05.03.13

"Bordsteinkönig"

Wie Michel Ruge dem Sumpf aus Sex, Gewalt und Drogen entkam

Seine Jugend war geprägt von käuflichem Sex, Zuhälter waren Vorbilder. Als Kind wollte er werden wie sie. Doch dann kam alles anders.

Von Judith Luig
Foto: HA / A.Laible
Berufswunsch Lude: Irgendwann hatte Michel Runge die Oberfläche der Zuhälter durchschaut
Berufswunsch Lude: Irgendwann hatte Michel Runge die Oberfläche der Zuhälter durchschaut

Wie begegnet man so einem wie Michel Ruge? Ah, guten Tag, gerade habe ich gelesen, wie eine Nutte Sie masturbiert hat, als Sie zwölf Jahre alt waren. Wohl kaum.

Sollte man lieber mit einer Frage beginnen? Wie fühlt es sich an, einen Menschen auf der Straße niederzuschlagen? Jemanden mit einer Pistole zu bedrohen? Hatte Ihr Vater wirklich drei Bordelle? Was fragt man einen Mann, der einem bereits mehr von seinem Intimleben zugemutet hat, als man sich je zu fragen getraut hätte.

In "Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli" erzählt Michel Ruge davon, wie er in den 70er- und 80er-Jahren im Kiez groß wurde. Er erzählt von seinem ersten Sex mit einer Prostituierten, von den Gewaltexzessen seiner Kindergang, von der Angst und dem Abgestumpftsein, aber auch von der grenzenlosen Bewunderung, die er einst für die Luden hegte.

Zuhälter mit Stiefeln, Rolex und Ferrari

Er erzählt davon, wie man erwachsen wird und was das überhaupt bedeuten kann. "Ich wollte keine Retrospektive eines Viertels machen", sagt Michel Ruge später, "es ging mir um mein eigenes Aufwachsen, um die Frage, wie ich ein Mann wurde." Männlichkeit und Weiblichkeit, das waren entscheidende Kontraste in seiner Jugend.

"St. Pauli ist eine Machowelt, aber hinter der Fassade sieht es ganz anders aus. Da spielen Frauen eine extrem große Rolle, sie sind ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor, sie sind Statussymbole, und sie sind Anlass für die meisten Streitereien."

Als kleiner Junge wünschte sich Ruge nichts sehnlicher, als ein Zuhälter mit weißen Boxerstiefeln, fetter Rolex und Ferrari zu werden. Die Luden, das waren die Gewinner, schreibt Ruge in seiner Biografie. Der Kindheitstraum ist nicht wahr geworden.

Ruge sieht nicht aus wie ein Zuhälter

Michel Ruge trifft sich zum Interview im bürgerlichen "Molinari & Ko" in Berlin-Kreuzberg in der Nähe der Bergmannstraße. Er sieht kein bisschen nach Zuhälter aus. Schwarzer Pulli, stylischer Haarschnitt, smarter Gesichtsausdruck, gespannte Körperhaltung. Ruge hat auch mal geschauspielert.

Die Sorge vor dem Treffen war unbegründet. Der 43-Jährige macht den Gesprächsanfang seinem Gegenüber erstaunlich leicht. "Ach, ich bin noch gar nicht ganz wach", gesteht er schon nach dem ersten Ausflug in die Gesellschaftsanalyse.

Also wird Cappuccino bestellt und erst mal etwas Unverfängliches gefragt: Was, bitte, ist denn ein Bordsteinkönig? Ruge lacht: "Ach, das sagt man zu den Jungs, die da die Bordsteine langbutschern auf St. Pauli. Das ist eine Verniedlichung."

"Bordsteinkönig" bricht mit Tradition der Enthüllungsbücher

Es gibt unendlich viele Enthüllungsbücher. Menschen, die eine gewalttätige Szene oder eine brutale Welt hinter sich gelassen haben, haben viel mitzuteilen. Die Bücher verkaufen sich gut.

Auf dem Cover bildet man die Aus- und Aufsteiger in ihrer früheren Umgebung ab. In Rockerpose. Dann werden sie in die Talkshows eingeladen, um von einer Welt zu erzählen, die fasziniert und abstößt.

Ruges "Bordsteinkönig" bricht mit dieser Tradition. Es ist mehr ein Roman als ein Erfahrungsbericht. Und St. Pauli erscheint nicht als etwas, das man hinter sich lässt, sondern als etwas, das man in sich trägt. Ruge hat liebevolle kleine Porträts geschaffen von der Gegend und den Menschen, die seine Jugend geprägt haben.

Michel Ruge "prügelt" sich mit dem Leser

Von Läden wie "Betten Voss" oder dem "Top Ten". Von Kiezgrößen, zu denen "Karate-Tommy" und auch seine Oma gehört. So kann der Leser miterleben, wie es geschehen kann, dass ein Mensch dem Leben verloren geht. So wie Claudia, die erste große Liebe, die die Drogen nicht überlebt. Oder Fritz, der Freund, der von der Gewalt nicht lassen kann.

Dazwischen gibt es immer wieder Momente des Innehaltens. "Indem ich anderen wehtue, glaube ich, verhindern zu können, dass man mir noch mal so wehtut", schreibt Ruge einmal. Er schreibt das in Bezug auf eine Frau, aber es gilt für mehr. Der "Bordsteinkönig" fühlt sich stellenweise an wie eine Prügelei. Zu nah zerrt einen der Autor manchmal an sich ran. Zu deutlich kann man ihn dann spüren.

Immer wieder löst er im Leser Fluchtreflexe aus. Und immer wieder kriegt man auch eine verpasst. Meistens aber sind das die besten Stellen. Dann kann man all die Verzweiflung und die Sehnsucht spüren, die eine Kindheit ausmachen. Nicht nur die auf St. Pauli.

Andere Kleidung als Flucht vor Koks und Zuhältern

Die Biografie erzählt auch, wie man es schafft, wie man sich langsam lösen kann von den Gesetzen, mit denen man aufwächst. Ruge beginnt, die Macker auf dem Kiez zu durchschauen. "Die Luden waren nicht sonderlich einfallsreich", schreibt er. "Aber sie mussten es auch nicht, es funktionierte immer."

Als das erste Mädchen für ihn "laufen" will, ist er abgestoßen. Er wollte eine Freundin und bekam eine Nutte. Als ersten Schritt weg aus der Welt von Koks und Zuhältern ändert er schließlich seinen Kleidungsstil. Ein Hemd und eine Karottenjeans. "Jetzt kam ich mir vor wie ein Solider", schreibt er.

Aus was für einer Welt er gekommen ist, davon zeugen heute noch Ruges breite Schultern. Die hat er vom Kampfsport beziehungsweise dem Selbstverteidigungstraining, das er schon als kleiner Junge auf St. Pauli mit Leidenschaft betrieben hat. Später setzte er sein Können ein als Türsteher vom "Cookies" und als Personenschützer. So kam er auch zum "Bordsteinkönig".

Das "Ruge-Prinzip" gegen Angst und Gewalt

2010 hat er sein erstes Buch veröffentlicht. Ein psychologischer Ratgeber: "Das Ruge-Prinzip. Signale der Gewalt erkennen, Konflikte meistern, Zivilcourage zeigen!" Darin zeigt er, wie Gewalt entsteht, warum Jugendliche gewalttätig werden, ob es typische Verhaltensweisen gibt, die einen zum Opfer oder Täter machen.

Im "Ruge-Prinzip" hat Michel Ruge Fallbeispiele aus seiner eigenen Geschichte verwendet, um zu illustrieren, wie man mit seiner Angst umgeht, wie Körpersprache funktioniert, wie man Übergriffe abwenden kann. "Da haben die Leute gesagt, erzähl mal mehr."

Ruge hat viel durch seine Leidenschaft für Sport gelernt. "Beim Training kam ein neues Ich zum Vorschein. Meine Gedanken beruhigten sich und wurden klar. Der Dreck der Gosse kam nicht an mich heran", schreibt er. Später hat er jahrelang mit Jugendlichen Selbstverteidigungstraining gemacht. Dabei hat er festgestellt, was vielen Kindern heute fehlt.

Aufhören, wenn einer auf dem Boden liegt

"Kinder können sich gar nicht mehr selbst entdecken, sie werden viel zu sehr behütet", sagt Ruge. "Zwei Stunden Sportunterricht in der Schule reichen nicht aus. Statt immer Lernprogramme am Computer zu üben, sollten sie lieber mal raus an die Luft."

Gewalt, das ist ein wichtiger Aspekt in der Jugend auf St. Pauli. Aber es ist eine andere Gewalt als die, über die man heute in den Zeitungen liest, wenn Jugendliche Rentner auf den U-Bahnhöfen totschlagen. "Diese Geschichten schockieren mich", sagt Ruge.

"Stampftritte auf den Kopf, das gab es in meiner Jugend nicht. Dass jemand so etwas macht, konnte ich mir auch gar nicht vorstellen. Raubzüge gab es natürlich schon, aber wenn einer auf dem Boden lag, dann hat man aufgehört."

"Sex und Gewalt gibt es überall"

Seit fast 14 Jahren wohnt Ruge jetzt schon in Berlin. Erst jahrelang im Osten. "Das war toll um die Jahrtausendwende", sagt er. Jetzt aber bevorzugt er den Westen. Gerade zieht er von Kreuzberg nach Neukölln um. "Das erinnert mich total an St. Pauli." Bitte?

"Als ich da zum ersten Mal in ein Café ging, dachte ich mir, wow, hier kennen sich ja junge und alte Leute, Türken und Deutsche, und sie mögen sich." In Prenzlauer Berg und Mitte habe er das ganz anders erlebt. "Da ist man cool, alle sind jung, alle sind ähnlich, alle treffen sich im Nachtleben. Das wurde auf Dauer zu langweilig."

Und St. Pauli? Zieht es ihn da noch hin? "Ach", sagt Ruge, "St. Pauli ist heute überall. Es gibt doch überall Sex und Gewalt." Die Gegend selbst aber sei mittlerweile verkitscht. "Die Soliden schieben ihre Kinderwagen über die Reeperbahn und kaufen sich T-Shirts mit der Aufschrift "St. Pauli". Das authentische St. Pauli aber, das könnten die gar nicht vertragen."

Bürgerliche, Hipster und vom Senat bezahlte Prostituierte

Als Michel Ruge ein Mann wurde, da verdrängte HIV den Sex aus dem Kiez. Erst kamen die Spielhallen, dann die Clubs und mit ihnen die Bürgerlichen. "Die Hipster haben die Gegend für sich entdeckt. Sie machten sie zur Speerspitze der Gentrifizierung", sagt Ruge.

"Das ist eine richtige Ballermann-Meile geworden, mit den Provinzlern, die am Wochenende hier langziehen. Irgendwann wird der Senat die Prostituierten bezahlen, damit sie sich da überhaupt noch hinstellen."

Michel Ruge: "Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli". Knaur, München. 288 Seiten, 9,90 Euro

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