27.02.13

Neues Buch

Natascha Kampusch – der eigene Vater glaubt ihr nicht

Einige Tage nach dem Start des Films gibt es ein neues Buch über die Entführung von Natascha Kampusch. Darin bezweifelt ihr Vater Ludwig Koch wesentliche Schilderungen seiner Tochter. Warum?

Von Kathrin Spoerr
Foto: AP/dpa

Natascha Kampusch vor der Filmpremiere von „3096 Tage“, der Verfilmung ihres Entführungsschicksals
Natascha Kampusch vor der Filmpremiere von "3096 Tage", der Verfilmung ihres Entführungsschicksals

Seit ein paar Tagen gibt es im Fall Natascha Kampusch eine Wahrheit. Sie ist festgehalten in dem Film "3096 Tage".

Nur wenig jünger ist eine andere Wahrheit. Sie ist festgehalten in dem Buch "Vermisst – Die Suche des Vaters nach Natascha Kampusch", geschrieben vom britischen Journalisten Allan Hall, der auch das Kampusch-Buch "Das Mädchen aus dem Keller" verfasste. Das Buch stellt die Sicht von Natascha Kampuschs Vater Ludwig Koch auf die Entführung seiner Tochter dar.

Millionen Menschen werden den Kinofilm sehen und ihn für eine minutiöse Darstellung der Realität halten – denn das ist das Verführerische an bewegten Bildern, die mit dem Zusatz "nach einer wahren Begebenheit" versehen sind.

Wie viele Menschen das Buch lesen werden, ist unklar – wahrscheinlich aber deutlich weniger. Es ist zu vermuten, dass alles, was der Vater sagt, was er fragt, zurechtrückt oder korrigiert, verschwinden wird hinter Natascha Kampuschs verfilmter Wahrheit.

Mehrere Wahrheiten

Es lohnt sich aber trotzdem, auch ins Buch zu schauen. Denn vergleicht man den Film mit den jetzt bekannt gewordenen Buch-Auszügen, drängen sich Fragen auf.

Frage eins lautet: Worin unterscheidet sich die Wahrheit Nataschas von der ihres Vaters?

Frage zwei lautet: Warum?

Und weiter: Warum sollte Natascha lügen? Warum sollte der Vater lügen? Was hat die Entführung des Mädchens mit den Seelen von Vater und Tochter gemacht, was lässt die Beiden keine Ruhe finden?

Nur Frage eins ist leicht zu beantworten. Der Film ist die Schilderung eines Martyriums, in dem es ein Opfer und einen Täter gibt. Es gibt Gewalt in vielen Facetten. Sexuelle Gewalt, physische Gewalt und psychische Gewalt. Und am Ende gibt es eine riskante Flucht in die Freiheit.

Viele Fragen, schwere Antworten

Das Buch hingegen hinterfragt das Martyrium. Es zweifelt an allem: an der Rolle des Opfers und an der Rolle des Täters, an der Gewalt und auch an der Fluchtversion seiner Tochter. Bisher ist das Buch nur in Auszügen bekannt, sie liegen dem österreichischen Portal oe24.at vor. Folgende, dem Film widersprechende Passagen sind dort nachzulesen:

Über die Beziehung von Natascha zu Entführer Priklopil: "Was sich zwischen Natascha und Priklopil entwickelte, was sie für ihn empfunden hat, das erscheint verschleiert. Polizeibeweise lassen Ludwig Koch (Nataschas Vater, Anm. d. Red.) glauben, dass sie nicht ehrlich war, wenn sie über ihr Leben mit Priklopil spricht. In späteren Jahren durfte sie in seinem Bett schlafen." Merkwürdig findet der Vater, dass Natascha Priklopil einen "Verbrecher" nannte, sich aber nach seinem Tod auf seinen Sarg stürzte und weinte.

Über Natascha und das Kellerverlies: "Der Keller schaut so aus, als wenn in diesem Raum nie jemand für lange Zeit lebte. Das Mädchen aus dem Keller ist ein Mythos. Sie wartete mit ihrer Flucht, bis sie 18 war, weil sie nicht in ein Heim wollte oder zu ihrer Familie zurück."

Über die Rolle der Zeugin Ischtar A.: "Ich bin das zweite Opfer der Entführung. Ich weiß, es waren zwei Männer, der zweite blieb die ganze Zeit am Fahrersitz", wird Ischtar A. zitiert. "Sie haben mich gesehen, sie wissen, ich bin Zeugin. In all den Jahren hatte ich Angst, dass sie zurückkommen, um mich zu holen."

Über die Rolle von Priklopil-Freund Ernst H.: Ludwig Koch sagt in Allan Halls Buch: "Ernst H. ist der Schlüssel zum Rätsel, das Natascha passierte. Ich will ihn vor einem Gericht sehen, dass er unter Eid erklärt, was er weiß." Autor Allan Hall thematisiert: "Warum hatte Ernst H. nur Stunden nach Nataschas Flucht Zutritt zu Priklopils Haus? Warum fragte er: 'Hat er sie getötet?' Warum sagte er in Vernehmungen mit der Polizei, er sei Priklopils Geschäftspartner und nicht bester Freund?

Über den toten Hauptermittler Franz Kröll: "Ludwig Koch ist einer jener, der glaubt, dass Kröll nicht natürlichen Todes starb. Es wird gesagt, dass er wegen Natascha tot ist. Kröll hat viele Ungereimtheiten in Nataschas Leben als Gefangene aufgedeckt.

Hier spricht ein Vater, den Zweifel umtreiben, wie sonst nur einen Kriminalkommissar. Warum zweifelt er? Eine Antwort ist schwer, vielleicht gar nicht zu finden. Nataschas Vater selbst sagte bei Veröffentlichung dieses Buches: "Die Wahrheit liegt zwischen Natascha und mir. Sie blockiert unsere Beziehung. Ich spreche, weil ich sie liebe und zurück will." Eine Andeutung ist das, mehr nicht. Sucht er die verlorene Beziehung zu seiner Tocher? Oder setzt er sie aufs Spiel?

Misstrauischer Vater von Natascha Kampusch

Jedenfalls ist der Satz Zeugnis einer Verzweiflung – und ein Vorwurf zugleich. Wollte meine Tochter nicht zurück nach Hause? So klingt sie.

Es war Natascha Kampusch, die ihr gestörtes Verhältnis zum Vater zuerst thematisierte. Zum Erstaunen der Öffentlichkeit (die sich nichts so sehr wünscht, wie ein gutes Ende des Albtraums) sparte sie in der Vergangenheit nicht mit Kritik an ihrem Vater: "Mein Vater ist so unreif. Er ist in einem Entwicklungsstadium stecken geblieben, das nicht meinem entspricht", sagte sie.

Auch Nataschas Verhältnis zur ihrer Mutter Brigitta Sirny-Kampusch ist nicht frei von Widersprüchen. Offenbar bezweifelt auch sie den Wahrheitsgehalt der Täter-Opfer-Beziehung ihrer Tochter zum Entführer Priklopil. Auch sie schrieb ein Buch über die Entführung ihrer Tochter und desavouierte sie damit in aller Öffentlichkeit: Natascha, schreibt die Mutter, sei nach dem Tod Priklopils zu dessen Grab gefahren, um Abschied zu nehmen.

Natascha erwidert ebenso unversöhnlich: "Meine Eltern waren bei meiner Geburt nicht bereit, die Verantwortung für eine Tochter zu übernehmen." Hier sprechen Mitglieder einer Familie, die nicht aus einem Alptraum erwachen zu wollen scheint.

Der Film und die Bücher haben Nataschas Leben zu einem öffentlichen Gut mit vielen Versionen gemacht. Aber was die Wahrheit jenseits dieser Versionen ist, wird niemals erhellt werden.

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