Übelkeit
Die Kotztüte – für den Notfall und für Sammler
Mittwoch, 17. November 2010 16:12 - Von Anna WarnholtzOb "Spuckbeutel", "Air Sickness Bag" oder "Pilotenkritik": Manch kleine Papiertüte ist gar nicht so übel. Denn einige Fluggesellschaften nehmen das drohende Malheur durchaus mit Humor – wissend, dass die Tüten begehrte Sammlerstücke sind. Die originellsten Kotztüten für den Fall der Fälle.
Die Liebe zu Flugzeugen ist es nicht. Was das Herz von Gerd Otto-Rieke schneller schlagen lässt, sobald er eine Maschine betritt, ist die kleine Papiertüte, die in der Tasche des Vordersitzes steckt: der Spuckbeutel. Spuckbeutel ist der vornehme Ausdruck für Kotztüte, weder das eine noch das andere Wort steht im Duden. Mancher nennt sie auch "Pilotenkritik“.
Wobei hier nicht die Rede ist von langweiligen, weißen, unbedruckten Tüten mit Logo der Fluggesellschaft. Seit die ersten Flüge über den Atlantik gingen, haben Passagiermaschinen Spuckbeutel für reisekranke Gäste an Bord. Manche Linien lassen den (hoffentlich reißfesten und wasserdichten) Tüten ein originelles Design angedeihen, besonders diese sind begehrte Sammelobjekte von Reisenden rund um den Globus. Die Szene ist groß, im Internet sind allein unter www.airsicknessbags.de 67 Sammler aus 17 Nationen gelistet. Nur ein Bruchteil der rund 3,6 Millionen Spuckbeutel, die zum Beispiel die Gäste der Lufthansa pro Jahr verbrauchen, wird wirklich für den eigentlichen Verwendungszweck benutzt. Der Löwenanteil wird von den Kunden zweckentfremdet etwa als Abfallbeutel für Kaugummi oder als Souvenir.
Tütologe Gerd Otto-Rieke, im Besitz von rund 1000 (unbenutzten) Exponaten aus aller Welt, hat seinem Hobby mit dem Buch „Izmirübel“ (Alabasta-Verlag) ein Denkmal gesetzt. In seinem handgepäckfreundlichen Kompendium zeigt er Raritäten unter den Spuckbeuteln, zum Beispiel von Air Afrique, das Motiv: eine gebärende Mutter.
Rekordhalter im Sammeln von Spuckbeuteln ist Niek Vermeulen, ein Holländer, dessen Sammelleidenschaft 1979 durch eine Wette ausgelöst wurde. Seit 1986 wird seine Kotztütenkollektion im Guinnessbuch der Rekorde geführt. Beim letzten Eintrag zählte seine Sammlung 5468 „Prullenzakjes“ von 1065 verschiedenen Fluggesellschaften.
Egal ob Economy-, Business- oder First Class: Vor der Kotztüte sind alle Passagiere gleich. Bisher hat keine Fluggesellschaft luxuriöse Behältnisse für ihre Premium-Kunden an Bord. In allen Klassen kommt bei plötzlicher Übelkeit über den Wolken die Spucktüte zum Einsatz. Uneins sind sich die Fluggesellschaften indes bei der Rechtschreibung. Airsickness Bag heißt es beispielsweise bei Virgin Atlantic, Airsicknessbag bei Air Dolomiti, Air Sickness Bag bei der nepalesischen Buddha Air.
Dass Spuckbeutel längst keine Nebenrolle mehr spielen, zeigt das Beispiel Virgin Atlantic. Als weltweit erste Fluggesellschaft brachte das britische Unternehmen 2005 eine limitierte Kotztütenedition heraus. Dabei ließ sie 20 Versionen von verschiedenen Designern gestalten. Wer eine davon besitzt, kann sich glücklich schätzen: Weder im Internet noch in Spuckbeuteltauschbörsen werden sie angeboten – so rar sind die heiß begehrten Sammelobjekte mit Kultstatus.
Lufthansa zeigt in puncto Design Sinn für Purismus. Der 12,3 x 22,6 x 8 Zentimeter große Spuckbeutel, der etwa 2,4 Liter fasst, ist in dezentem Blau gestaltet, früher auch mal in Grau mit Kranich im Kreis. Selbst bei Billigfliegern gehört die Tüte zum Service. Besonders kreativ zeigte sich HLX, die inzwischen mit Hapagfly zu Tuifly verschmolz: „Ganz easy hier ryan“ stand auf deren Tüten – mit Anspielung auf die Konkurrenz. Eben diese hat diesen Juni das Sommerloch gestopft: -Chef Michael O’Leary dachte laut über eine Gebühr für Air Sickness Bags nach, hat die Idee aber (vorerst?) wieder verworfen.
Nur gut, wenn der Passagier auf eine schöne Kotztüte zurückgreifen kann. Zum Kotzen jedoch ist dieser Beutel viel zu schade. Ein Sammelobjekt, an dem man sich erfreuen kann.“
Erschienen am 23.10.2009
















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