Winterchaos in Washington
Wie schön ist es, vom Schnee befreit zu werden
Mittwoch, 10. November 2010 15:30Wenn der Winter eine Weltstadt lahmlegt: Nicht nur Deutschland hat es diesen Winter kalt erwischt, auch die USA haben mit den Schneemassen zu kämpfen, wie unser Washington-Korrespondent Uwe Schmitt in den vergangenen Tagen erfahren musste. Und der nächste Schnee ist schon im Anmarsch.

Man kann sich die Szene nicht pathetisch genug vorstellen. Wir strebten zur Sonne der Freiheit gleich dem Gefangenenchor in „Fidelio“. Schaufeln waren unsere Waffen im „Snowmageddon“. Und als wir freigeschaufelt hatten, was der Pflug vor die Einfahrten aufgetürmt hatte, als wir nach 36 Stunden Hausarrest zu den Supermärkten ausschwärmten, waren wir glücklich, wie es nur Befreite sind.
Es sage niemand, wir übertrieben. Wir geben zu, am Donnerstag, als der Jahrhundertsturm noch ein Gerücht war, haben wir gelacht über die Hamsterkäufe von Batterien, Dosensuppen, Toilettenpapier, Salz. Die vorauseilende Panik der amerikanischen Hauptstadt und ihrer Vororte ist legendär.
Der Winter kam heftiger als gedacht
Legendär sind freilich auch die Stromausfälle, die nach einem Gewitter und etwas böigen Winden Hunderttausende betreffen. Die freihängenden, schwingenden Leitungen sind anfällig für herabstürzende Äste. Sie in die Erde zu legen, statt nach jedem kleinen Sturm tagelang Notstandschaos zu verwalten, kommt niemandem in den Sinn. Zu teuer, heißt es. Und auch, in kurioser Logik, dass man die Leitungen nicht mehr ohne weiteres flicken könne, wenn sie erst einmal im Boden verborgen wären.
Also spotteten wir über die Vorhersagen und Warnungen vor dem Jahrhundertschneesturm, deckten uns aus Solidarität mit Lebensmitteln für fünf Tage ein und warteten gelassen. In der Nacht zum Samstag lag der Schnee kniehoch, es ging nichts mehr in der Conway Road. Und über einem quer und viel zu niedrig über die Straße händenden Telefonkabel hatte jemand ein rotes Handtuch gehängt.
Wir leisteten leise fluchend Abbitte beim Wetterdienst. Nur bitte kein Stromausfall, stöhnten wir wie Millionen andere, als die ersten 150.000 im Dunkeln und in der Kälte saßen. Traurig, aber lieber sie als wir. Krisenberichterstattung im Fernsehen hat etwas Wohliges, wenn man nicht aus dem Haus muss.
Hundert Millionen Dollar soll es die Bundesregierung in Washington pro Tag kosten, wenn sie, gewissermaßen wegen Unbespielbarkeit des Platzes, zumacht. Die wahren Helden waren Supermarktkassierer im „Giants“ und Krankenpfleger, Kellnerinnen und Sicherheitsbeamte, die es sich nicht leisten konnten, angenehm gelähmt in ihren Häusern zu sitzen.
No work, no pay: sie kämpften sich Stunden durch den Schnee, weil es ihr Pflichtgefühl befahl, weil es ihre unbezahlten Rechnungen verlangten. Ihnen ist fremd, was uns und viele andere spätestens am Montag erwischte: „Cabin fever“, die zunehmend gereizte Erfahrung, dass einem die Decke auf den Kopf fällt, Vorräte zu Ende gehen und Familienmitglieder einander auf die Nerven fallen.
Die Anrufer bei den Notfalldiensten, vor allem aus Sackgassen, in die Schneepflüge nicht fahren, wurden zorniger und verzweifelter. Wir dachten nicht mehr an das alte Ehepaar gegenüber, dessen Autos unter Schneebergen verschwunden sind. Wir dachten nur noch an Flucht aus unserem weißen Gefängnis. Erst recht, als am Montag gegen elf Uhr in Conway Road der Strom ausfiel.
Die nächste Schneewalze ist schon im Anmarsch
Die Flüche taugen nicht zur Veröffentlichung. Zwei Hotelzimmer, etwa eine Stunde Fußmarsch durch Tiefschnee entfernt, waren noch zu haben. Welch ein Glück. Drei Stunden später – die Erleichterung, das Summen eines Kühlschranks wieder zu hören, ist schier unbeschreiblich – stornierten wir. „Ach, sie haben wohl wieder Strom, was?“, fragte die Dame in der Reservierung. Es klang enttäuscht.
Was haben wir gelernt? Nichts weiter. Dass sich von Schneemassen niedergedrückter Bambus auf wundersame Weise aufrichten kann. Auch vielleicht, wie wenig es braucht, die Hauptstadt der letzten verbliebenen Supermacht auf Eis zu legen und mit „Cabin fever“ anzustecken.
Keine 24 Stunden nach der Befreiung durch den Schneepflug fallen die ersten Flocken in Conway Road. Zwanzig bis 40 Zentimeter bis Mittwochmittag, heißt es. Im Internet suchen die Leute einen Namen: „Snowmageddon II“ findet keinen Anklang, „Snowzilla“ schon eher. Mit Abstand führt zur Stunde „Snowerkill“.
Erschienen am 09.02.2010
















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