Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
28.11.09

Nachruf auf Erich Böhme

Der Mann, der Rudolf Augsteins Willen vollstreckte

Vor zehn Jahren erkrankte Erich Böhme, Ex-Chefredakteur vom "Spiegel". "Plötzlich und unerwartet war er da, der Krebs. Da kann man zwei Dinge machen – aus dem Fenster springen oder sagen: Krebs, du böses Tier, dir halt ich jetzt die Kehle zu." Er entschied sich für die zweite Variante. Böhme starb mit 79 Jahren.

© AP
Rudolf Augstein, Erich Boehme

"Es gibt ein Leben nach dem 'Spiegel’", sagte Erich Böhme sarkastisch, als er nach vielen Jahren erfolgreicher Chefredaktion vom wichtigsten Posten (neben dem des Herausgebers) des wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazins schied, das in seiner Ägide einige der Höhepunkte des für den "Spiegel" lebenswichtigen Enthüllungs- und politischen Aufdeckungsjournalismus lieferte: Neue Heimat, Kießling-Affäre, Brandt-Sturz.

Und er hatte recht. Denn eigentlich begann seine Popularitätskarriere erst, als er nach seiner "Spiegel"-Zeit die Moderation der Sat.1-Sendung "Talk im Turm" übernahm.

Damals war die Zeit der Wiedervereinigung und Böhme, Ironie der Geschichte, der sich als Gegner der Einheit gegen seinen Herausgeber Augstein geoutet hatte, wurde der beste, gelassenste, informierteste Moderator der aufregenden Wendejahre: eine deutsche Fernseh-Institution mit bräsiger Ironie und bodenhaftender Gelassenheit.

Im "Spiegel" wurde er Chefredakteur, ebenfalls zur rechten Zeit. Als nämlich sein Chef, der "Spiegel"-Eigner Rudolf Augstein, nach Bonn in die Politik drängte und er einen Platzhalter für den ebenfalls 1973 nach Bonn und Berlin eilenden Günter Gaus suchte.

Böhme, der den ruppig-gemütlichen Stallgeruch des Bonner "Spiegel"-Büros mitbrachte, regierte mit Bonhomie, Lust und zurückhaltender Tücke, war der Liebling der Redaktion und gleichzeitig Vollstrecker von Augsteins Willen, den er klug filterte – ein Kunststück.

Der erdverhaftete Hesse mit dem soliden Geschmack entwickelte sich mithilfe seiner ehrgeizigen Frau Monica, geborene Vogelgsang, zum Gourmet und Kulturmäzen, in dessen Haus Heiner Müller verkehrte und der Thomas Bernhard interviewte.

Clou seiner "Spiegel"-Tätigkeit: Die Barschel-Affäre, die mit dem Selbstmord des CDU-Ministerpräsidenten wegen eines falschen Ehrenworts vor Kameras endete. Aber auch, Kehrseite der Medaille, mit SPD-Kandidat Engholms Sturz als Konkurrent und Mitwisser und Drahtzieher der Intrige.

Als Böhmes Frau Monica die Memoiren von Franz Josef Strauß (dem Erzfeind Augsteins) zu vermarkten und dem "Spiegel" anzudienen suchte, begann der Abstieg des sich jovial gebenden Böhme beim "Spiegel". Und sein Aufstieg im Fernsehen.

Es gab ein Leben nach dem "Spiegel". Leider aber auch einen schleppenden, geduldig ertragenen Krebstod.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote