26.02.13

"Hart aber fair"

"Wir machen maximalen Populismus!"

Lachen über Hitler – darf man das? Frank Plasberg konnte dem Dauerthema neue Facetten abgewinnen, weil einer seiner Gäste erfolgreich das Format der Talkshow an sich zur Satire machte.

Foto: ARD

Der Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ zu Gast bei „hart aber fair“ mit dem Thema: „Hitler als Witzfigur – worüber darf Deutschland lachen?“ In der Runde saßen ebenfalls (u.v.l.n.r.): Moderator Oliver Pocher, Erika Steinbach, Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sowie SPD-Sozialpolitiker Rudolf Dreßler und Journalist Hellmuth Karasek
Der Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" zu Gast bei "hart aber fair" mit dem Thema: "Hitler als Witzfigur – worüber darf Deutschland lachen?" In der Runde saßen ebenfalls (u.v.l.n.r.): Moderator Oliver Pocher, Erika Steinbach, Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sowie SPD-Sozialpolitiker Rudolf Dreßler und Journalist Hellmuth Karasek

Welche geschichtliche Epoche folgte eigentlich auf die "Nazizeit"? Nach Oliver Pocher war es jedenfalls die "Neuzeit", damit meinte er wohl die Gegenwart. Im Umfeld einer Straßenumfrage, bei der sich Kölner Studenten vor laufender Kamera mit ihren historischen Wissenslücken blamierten, wirkte dieser Ausrutscher also durchaus unfreiwillig komisch.

Das – ganz ernsthafte – Anliegen des Komikers war es, den Schülern solle im Unterricht mehr über aktuelle Entwicklungen beigebracht werden als über die Vergangenheit.

Woher diese Hitler-Faszination?

Nun scheint es vielen, als sei das Gegenteil der Fall. "Hitler war nie so bekannt wie heute", fand die Vertriebenen-Funktionärin Erika Steinbach gar und irritierte damit sogar Pocher.

Harte Zahlen indes gab es zu dem Buch "Er ist wieder da" von Timur Vermes: 400.000 Mal wurde der Roman verkauft, in dem Hitler im Berlin von heute wieder erwacht und sogleich eine Fernsehkarriere startet, weitere 100.000 Käufer entschieden sich für das von Christoph Maria Herbst vorgetragene Hörbuch.

Woher kommt diese Faszination? Darf man das überhaupt: über Hitler lachen? Vielleicht hat es tatsächlich seine Berechtigung, mit jeder Generation erneut dieses Thema zu diskutieren, wenn die Distanz zu den Jahren der NS-Diktatur automatisch zunimmt und, so suggerierte es Pochers Auftritt, auch die Genervtheit der Nachgeborenen. Andererseits scheinen die Argumente dazu auch mittlerweile hinreichend bekannt und ausgetauscht.

Plasbergs Sendung funktionierte trotzdem. Weil er anhand von Textbeispielen aus Vermes' Bestseller sehr schön eruieren ließ, welche Satire in welcher Form erlaubt sein könnte und welche nicht. Da gab es eine Passage, in der der fiktionale Hitler die Pflichtergebenheit eines Laubbläsers bewundert.

Das war ein eher harmloses Witzchen: Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek fand, es entlarve die Hirnrissigkeit einer solchen Ideologie der Selbstversklavung, Rudolf Dreßler, der ehemalige deutsche Botschafter in Israel, konnte nicht darüber lachen.

"Je härter der Witz ist, desto besser muss er auch sein"

Dann aber folgte ein Stück, das in seiner propagandistischen Struktur gar keine Distanz mehr einzunehmen schien und dem verblüffende Ähnlichkeiten zu Heinrich Himmlers berüchtigter Posener Rede vom Oktober 1943 nachgewiesen werden konnten.

Sicher: Der größere Textzusammenhang blieb nicht erkennbar, eine Sympathie des Autors für Himmlers Hetzerei wäre eine üble Unterstellung. Aber wie leicht eine Satire ins Straucheln geraten kann, wurde hier plastisch und nachvollziehbar.

"Je härter der Witz ist, desto besser muss er auch sein", forderte Oliver Pocher vollkommen zu Recht. Gleichzeitig widersprach er Plasbergs Behauptung, er parodiere Hitler in seinem Bühnenprogramm. Da werde höchstens mal das "R" gerollt, was ja auch reiche, um die meisten Zuhörer schon zum Lachen zu bringen. Wer jemals mit ansehen musste, wie Pocher etwa Oliver Kahn parodiert, muss für diese Einschränkung jedenfalls dankbar sein.

Faszination Grauen

So eindeutig wie Pocher und Dreßler, die fleißig mit einer "Jetzt ist es aber mal gut"-Argumentation und dem Verweis auf die historische Verantwortung aneinander vorbeiredeten, war nicht jeder der Gäste positioniert. Wenn auch Hellmuth Karaseks Rolle als anekdotensatte Kulturallzweckwaffe womöglich noch einigermaßen zu erwarten war, so blitzte die Hardlinerin in Erika Steinbach dann doch verblüffend selten auf.

Sicher, manchmal schien es, als wolle sie nicht über Hitler sprechen, ohne auch Stalin und, wenn wir schon einmal dabei sind, auch noch Alexander den Großen zu erwähnen. Plasberg witterte sogleich hohes Konfliktpotenzial und hakte nach: "Sie stellen Hitler und Stalin also auf eine Stufe?"

Steinbach blieb hart: "Beides Verbrecher." Doch ihr selbst schien dies nicht so wichtig, denn obwohl sie Vermes' Roman nach 30 Seiten angeödet zur Seite gelegt habe, stellte sie doch fest: "Das Lächerlichmachen von Diktatoren kann diese auch entlarven." Und zum Erfolg von Hitler-Stoffen in allen Medien fasst sie zusammen: "Das Grauen fasziniert und bannt offenbar."

Da befand sie sich schon im Dialog mit dem schillerndsten Gast des Abends. Plasberg hätte ahnen können, worauf er sich einließ, als er Leo Fischer, den Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic", einlud. Der schlüpfte in eine Rolle, die sich schon in Gestik und Duktus als Satire auf das bedeutsame Phrasenaufsagen von Politikern in Talkshows verstehen ließ.

Der BER und der Führer

"Für uns ist das eine Möglichkeit, Geld zu verdienen – warum soll man die Erlöse mit Hitler-Titelbildern dem 'Spiegel' oder der 'Bild' überlassen?", fragte Fischer rhetorisch in die Runde.

Die aktuelle Ausgabe, in der behauptet wird, Klaus Wowereit sei hingerichtet worden und der "Führer" habe nun die Bauleitung beim Flughafen Berlin-Brandenburg übernommen, rechtfertigte Fischer mit unbewegter Miene so: "Der Flughafen liegt den Deutschen offenbar so sehr am Herzen wie die Welthauptstadt Germania. Was wir machen, ist maximaler Populismus!"

So erfrischend es war, Fischer dabei zuzuhören, wie er das ganze Format aus sich selbst heraus ad absurdum führte: Seine unbequeme Hauptthese drohte darin ein wenig unterzugehen. Die Deutschen, so Fischer, mögen am liebste seichte Hitlerkomödien, möglichst geschichtsvergessen und dämonisierend – so ließen sich all die Verbrechen schön einfach auf eine halb fiktive Figur projizieren, die dann gemeinsam mit der eigenen Mitschuld entsorgt werden könnte.

Wie viel Empörung müsste er bei den Befürwortern des viel beschworenen Schlussstrichs damit eigentlich auslösen? Mindestens so viel jedenfalls wie Erika Steinbachs Gleichsetzung von Hitler und Stalin auf der anderen Seite des argumentativen Spektrums. Aber beide Spitzen verpufften – schade eigentlich.

Das sagten die Gäste

Leo Fischer,

"Titanic"-Chefredakteur:

 

Die Deutschen gieren nach Unschuld,

wenn sie Hitler als

Clown und Witzfigur hinstellen.

Rudolf Dreßler,

SPD-Sozialpolitiker:

 

Wir haben eine neue Leichtfertigkeit

im Umgang mit dem Nationalsozialismus.

Hellmuth Karasek,

Journalist:

 

Durch die Parodie werden

die Gräueltaten noch deutlicher.

Oliver Pocher,

Moderator:

 

Für das, was Opa und Oma

verbockt haben, kann ich ja nichts.

Erika Steinbach,

Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion:

 

Mit Satire kann man

Diktatoren auch entlarven.

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