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22.09.09

Garik R.

Sex, Drogen und eine umstrittene Therapie

Nach der tödlichen Therapiesitzung in Berlin raten Experten zur Vorsicht. Keinesfalls dürften im Rahmen einer Psychotherapie Drogen verabreicht werden, erklärten die Berliner Ärztekammer und Fachvertreter. Garik R. hat sich in der Schweiz ausbilden lassen. Samuel Widmer war sein Lehrmeister.

Steffen Pletl

Rettungswagen und Polizei wurden zur Praxis gerufen.

4 Bilder

Zwei Patienten sind gestorben, ein dritter liegt immer noch im künstlichen Koma, der Arzt, der sie in seiner Berliner Praxis mit einem Cocktail aus verschiedenen Drogen "behandelt" haben soll, ist in Haft.

Was genau Garik R.seinen Patienten verabreicht hat, steht noch nicht fest, doch der Name einer Behandlungsform, für die er zuvor geworben hat, lässt Rückschlüsse darauf zu, welches Ziel er damit verfolgte: Die sogenannte "psycholytische" Therapie will mit Hilfe von Drogen "die Seele lösen".

Garik R.hat sich dafür in der Schweiz ausbilden lassen, bei Samuel Widmer, einem höchst umstrittenen Psychiater und Psychotherapeuten aus Solothurn.

Samuel Widmer ist ein älterer Herr mit Brille. Der 60-Jährige hat zehn Kinder, fünf von seiner Ehefrau, vier von seiner Lebensgefährtin, mit beiden Frauen lebt er in dem kleinen Dorf Nennigkofen, im benachbarten Lüsslingen betreibt er eine Praxis und eine Seminarzentrum.

Außerdem leitet er die "Gemeinschaft Kirschblüte", die aus 75 Erwachsenen und 60 Kindern besteht und nach Meinung eines Sektenexperten von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen typische Sektenmerkmale aufweist. Widmer weist diesen Vorwurf zurück.

Die Gemeinschaft selbst schreibt auf ihrer Internetseite, sie habe sich in Nennigkofen, Lüsslingen und anderen Orten des Schweizer Mittellandes angesiedelt, um "ein Feld zu schaffen, in dem nicht die Angst vor Verlust und die Gier nach Besitz, sondern die Liebe ihre Kraft ungehindert entfalten darf", und "große Lebensfragen" zu klären. Eine davon ist die nach einer "befreiten" Sexualität, das hat Chef-Kirschblütler Widmer den Beinamen "Sex-Guru von Nennigkofen" eingebracht.

Garik R.hat in Widmers "Therapeutisch-Tantrisch-Spiritueller Universität" die psycholytische Ausbildung absolviert. "Es stimmt, das war vor 15 Jahren", sagt Widmer. Er sei mit dem Berliner Arzt in Kontakt geblieben, Garik R.sei dabei gewesen, ein Meditationsprogramm für Widmers zu organisieren. "Die Vorfälle haben mich überrascht, ich habe ihn als sehr vorsichtigten, gewissenhaften Menschen erlebt. Das sieht nach einem groben Kunstfehler aus." Mit schuld am Tod der Berliner Patienten will Widmer deswegen aber nicht sein. Er arbeite nur mit legalen Substanzen.

In der Schweiz hatten von Mitte der 80er-Jahre bis 1993 eine Handvoll Ärzte, darunter Samuel Widmer, eine amtliche Bewilligung für psycholytische Therapien. Damals setzte Widmer unter anderem LSD und MDMA, ein zentraler Bestandteil von Ecstasy, ein. Die psychoaktiven Substanzen sollten helfen, "verschüttete und verdrängte Erfahrungen zum Beispiel aus der Kindheit ins Bewusstsein zurückzubringen", sagt er.

Nach einem Todesfall in der Praxis eines Kollegen zog das Schweizer Bundesamt für Gesundheit die Bewilligungen allerdings zurück. Seitdem arbeitet Widmer laut eigener Darstellung nur noch mit den erlaubten Mitteln Ketamin und Ephedrin.

Seinen Schweizer Kollegen ist er trotzdem ein Dorn im Auge. "Wir finden, Ketamin und Ephedrin haben in einer psychiatrischen Behandlung nichts verloren", sagte Hans Kurt, Präsident der Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, der wie Widmer im Kanton Solothurn lebt. Wenn das Vertrauen zwischen Patient und Arzt groß genug sei, bräuchte es keine psychoaktive Substanzen, um an verdrängte Geschichten zu gelangen.

"So wie Herr Widmer arbeitet, werden seine Patienten zu abhängig von ihm." Die Behörden sind bisher nicht eingeschritten: "Wir überprüfen ihn regelmäßig", sagt Heinrich Schwarz, Chef des Gesundheitsamtes Solothurn, "aber es liegt nichts gegen ihn vor."

Umstritten ist Samuel Widmer aber nicht nur wegen seiner Behandlungsformen, sondern auch wegen seines Buches "Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter", in dem er das Inzest-Tabu kritisiert. Um den Menschen in Nennigkofen unangenehm aufzufallen, hätte er aber gar nicht so weit gehen müssen. Der Arzt lebe mit seinen zwei Frauen in benachbarten Einfamilienhäusern, erzählten die Dorfbewohner dem "Blick", sie könnten oft beobachten, wie er von einem Haus zum anderen gehe. Im Morgenrock.

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