25.02.13

Oscar-Stilkritik

Das coolste Accessoire trägt eine Neunjährige

Bei den Oscars gehen immer mehr Stars auf Nummer sicher: Konservative Eleganz zeichnet die meisten Looks aus. Das ist zwar hübsch anzusehen – aber mehr Spaß machen diejenigen, die sich was trauen.

Foto: AP/dpa

Jessica Chastain trug ein schmales, schulterfreies Glanzstück von Armani Privé.

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Okay, man muss es ihnen zugestehen: Die berühmten Damen auf dem roten Teppich haben es nun wirklich nicht leicht. Sie wissen ja ganz genau, wie akribisch jedes einzelne Kleid, jede Haarsträhne, jeder herabrutschende Träger, jedes schlecht sitzende Dekolleté begutachtet, für oder gegen sie verwendet wird.

Der richtige oder falsche Look kann manchmal für mehr Gesprächsstoff sorgen als ein gewonnener Preis. Die Panik vor schlechter Kritik scheint daher die meisten Stars von jeder Art modischem Wagnis oder gar Experiment abzuhalten. Mal eine knalligere Farbe, ein außergewöhnlicher Schnitt, einen etwas avantgardistischen Look vom Laufsteg: nix da. Stattdessen gingen viele bei der Oscar-Verleihung lieber auf Nummer sicher.

Bustierkleider, wohin das Auge blickt (machen schlank), blasse Pastell- und Nude-Töne waren die Farbfavoriten (wirken so schön zart), unzählige Schleppen bedeckten den roten Teppich (sorgen für die nötige Grandezza, das hier sind immerhin die Oscars).

Nostalgischer Glamour steht ihr gut

Die Ladies wollten wie Prinzessinnen aussehen ("Ich fühle mich wie eine Prinzessin", war ein oft gehörter Satz letzte Nacht), da können sie nichts falsch machen. Richtige Ausrutscher waren gestern daher selten. Ein Auftritt wie der von Björk im Schwanenkleid bei der Verleihung von 2001 scheint heute undenkbar.

Bitte nicht falsch verstehen: Viele der klassischen eleganten Roben waren wirklich zauberhaft. Jessica Chastain, was kann man dagegen sagen: ein schmales, schulterfreies Glanzstück von Armani Privé, der Karamell-Ton schmeichelte ihrem blassen Teint, der knallrote Lippenstift und die gewellten Haare sorgten für den nostalgischen Glamour, der Chastain so gut steht.

Charlize Theron sah, ebenfalls schulterfrei, aus wie eine Göttin in Christian Dior: Ein weißer Traum mit besticktem Schößchen, der Pixi-Schnitt dazu unterstrich ihr schönes Gesicht, das fast komplett ohne Schmuck auskam.

Für den Abi-Ball in der Provinz akzeptabel

Bei Helen Hunt war "klassisch" leider gleich "langweilig": Zum Gähnen animierte das dunkelblaue Kleid, das außerdem, oh Schreck, von H&M war. Nichts gegen H&M, aber die unschönen Knitterfalten warfen die Frage auf, ob Hunt es im Schlussverkauf von einer übervollen Kleiderstange gezogen hat. Für den Abiball in der Provinz vielleicht noch akzeptabel, aber für die Oscars? Ähnlich unspektakulär, wenn auch vom Designer: Reese Witherspoon in (noch) einem Bustierkleid von Louis Vuitton. Die Schleife am Ausschnitt wirkte wie der müde Versuch, ein lahmes Teil irgendwie aufzupeppen.

Gerade bei den jüngeren Hollywood-Damen wäre mehr Lust am Experiment wünschenswert gewesen. Das mit der Prinzessin hatte sich Amy Adams besonders zu Herzen genommen. Ihre Oscar-de-la-Renta-Robe war der wahr gewordene Tülltraum eines jeden kleinen Mädchens. So ähnlich sah das Cinderella-Kleid im gleichnamigen Disney-Film auch aus. Mehr Modernität, weniger Zuckerguss hätten wir von Adams erwartet.

Amanda Seyfried dagegen verschwand fast völlig in dem hellgrauen Neckholder-Kleid von Alexander McQueen. Schönes Design, falsche Farbe. Und der weiße Meerjungfrauen-Dress von Christian Dior wirkte mit dem mächtigen Rockteil etwas zu opulent für die natürliche Jennifer Lawrence.

Wie eine venezianische Christbaumkugel

Übertrieben hatte es auch Catherine Zeta-Jones, die in ihrem goldbestickten Entwurf von Zuhair Murad wie eine venezianische Christbaumkugel daherkam. Nicole Kidman erinnerte in dem Pailletten-Overkill von L'Wren Scott an ein alterndes Las-Vegas-Sternchen. Fan Bingbing sah in ihrem Marchesa-Look aus, als sei sie in eine pinke Tulpe geschlüpft.

Und, oje, Renée Zellweger hatte sich für die Oscars kurzerhand in ihre Aerobic-Klamotten geworfen. Könnte sein, dass Zellweger für den hautengen Schlauch von Carolina Herrera mit Spanx nachgeholfen hat. So, wie sie den Bauch einzog ...

Andere Mutige trauten sich, weniger konventionelle Designs auszuprobieren, und zeigten damit erfolgreich, dass sie Spaß an Mode und aufregenden Kleidern haben. Das raffinierte Dekolleté von Naomi Watts silberner Armani-Privé-Robe begeisterte durch die Zweiteilung aus nackter und bedeckter Schulter. Einfach modern: So stellt man sich ein Abendkleid im Jahr 2013 vor.

Wahrer Stil hat nichts mit dem Alter zu tun

Reine Power strahlte Halle Berry in dem rockigen Superteil von Versace aus. Breite Schultern, glitzernde Längsstreifen, tiefer Ausschnitt: ein Wagnis, aber Berry wirkt darin einfach nur selbstbewusst und cool. Ungewohnt, dafür kreativ: die mit Tüll-Volants bedeckte Rückenansicht von Jennifer Garners auberginefarbener Gucci-Robe machte sofort neugierig. Das Prada-Kleid von Anne Hathaway wirkte auf den ersten Blick sehr brav, hatte jedoch seinen Reiz durch den kunstvoll verzierten Rückenausschnitt.

Schauspielerin Sally Field wagte es, ihre Arme in dem roten Chiffon-Modell von Valentino zu bedecken (lange Ärmel sind selten bei den Oscars), und sah damit einfach hinreißend aus. Noch hochgeschlossener, aber ebenso elegant, zeigte sich die "Amour"-Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva. In ihrem petrolfarbenen Lanvin-Outfit aus fließendem Kleid und Cape bewies sie, dass wahrer Stil eben nichts mit dem Alter zu tun hat.

Und da war sie nicht die Einzige. Das coolste Accessoire trug die neunjährige Quvenzhané Wallis aus dem Film "Beasts of the Southern Wild": einen Plüschhund als Tasche. Das Kleid dazu war von Armani.

Zum Nachlesen: So lief die Oscar-Verleihung 2013

Foto: REUTERS

Glamour pur: Die Oscar-Bühne schillert, und auf ihr steht ...

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