27.02.13

Amoklauf

Blutiges Ende einer kleinen Frühstückspause

Im schweizerischen Menznau tötete ein Mann zwei seiner Kollegen und dann sich selbst. Der 42-Jährige, der seit über zehn Jahren in der Firma Kronospan arbeitete, litt wohl unter psychischen Problemen.

Von Katja Mitic
Foto: AP/dpa

Bei einer Schießerei in einem Schweizer Unternehmen sind vier Menschen getötet und weitere zum Teil schwer verletzt worden.

8 Bilder

Ein Mitarbeiter der Schweizer Firma Kronospan, die zu einem weltweit agierenden Konzern für Holzverarbeitung gehört, hat am Mittwoch gegen 9 Uhr morgens in der Betriebskantine eine Pistole gezielt auf seine Kollegen gerichtet – und geschossen. Drei Menschen kamen ums Leben, sieben weitere Personen wurden verletzt, fünf davon schwer.

Auch der 42-jährige Schütze starb noch am Ort. "Der Täter ist unter den Toten", sagte der Sprecher der Luzerner Polizei, Kurt Graf. Es ist davon auszugehen, dass er sich selbst gerichtet hat, hieß es auf einer Pressekonferenz.

Polizei und Rettungskräfte waren mit einem Großaufgebot am Tatort. Das Gebiet um den Ort Menznau, etwa 25 Kilometer von Luzern entfernt, wurde komplett abgeriegelt. Hubschrauber brachten die Verletzten in Krankenhäuser. Bilder, die Augenzeugen mit ihren Handys geschossen hatten, zeigten mehrere Krankenwagen auf dem Werksgelände, auf dem noch Schnee lag. Die Nachricht des Blutbads beim "Znüni", wie die Schweizer die Zwischenmahlzeit vor dem Mittagessen nennen, schaffte es bis in die US-Medien.

Tatsächlich standen Mitarbeiter und Gemeindemitglieder nach dem Vorfall unter Schock. "Ich habe wenige Minuten vor dem Amoklauf die Kantine verlassen. Dann rannte ein Mitarbeiter auf uns zu und erzählte, was passiert ist. Ich bin schockiert. Es hätte auch mich treffen können", berichtet ein Überlebender der Schweizer Zeitung "Blick".

Auch der Gemeindepräsident von Menznau war fassungslos: "Das ist eine unbegreifliche Tat", sagte Adrian J. Duss und ließ eiligst eine Telefon-Hotline für Angehörige von Mitarbeitern einrichten.

"Mit so etwas hätten wir nie gerechnet"

Unbegreiflich ist die Tat wirklich, denn bislang gibt es auch nach den ersten Ermittlungen der Polizei keinerlei Hinweise auf das Motiv des Schützen. Bei ihm soll es sich um einen Maschinenführer handeln, einen langjährigen und geschätzten Mitarbeiter des Unternehmens. "Der Täter war über zehn Jahre bei uns, ein ruhiger Mann, sonst sind keine Zwischenfälle mit ihm bekannt", sagte Mauro Capozzo, CEO von Kronospan, bei einer Pressekonferenz.

Die "Luzerner Zeitung" berichtet dagegen, dass der Familienvater seit Längerem unter psychischen Problemen litt. Der ehemalige Kickboxer sei den Kollegen zwar aufgefallen, allerdings nicht durch aggressives Verhalten. "Im letzten Jahr hat er sich verändert. Er hat öfter Selbstgespräche geführt oder redete mit Leuten, die gar nicht da waren. Oft wechselte er mitten im Gespräch völlig unverhofft das Thema – man konnte kaum noch mit ihm sprechen", sagte ein Kollege über den 42-Jährigen.

"Er ist als seltsam aufgefallen, aber mit so etwas hätten wir nie gerechnet." Diese Fehleinschätzung kostete nun mehrere Menschen das Leben. Die Polizei geht davon aus, dass er seine Opfer nicht zufällig auswählte. Dafür spräche auch, dass die Schießerei zunächst in einer Werkstatt begonnen hatte und sich dann auf die Kantine ausweitete. Wie viele Schüsse der Mann abgegeben hat, ist genauso unklar wie das Kaliber der Waffe.

Nur eines war für die Beamten bislang klar: "Der Amokläufer richtete seine Waffe, eine Pistole, ganz gezielt auf Personen", sagte Daniel Bussmann, Chef der Luzerner Kripo. In den kommenden Tagen soll bei ausführlichen Gesprächen geklärt werden, ob es vor oder sogar während der Schießerei zu einer Auseinandersetzung gekommen war. Eventuell könnten einige der Verletzten noch versucht haben, den Mann aufzuhalten.

Neue politische Debatte?

Die Firma Kronospan war erst vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen geraten, weil die Produktion gedrosselt werden sollte. Weiter hieß es, dass möglicherweise wegen eines akuten Holzmangels aufgrund witterungsbedingter Lieferrückstände Entlassungen geplant seien.

Kronospan gilt als einer der wichtigsten Arbeitgeber im Kanton Luzern. Die Konzernleitung wies jedoch Spekulationen, wonach dies in Zusammenhang mit dem Amoklauf stehen könnte, zurück. "Die Firma hat seit Monaten keine Kündigung ausgesprochen", sagte ein Sprecher des Konzerns auf der Pressekonferenz.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein offenbar Verwirrter in der Schweiz Amok lief: 2001 tötete ein als Polizist getarnter Mann im Regionalparlament des Schweizer Kantons Zug 14 Menschen und sich selbst. Der Mann nutzte ein Gewehr, eine Pistole und zündete noch einen Sprengsatz. Er hatte vorher wiederholt Mitglieder der Regierung und der Justiz angezeigt. Er warf ihnen Amtsmissbrauch vor und führte einen juristischen Streit mit den Verkehrsbetrieben in Zug. Zuletzt hatte erst vor wenigen Wochen ein 33 Jahre alter Mann in Daillon drei Frauen erschossen.

Der Vorfall von Menznau könnte eine neue politische Debatte anheizen. Kaum ein Land in Europa hat so viele Waffen in privaten Haushalten wie die Schweiz – nach inoffiziellen Schätzungen sind es mehr als zwei Millionen. Die Zahl der Verbrechen mit Waffen ist dagegen niedrig. 2009 wurden in der Schweiz insgesamt 24 Menschen durch Waffengewalt getötet. Das entspricht einer Rate von 0,3 je 100.000 Einwohner. In den USA ist diese Rate beispielsweise elfmal höher. Um die Kronospan-Mitarbeiter kümmern sich nun Seelsorger. Die Produktion wurde bis auf Weiteres gestoppt.

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