25.02.13

Oscar-Verleihung

Die umwerfende Präsenz der Jennifer Lawrence

Christoph Waltz gewinnt seinen zweiten Oscar, und die "beste Hauptdarstellerin", Jennifer Lawrence, strauchelt auf dem Weg zur Bühne. Verlierer der 85. Academy Awards sind vor allem zwei Regisseure.

Foto: REUTERS

Glamour pur: Die Oscar-Bühne schillert, und auf ihr steht ...

32 Bilder

Zwei Österreicher, ein digitalisierter Tiger und ein Regisseur und Schauspieler namens Benjamin Géza Affleck-Boldt sind die großen Sieger bei den 85. Academy Awards.

Christoph Waltz gewann seinen zweiten Oscar seit 2010 als "bester Nebendarsteller" in seinem zweiten Quentin-Tarantino-Film. Michael Hanekes "Liebe" ("Amour") wurde als "bester nicht englischsprachiger Film" ausgezeichnet. Waltz dankte dem "furchtlosen Drachenbezwinger" Tarantino.

Haneke verneigte sich in seinem widerständigen Akzent vor seinen Stars Emmanuelle Riva (86), die im Dolby Theatre saß und ihren späten Ruhm genoss, und Jean-Louis Trintignant (82). Unter Hanekes Anleitung geben die beiden dem Sterben so viel Würde wie alter Liebe. Hollywood erwies dem Regisseur sogar die Referenz, "Amour" auch für "Best Picture" zu nominieren. Es sage niemand mehr, die Academy respektiere nur ewige Jugend und fettes Box Office.

"Argo", Ben Afflecks Film über die Befreiung einiger US-Geiseln 1979 im Iran, setzte sich als "bester Film" gegen "Lincoln" durch. Michelle Obama wurde sieben Minuten vor Mitternacht Ostküstenzeit aus dem Weißen Haus hinzugeschaltet, um den prestigeträchtigsten Preis zu vergeben. Dass ausgerechnet Jack Nicholson die First Lady vorstellte und sich sein zwanghaftes, süffisantes Grinsen fast verkniff, zeigte Sinn für Ironie. Nicht weniger Obamas Hinweis auf die Rolle Hollywoods, "Träume junger Menschen etwas größer" zu machen. Die republikanische Opposition im Kongress hält Hollywood für eine linke Pest und obendrein für gewaltverherrlichende Jugendverderber, die aus "anständigen schwer bewaffneten" Bürgern kranke Massenmörder machen.

Bigelow und Spielberg die Verlierer des Abends

Ang Lee obsiegte über Steven Spielberg als "bester Regisseur" eines schiffbrüchigen Laiendarstellers und eines am Computer geborenen und gezähmten Tigers in "Life of Pi". Lee rief bei seiner Dankesrede die US-Filmgötter an, dankte Taiwan (wo ein großer Teil des Films gedreht wurde) und bedankte sich auch auf "Chinesisch". Es scheint, als habe das technisch und erzählerisch kühne Unternehmen "Life of Pi" die Mitglieder in technischen Kategorien mehr eingenommen als die lange hoch gerühmten politischen Stoffe wie "Lincoln", "Argo" und "Zero Dark Thirty".

Dessen Regisseurin Kathryn Bigelow ist zusammen mit Steven Spielberg die Verliererin des Abends. "Zero Dark Thirty", die Story der Tötung Osama Bin Ladens, galt noch im Dezember als Favorit in den wichtigsten Kategorien. Dann meldeten sich linksliberale Kritiker mit dem Vorwurf, der Film verherrliche Folter, zu Wort; flankiert von Republikanern, die eine Untersuchung verlangten über allzu freizügigen Zugang der Filmemacher zur CIA und Geheiminformationen. Im Übrigen mutmaßten sie eine Beweihräucherung Präsident Obamas.

Enttäuscht dürfte Steven Spielberg sein, dessen "Lincoln" mit zwölf Oscar-Nominierungen flächendeckend zu führen schien. Am Ende kam nur Daniel Day-Lewis als unübertrefflicher Lincoln durch. Und das ist gut so. Denn nicht die Präsidentengottheit Abraham Lincoln stand zur Wahl, auch nicht die Befreiung der Sklaven Amerikas, sondern ein in Teilen hölzern pädagogisierender Film, der ungebildete schwarze Soldaten der Unionsarmee Lincoln-Reden zitieren lässt wie am Lehrerpult. Der überhaupt zu viel reden und zerreden lässt, was sich anders erzählen ließe.

Spielbergs Zugriff auf historische Stoffe bringt nicht immer seine stärksten Arbeiten hervor. Es blieb Daniel Day-Lewis vorbehalten, "unseren geliebten Skipper" (Spielberg) zu feiern und natürlich auch den "rätselhaft schönen Kopf, Körper und Geist" des ermordeten Präsidenten.

Temperament, erotischer Appeal und schlicht Talent

Zu den Glücklichen dieses Jahrgangs gehört gewiss Jennifer Lawrence (22), die mit "Winter's Bone" vor zwei Jahren aus dem Nichts gleich ganz oben bei den Nominierten auftauchte. Auch sie erhielt ihren Oscar, den sie nach einem knappen Sturz beim Erklimmen der Bühne, nach Luft schnappend und nach Worten suchend ("This is nuts") annahm, mit vollem Recht.

Seit der jungen Meryl Streep vor einer gefühlten Ewigkeit hat keine amerikanische Filmschauspielerin so umwerfende Präsenz, Temperament, erotischen Appeal und schlicht Talent gezeigt. Inzwischen verdient sie als von Teenagermädchen angehimmelter Star der "Hunger Games" dicke Gagen. Jennifer Lawrence kann sich die Stoffe aussuchen. "Silver Linings Playbook", eine mit psychischen Krankheiten komödiantisch spielende Geschichte, hat manche Schwäche. Aber keine, die Jennifer Lawrence nicht durch einen einzigen Blick kurierte.

So fühlt sich der als politischster aller Zeiten gerühmte wie gefürchtete Filmjahrgang nach den Oscars gar nicht mehr so politisch an. "Les Misérables" kassierte mehr Preise als gedacht. Selbst die Show ließ singen und tanzen nach Kräften. Shirley Bassey (76) kann immer noch "Goldfinger" (von 1964) singen; Catherine Zeta-Jones kann immer noch ihre Figur in "Chicago" tanzen. Hugh Jackman und Anne Hathaway ("Beste Nebendarstellerin"), die wie eine dünne Judy Garland aussieht und singt, zeigten, warum das Musical-Genre nicht tot ist.

Adele strich ihren "Best Song"-Oscar für "Skyfall" ein; ein Lied, das es wahrscheinlich nicht auf ein Album von der Güte ihres "21" geschafft hätte. Als echte Neuheit blieb Michelle Obamas neue Karriere als "presenter" mit goldenem Umschlag. Bill Clinton hatte es bei den Golden Globes für "Lincoln" vorgemacht. Und John Kerry, neuer US-Außenminister, soll "Argo" Glück gewünscht haben. Ob die Filmindustrie der Politik schmeichelt oder umgekehrt, ist noch offen.

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