenkt, wenn keiner zuhört, wenn Maschinen die Erziehung übernehmen. So erschafft man eine verrohte Gesellschaft.

Morgenpost Online: Sind Sie froh, dass Tim tot ist?

Mayer: Ja.

Morgenpost Online: Er ist der Einzige, der Ihnen wirklich Antworten geben könnte.

Mayer: Ich glaube, ich könnte es nicht ertragen, wenn für alles und jedes Tun eines Täters Rechtfertigungsgründe gesucht werden. In dem Buch tue ich das, rational. Aber emotional hätte mich das überfordert, dass es eine Entschuldigung für den Jungen geben könnte.

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