28.09.09

Schweiz

Verhaftung Polanskis könnte zur Befreiung werden

Die Festnahme von Star-Regisseur Roman Polanski in der Schweiz sorgt für internationale Verwicklungen. Dem Regisseur droht nun wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen im Jahr 1977 die Auslieferung in die USA. Doch das Verfahren könnte Polanski auch endlich von einer Last befreien.

Von Linda Deutsch und Ernst Abegg

Unversehens auf dem Flughafen festgenommen, in Auslieferungshaft gesteckt und ein aufsehenerregendes Auslieferungsverfahren vor sich, das sich vielleicht Wochen und Monate hinziehen könnte: Für Star-Regisseur Roman Polanski, der am Wochenende von einem über 30 Jahre alten US-Haftbefehl wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen eingeholt wurde, könnte sich der jüngste Akt des Dramas ironischerweise als Ausweg in die Freiheit erweisen.

Möglicherweise bringt die Verhaftung auf dem Weg zum Filmfestival in Zürich, wo Polanski für sein Lebenswerk geehrt werden sollte, die Bemühungen seiner Anwälte um eine Einstellung des Verfahrens voran, das ihn seit Jahrzehnten verfolgt. Doch könnte die Angelegenheit auch zu internationalen Verwicklungen unter Beteiligung der Schweiz, der USA, Frankreichs und Polens auswachsen und eine Auslieferung noch komplizierter machen.

"Die große Frage ist, ob er nicht besser ausgehandelt hätte, sich zu stellen, als er noch die Chance hatte", meint Juraprofessorin Laurie Levenson von der Loyola Universität. "Jetzt spielt es sich auf internationaler Ebene ab, und die Staatsanwaltschaft steht vielleicht unter Druck, sich nicht auf einen Deal einzulassen. Die haben sich solche Mühe gemacht, die Schweiz hineinzuziehen. Das könnte es ihm schwerer machen."

Klärender Auftritt vor Gericht erwartet

Dennoch glaubt mancher, dass die Verhaftung des 76-jährigen Oscar-Preisträgers eine Lösungsmöglichkeit eröffnet, die es ihm gestattet, künftig wieder frei zu reisen. "Ich denke, er wird letztlich seinen Auftritt vor Gericht bekommen", vermutet der Strafverteidiger Steve Cron. Es könne gut sein, dass dann das Verfahren eingestellt werde oder die Strafe als verbüßt gelte. "Das Gute für ihn ist: All die Jahre schwebte dräuend die Frage über ihm, wer zuschlagen und ihn festnehmen würde", meint Cron. "Jetzt kann er diese Sache endlich zu Ende bringen."

1978 hatte der Regisseur von Filmklassikern wie "Chinatown" und "Rosemarys Baby" in den USA wegen Missbrauchs eines Mädchens in einem Sensationsprozess vor Gericht gestanden. Er ging einen Handel ein und bekannte sich des Sexualverkehrs mit einer Minderjährigen schuldig. Als der Richter aber ein höheres Strafmaß als vereinbart in Aussicht stellte, setzte er sich vor der Urteilsverkündung nach Frankreich ab und ließ sich nie wieder in den USA sehen.

Frankreich hat kein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten. Bei seinen Reisen in Europa blieb der französische Staatsbürger Polanski unbehelligt. Unklar ist auch, wie nachdrücklich die US-Behörden tatsächlich seiner habhaft werden wollten. Nach Angaben des schweizerischen Justizministeriums ist er seit 2005 weltweit zur Verhaftung ausgeschrieben, obgleich er doch schon viel länger flüchtig ist.

Auch Opfer will endlich Ruhe

Frühere Festnahmeversuche außerhalb Frankreichs scheiterten nach Angaben von Ermittlern daran, dass man zu spät von seinem Aufenthalt erfahren habe oder er die Reise gar nicht angetreten habe.

Die Staatsanwaltschaft Los Angeles habe auch bei früheren Gerüchten über Auslandsreisen schon Haftbefehle übermittelt, erklärte Sprecherin Sandi Gibbons. Diesmal sei Polanski die Auszeichnung für sein Lebenswerk zum Verhängnis geworden: "Es wurde im Internet veröffentlicht, dass er beim 'Zurich Film Festival' sein würde. Sie haben online Eintrittskarten verkauft."

Bewegung in den Fall Polanski hatte Ende vergangenen Jahres eine amerikanische TV-Dokumentation gebracht, die dem – inzwischen gestorbenen – Richter, der seinerzeit die Vereinbarung platzen ließ, Fehlverhalten vorwarf. Angesichts der neuen Beweislage ließ Polanski durch Anwälte in Los Angeles Verfahrenseinstellung beantragen. Ein Richter räumte zwar ein, dass es bei dem Strafprozess "ernstliches Fehlverhalten" gegeben hatte, bestand aber darauf, dass Polanski sein Anliegen persönlich vor Gericht vorbringen müsse. Der jedoch wollte lieber nie wieder amerikanischen Boden betreten, als eine Verhaftung zu riskieren.

Das damalige Opfer Samantha Geimer hat sich längst selbst zu erkennen gegeben. Sie hatte Polanski verklagt und eine Einigung erzielt, über deren Inhalt nichts bekannt wurde. Auch Geimer, die in Kilauea in Hawaii lebt, setzt sich für eine Einstellung des Verfahrens ein, damit die Sache endlich ein Ende habe. Sie hatte sogar angeboten, selbst an Polanskis statt vor Gericht aufzutreten und um Einstellung des Verfahrens zu bitten.

Quelle: AP
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