24.02.13

Nahtoderfahrung

Die Sehnsucht nach dem Licht, das einen holt

Als Sabine Mehne 1995 untersucht wird, macht sie eine Nahtoderfahrung. Danach ist alles anders. "Es war furchtbar, in meinen Körper zurückzukehren, er war zu klein" sagt die Therapeutin heute.

Von Claudia Becker
Foto: Getty Images
„Es war furchtbar, in meinen Körper zurückzukehren, er war zu klein“: Inzwischen ist Mehne vom Krebs geheilt
Dieses Licht hat mich geholt", sagt Sabine Mehne, "da war jeder Widerstand zwecklos. Ich war nur noch dieses wunderschöne Licht"

Die Ärzte wussten nicht, was ihr fehlte. Aber sie wusste, dass sie "den Tod im Gepäck" hat. So beschreibt Sabine Mehne ihre Ahnung, die sie schon im Mai 1995 befiel, als sie an einer Grippe erkrankte. Als so scheinbar harmlos begann, was zu einem Leidensweg werden sollte, der ein halbes Jahr später nur noch mit Morphium auszuhalten war. Bis dahin reihte sich eine Untersuchung an die nächste.

Die Bauchschmerzen wurden unerträglich. Im Herbst wurde Sabine Mehne künstlich ernährt. Die Ärzte wussten noch immer nichts Genaues. 38 Jahre war die Familien- und Physiotherapeutin aus Mühltal bei Darmstadt alt, die drei Kinder waren noch klein, die Jüngste erst eineinhalb. "Die Sorge um die Kinder hat mich fast wahnsinnig gemacht", sagt Sabine Mehne.

Ihr Zustand wurde immer schlimmer. Die Schmerzen immer heftiger. "Ich will es nicht mehr ertragen müssen." Das dachte sie, als sie an einem Tag im September 1995 ins Ultraschall-Untersuchungszimmer des Krankenhauses geschoben wird. Sie hatte keine Kraft mehr. Sie wollte nur, dass es aufhört. Und dann geschah etwas, was ihr Leben für immer verändern sollte.

"Ich fühlte mich wie eine löchrige Luftmatratze"

Oben am Kopf, berichtet sie, da ging sie aus sich heraus. In ein Licht, für das es keine Worte gibt. " Sie fühlte keine Schmerzen mehr. Sie fühlte eine unendliche Freiheit. Sie fühlte eine Liebe, die sie noch nie erlebt hat. Und dann sah sie ihr Leben an sich vorbeiziehen.

Und sie spürte, was sie mit den Menschen, denen sie begegnen durfte, verbunden hat. Die Liebe, aber auch die Verletzungen, die sie anderen zugefügt hat. "Der Rückblick war wie eine Läuterung, den ich auch als qualvoll empfunden habe", sagt sie. "Ich kann mir vorstellen, dass es Erfahrungen wie diese sind, die mit dem Begriff der Hölle assoziiert werden."

In ihrem Buch "Licht ohne Schatten" (224 Seiten, 19,99 Euro), das gerade im Patmos Verlag erschienen ist, gibt Sabine Mehne berührend, humorvoll und mit einer schonungslosen Offenheit Einblick in ihre Wahrnehmungen und die sich anschließende Zeit der Unsicherheit, in der sie sich allein und unverstanden fühlte mit dem, was sie erlebt hatte. Und sie beschreibt, wie trotz ihrer eigenen anfänglichen Ratlosigkeit über das, was während der Ultraschalluntersuchung mit ihr geschah, etwas mit ihr passierte.

Drei Wochen nach jenem Erlebnis stellten die Ärzte die Diagnose: Krebs. Sie hatte ein hochmaligenes Non-Hodgkin-Lymphom. Sie sollte mehrere Chemotherapien bekommen. Danach eine Knochenmarktransplantation. Behandlungen, die ihr alles abverlangten. "Aber ich habe gespürt, dass irgendetwas in mir ist, was mich trägt und mich schützt", sagt sie, "mit diesem Gefühl bin ich in die Therapien gegangen."

Die Behandlungen schlugen an. Sabine Mehne kam wieder nach Hause. Die Kinder waren glücklich, dass die Mutter zurück war. Aber sie war so erschöpft. "Ich fühlte mich wie eine löchrige Luftmatratze", sagt sie. Das Lachen der Kinder, das Geschrei. Das wurde ihr alles zu viel. Sie wollte alleine sein, sie wollte weg, weit weg. "Ich hatte große Schuldgefühle", sagt sie, "aber ich hatte so große Sehnsucht, wieder dorthin zu kommen, wo ich war." Sie hatte Sehnsucht nach dem Licht.

Endloses Bewusstseins, dass nach dem Tod existiert

Immer wieder berichten Menschen von Erlebnissen, wie Sabine Mehne sie beschreibt. Sie erzählen, dass sie während eines Unfalls oder in Momenten, in denen sie klinisch tot waren, ihren Körper verließen und zumeist einen Zustand unbeschreiblicher Glückseligkeit erlebten. Häufig ist von einem Licht am Ende eines Tunnels die Rede, manche berichten von der Begegnung mit Verstorbenen.

Psychologen, Mediziner und Neurologen führen diese Wahrnehmungen auf schlichte wissenschaftlich zu erklärende Phänomene zurück, für sie handelt es sich nicht um Nahtoderlebnisse, sondern um Halluzinationen, bedingt durch extreme Situationen, den Einfluss von Medikamenten oder Sauerstoffmangel im Gehirn.

Aber die Zahl der Wissenschaftler, die die Erlebnisse von Betroffenen nicht einfach als Wahnvorstellungen abtun, nimmt zu. Bruce Greyson beispielsweise, Professor für Psychiatrie an der US-Universität Virginia, verweist ebenso wie der niederländische Kardiologe Pim van Lommel darauf, dass das Gehirn während der Nahtoderfahrungen häufig gar nicht mehr funktioniert. Dass trotzdem eine erhöhte Bewusstheit da zu sein scheint, ist für sie ein Hinweis darauf, dass die Vorstellung von einer untrennbaren Verbindung von Gehirn und Verstand fragwürdig ist.

Pim van Lommel, der für eine wissenschaftliche Studie Menschen mit Nahtoderfahrungen befragt hat, vertritt die These, dass das Gehirn nur der Empfänger eines endlosen Bewusstseins ist, das auch nach dem Tod weiter existiert.

Mein Körper war viel zu klein geworden

Eben Alexander, Hirn-Experte an der Harvard-Universität, kam nicht durch seine wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Ergebnis. Er hielt die Berichte über Nahtoderfahrungen für Fantasiegeschichten – bis er selbst in ein Koma verfiel und Dinge erlebte, die ihn zu einem der bedeutendsten Verfechter einer – wunderbaren – Realität machte, die wir auch dann wahrnehmen können, wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet.

Schon damals, im Behandlungsraum des Krankenhauses, hatte Sabine Mehne es als furchtbar empfunden, in ihren Körper zurückzukehren. "Ich hatte das Gefühl, dass mein Körper viel zu klein geworden ist", sagt sie, "wie ein zu eng gewordener Pullover." Dieses Gefühl ließ sie nicht mehr los. Dieses Gefühl, irgendwie eingezwängt zu sein. "Ich wusste ja vier Jahre nicht, was ich damals im Krankenhaus erlebt hatte", sagt sie, "ich dachte, ich muss verrückt sein."

Viele Jahre brauchte sie, um die richtigen Worte zu finden, um ihre Scham zu überwinden, darüber zu reden. Es hat ihr geholfen, nach und nach auch andere Menschen zu treffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die sich im Netzwerk-Nahtoderfahrung (www.netzwerk-nahtoderfahrung.org) austauschen. Es hat sie auf den Weg ihrer größten Persönlichkeitsentwicklung gebracht, zu ihrer Nahtoderfahrung zu stehen, an ihr zu arbeiten und herauszufinden, welche Bedeutung sie für ihr Leben hat.

Die Gewissheit, dass alles gut sein wird

Das ist das Besondere an ihrem Buch, dass es nicht nur den Blick auf das richtet, was jenseits unserer sinnlichen Wahrnehmung liegen könnte, sondern auch darauf, wie dieses Erlebnis einen Menschen verändert. Dass es Krisen auslöst, weil der Betroffene sich allein fühlt. Weil es Menschen aber auch viel empfindsamer machen kann für sich und ihre Umwelt. So empfindsam, dass es manchmal kaum zu ertragen ist.

Pim van Lommel beschreibt in dem Nachwort zu Sabine Mehnes Buch dieses Phänomen der besonderen Sensibilität als die Konsequenz einer übernatürlichen Erfahrung von Liebe und Mitgefühl während einer Nahtoderfahrung.

Sabine Mehne hat nicht nur gelernt, mit ihrer Feinsinnigkeit umzugehen, mit ihren Antennen für das, was andere bewegt. Sie hat auch viele zwischenmenschliche Krisen überwunden, die diese erweiterte Sensibilität mit sich gebracht hat. Und die hat vor allem eines abgelegt: Die Angst vor dem Tod. Nein, sie weiß nicht, was kommt.

Aber wenn Sabine Mehne sich vorstellt, beim Sterben noch einmal so etwas zu erleben wie damals im Krankenhaus, als sie ihren Körper verließ, und dass die Erfahrung vielleicht noch stärker wird, wenn sie sich wirklich verabschiedet – das gibt ihr die Gewissheit, dass es gut sein wird.

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