28.02.13

Migrantenspiel

Immigropoly – grottenschlecht, aber politisch korrekt

Das ungarische PC-Spiel Immigropoly will Migrantenleben näherbringen. Es ist lehrreich, politisch korrekt und genießt finanzielle Förderung aus Brüssel. Nur eins ist es nicht: unterhaltsam.

Von Boris Kálnoky
Foto: Immigropoly
Immigropoly
Immigropoly: Anders als im realen Leben verfügen alle Spielmigranten über einen brauchbaren Beruf, mehr oder weniger Geld und ein Visum. "Wir wollten uns zunächst auf legale Migration konzentrieren", sagt der Erfinder des Spiels, István Tarrósy

Am Dienstag luden die Vereinten Nationen und BMW zu einer Preisverleihung. Die zehn besten von mehr als 500 eingereichten Projekten zur Völkerverständigung wurden da geehrt, und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon fand salbungsvolle Worte zu Toleranz und Völkerverständigung und dass dabei jeder gewinne. Vor allem natürlich die Gewinner.

Zu denen gehört auch ein ungarisches Computerspiel, bei dessen bloßem Namen sich vielen Europäern die Haare sträuben dürften: Immigropoly (Webadresse: immigropoly.hu). Ein Einwanderungsspiel: Komm nach Europa und suche dein Glück! Der Spieler wählt unter verschiedenen Migrantencharakteren und kämpft sich mit ihnen zum ersehnten besseren Leben im Westen durch.

Da sind ein chinesischer Koch, eine albanische Glücksspielerin und ein pakistanischer Geheimdienstagent, insgesamt zwölf Charaktere. Die Spracheinstellung erlaubt neben Ungarisch auch Englisch. Eigentlich könnte das ganz spannend und unterhaltsam werden. Wird es aber nicht, weil es vor allem belehren will – und darüber ein wenig vergisst, dass es auch ein Spiel sein soll.

150.000 Euro Fördergeld für ein Spiel

Immigropoly möchte zeigen, dass Migranten normale Menschen sind wie du und ich. Die Figuren sind durchweg positiv und überaus politisch korrekt gezeichnet. Sogar der pakistanische Agent vom Geheimdienst ISI, hinter dem man zunächst den Bösewicht des Spiels vermuten könnte, "jagt seit 23 Jahren die Taliban".

Angesichts dessen, dass das Spiel Wissen vermitteln soll, wäre vielleicht der Hinweis nützlich, dass ISI die Taliban in Wahrheit mehr oder minder selbst erschuf, vor etwa 19 Jahren, dann an die Macht brachte und bis 2001 aktiv unterstützte.

Vermutlich kann man nicht alles haben – wäre es ein spannendes und unterhaltsames Spiel, dann wäre es wohl nicht von Ban Ki-moon geehrt und auch nicht von der EU und der ungarischen Regierung finanziell gefördert worden. Insgesamt 40 Millionen Forint, fast 150.000 Euro, habe man in den letzten drei Jahren an Fördergeldern erhalten, sagt der Erfinder des Spiels, István Tarrósy, auf Anfrage der "Welt".

In die Entwicklung der Figuren seien die Erkenntnisse aus zahlreichen Interviews mit Migranten eingeflossen. Freilich beziehe sich nur ein Teil der Förderung auf das Spiel, man habe aus dem Stoff auch ein Lesebuch für Kindergärtner und Grundschüler gemacht und eine allgemeine gesellschaftswissenschaftliche Zeitschrift veröffentlicht und wolle, wenn denn noch deutlich mehr Geld kommt, aus Immigropoly auch ein Brettspiel machen.

So mutet es auch an – wie ein Brettspiel, das sich in einen Computer verirrt hat. Vor starren, sich öfter wiederholenden Hintergrundbildern, in denen nie ein Mensch vorkommt oder sich etwas bewegt, wird hauptsächlich Wissen angeboten und abgefragt. Das eigentliche Spielen besteht aus dem Auswählen vorgeschlagener Lösungen für die Aufgaben, die die Charaktere bewältigen müssen, bevor sie zur nächsten Etappe ihrer Reise nach Europa aufbrechen können.

Akribische Quizfragen wie in der Mittelstufe

Irren ist zwar menschlich, aber hier unmöglich: Man hat nur die Wahl zwischen einer halbwegs logischen und einer dämlichen Antwort. Und wenn man es doch nicht schafft, der albanischen Glücksspielerin ihr Ticket nach Bari zu kaufen – egal, fahren kann sie in dem Spiel dann trotzdem.

Die jeweiligen Etappen erreicht man durch digitales Würfeln. Aber als Erstes taucht ein sehr langer Text mit sehr kleinen Buchstaben auf, voller Fakten und Zahlen über Migration und Migranten im jeweiligen Land und der jeweiligen Stadt. 29 Prozent aller Kinder in Frankreich stammen von zugewanderten Eltern, und obwohl die meisten albanischen Migranten über Bari nach Italien kommen, bleibt kaum einer da, nur 1,5 Prozent der Einwohner sind Migranten.

Dieses Wissen wird sodann mit Quizfragen akribisch abgefragt. Menschen aus welchen drei asiatischen Ländern machen insgesamt 162.000 Migranten in Frankreich aus? Dann folgt ein Allgemeinwissensquiz. Das Grundgefühl, das sich bei alldem einstellt, erinnert an die Schulzeit, vielleicht Mittelstufe, als man noch trockene Texte pauken musste und dann Verständnisfragen vorgesetzt bekam.

Weiterentwicklung um illegale Migrantenfiguren denkbar

Liest man die Lehrtexte gar nicht, sondern versucht einfach zu raten, schafft man trotzdem rund die Hälfte der Fragen. Man ist versucht, es so zu machen, damit es etwas schneller geht.

Anders als im realen Leben verfügen alle Spielmigranten über einen brauchbaren Beruf, mehr oder weniger Geld und ein Visum. "Wir wollten uns zunächst auf legale Migration konzentrieren", sagt Tarrósy. Eine Weiterentwicklung um illegale Migrantenfiguren sei aber durchaus denkbar.

Insgesamt kann das Konzept als Brettspiel für Quizfreunde sicher Spaß machen – als Computerspiel überzeugt es aber mehr durch gute Absichten als durch gute Unterhaltung.

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