Tote und Verletzte
Orkantief "Xynthia" rast über Deutschland
Das Sturmtief "Xynthia" hat in Westeuropa mindestens 53 Todesopfer gefordert und schwere Schäden verursacht. In Deutschland kamen mindestens vier Menschen ums Leben. Züge standen still, Flüge fielen aus. Reisende müssen auch am Montag mit Beeinträchtigungen rechnen. Sonntagabend fegte der Sturm über Berlin, richtete aber zunächst keine größeren Schäden an.
Das Sturmtief "Xynthia" ist im März über Deutschland hinweggefegt: Das Orkantief war eines der schlimmsten der vergangenen Jahrzehnte. Dieses Auto wurde im Hochschwarzwald von einem umstürzenden Baum getroffen. Ein Mensch wurde getötet.
Das gewaltige Orkantief "Xynthia" hat über Westeuropa gewütet und mindestens 53 Menschen in den Tod gerissen. Die meisten Opfer gab es in Frankreich. Dort kamen 45 Menschen vor allem bei Überschwemmungen an der Atlantikküste ums Leben, wie das Innenministerium nach einer Krisensitzung am Sonntagabend mitteilte. In Deutschland, wo die schnellste Böe 166 Stundenkilometer erreichte, wurden mindestens vier Menschen von umstürzenden Bäumen erschlagen. In Spanien erreichte "Xynthia" einen Rekord-Wert von 228 Stundenkilometern. Das Sturmtief forderte mehr Menschenleben in Europa als die zerstörerischen Orkane "Lothar" und "Kyrill".
In Deutschland wütete "Xynthia" am heftigsten im Südwesten, in Hessen und in Nordrhein-Westfalen. Im Schwarzwald kam ein 74-jähriger Autofahrer ums Leben, bei Wiesbaden ein 69 Jahre alter Wanderer. In Nordrhein-Westfalen starben eine Joggerin und eine Autofahrerin. Der Sturm richtete bundesweit große Schäden an. Orkanböen entwurzelten Bäume, deckten Dächer ab und wirbelten Baustellenteile durch die Luft. Im Reiseverkehr brach ein Chaos aus: Züge standen still, Flüge fielen aus, Straßen waren blockiert. Reisende müssen auch am Montag mit Beeinträchtigungen rechnen. Nachdem in einigen Regionen der Zugverkehr eingestellt wurde, stehen nach Angaben der Bahn viele Züge nicht dort, wo sie am Montag gebraucht werden. In ganz Nordrhein-Westfalen ruhte der Verkehr auf den Schienen am Abend.
Über Ostdeutschland fegte der Sturm bereits am späten Sonntagabend hinweg. So heftig wie in Teilen Süd- und Westdeutschlands wird es nach Angaben der Meteorologen vom Sonntagabend aber nicht. Von Sturmböen bis zu orkanartigen Stürmen ist aber auch östlich der Elbe fast alles möglich. Vor allem in den höheren Lagen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rechnen die Meteorologen mit orkanartigen Stürmen. In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stürmt es nicht ganz so stark. Zugausfälle wie in weiten Teilen Westdeutschlands gab es hier am Sonntagabend nicht. Allerdings wies die Bahn darauf hin, dass die Verspätungen bundesweit ausstrahlen werden. Bis zum späten Abend meldete die Feuerwehr in Berlin keine größeren Schäden. Erst in der zweiten Nachthälfte könne der Wind stärker werden.
Die Polizei in Nordrhein-Westfalen rückte bis 20 Uhr zu fast 5000 sturmbedingten Einsätzen aus, mindestens 28 Menschen erlitten Verletzungen. "Auf den Autobahnen sieht es grausam aus", sagte ein Polizeisprecher. Die Feuerwehr in Iserlohn sprach von "Kyrill II". Der Orkan hatte im Januar 2007 eine Schneise der Verwüstung durch Europa geschlagen. In Düren stürzte ein Kirchturm ein. In Frankfurt/Main wurde die A3 gesperrt. In der Stadt waren der Hauptbahnhof und der Bahnhof am Flughafen vorübergehend geschlossen. Bis zum Abend fielen fast 240 Flüge aus. "Es ist alles im Einsatz, was fahren und laufen kann", sagte ein Polizeisprecher in Frankfurt. Bis zu 20.000 Menschen waren in Hessen von Stromausfällen betroffen. In Rheinland-Pfalz fiel in einigen Orten der Strom aus.
Aus Sicherheitsgründen war die Geschwindigkeit vieler Fernzüge gedrosselt worden. Ein Intercity-Express mit etwa 800 Reisenden saß nach einer Kollision mit einem entwurzelten Baum stundenlang auf freier Strecke zwischen Fulda und Hanau fest. Ein ICE auf dem Weg von Berlin nach Basel strandete in Göttingen. Im Saarland stellte die Bahn den Regionalverkehr komplett, in Rheinland-Pfalz fast ganz ein. Viele Straßen Baden-Württembergs waren von entwurzelten Bäumen blockiert. Im Raum Stuttgart fiel der Bahnverkehr aus, ein Ersatzverkehr über die zum Teil verwüsteten Straßen war nicht möglich. Bei Würzburg in Bayern erlitt ein Mann schwere Quetschungen, als er im Sturm die Arretierung eines Krans lösen wollte.
Thüringen meldete am frühen Abend Stromausfälle und Straßensperrungen. Bei Eisenach wurde eine Mittelleitplanke einfach umgeweht. "Man sollte nicht denken, dass so etwas geht", sagte ein Polizeisprecher. Für die Nacht rechneten die Meteorologen auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit orkanartigen Stürmen. Im südlichen Niedersachsen meldete die Polizei "Notrufe im Sekundentakt".
"Xynthia" sei ein Sturmtief, "wie man es nicht jedes Jahr hat", sagte Meteorologe Peter Hartmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Die höchste Windgeschwindigkeit in Deutschland wurde nach DWD-Angaben mit 166 Kilometern pro Stunde am 557 Meter hohen Weinbiet bei Neustadt/Weinstraße (Rheinland-Pfalz) gemessen.
In Spanien, wo die Wetterexperten von einer "meteorologischen Bombe" gesprochen hatten, erreichte "Xynthia" die Rekordgeschwindigkeit von 228 Stundenkilometern. Der am Samstag gegen 21 Uhr in der baskischen Kleinstadt Orduña gemessene Wert liegt noch über den 213 Stundenkilometern, die Jahrhundert-Orkan "Lothar" 1999 im Schwarzwald erreichte – den bislang höchsten Wert seit Beginn der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung Ende des 19. Jahrhunderts.
Eine Million Franzosen ohne Strom
In Frankreich hatten eine Million Einwohner keinen Strom. An den Küsten habe der Wind eine Geschwindigkeit von bis zu 150 Stundenkilometern erreicht, berichtete der Sender France-Info.Präsident Nicolas Sarkozy sprach den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aus. Am späten Nachmittag gab es beim Premierminister François Fillon ein Krisentreffen. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde appellierte an die Versicherungen, so schnell wie möglich Entschädigungen zu zahlen. Die Zahl der Opfer könnte sich nach Angaben der Behörden noch erhöhen. In zahlreichen Orten in der Nähe von La Rochelle stand das Wasser bis zu 1,50 Meter hoch in den Straßen. Air France strich etwa 100 von insgesamt 700 Flügen am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. In den Pyrenäen stürzten Felsbrocken auf die Straßen. Die Grenze zu Spanien wurde zeitweise geschlossen.
In Portugal und Nordspanien hatte "Xynthia" zuerst getobt und vier Menschenleben gefordert. In Spanien starben zwei Männer, als ihr Auto gegen einen umgestürzten Baum prallte. Eine 82-jährige Frau wurde von einer Mauer erschlagen. Im Norden Portugals tötete ein abbrechender Ast einen zehnjährigen Jungen. In Nordspanien unterbrachen umgestürzte Bäume die Stromversorgung für 130.000 Haushalte.
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