24.02.13

US-Miliz

Privatarmee lernt Kinder an der Kalaschnikow an

Zwei Monate nach dem Schulmassaker von Newtown bildet eine US-Miliz auch Kinder an Sturmgewehren aus. Ein Fotograf durfte beim Training dabei sein – und schoss Angst einflößende Bilder.

Von Michael Remke
Foto: REUTERS

Kriegsspiele für die Kleinen: Die neun Jahre alte Brianna wird gemeinsam mit anderen Kindern …

12 Bilder

Das Mädchen mit den langen blonden Haaren trägt ein weißes T-Shirt mit einem roten Herz, Jeans und bunte Turnschuhe. Sie lächelt. In ihrer Hand hält die Kleine ein Sturmgewehr, ein AK-47, besser bekannt als eine russische Kalaschnikow. Neun Jahre ist das Mädchen alt. Sie soll Brianna heißen – und sie ist stolz.

Das Mädchen, dessen Foto um die Welt gingen, gehört zu einer selbsternannten Überlebensgruppe aus Florida: die "North Florida Survival Group". Ihr Gründer ist Jim Foster, ein Ex-Cop.

Geschossen hat das Bild der Fotograf Brian Blanco, der als bisher einziger Zugang zu der Miliz aus Gainesville, etwa zwei Autostunden nördlich von Disney World bekommen hat.

Für jede Situation gewappnet

Die Gruppe aus Florida ist dabei nur eine von vielen, meist anonym und unerkannt operierenden Privatarmeen in Amerika. Mehr als 200 Milizen soll es geben, eine Zahl, die sich laut US-Medien seit Amtsantritt von US-Präsident Obama "vierfacht" haben soll.

"Lerne wie du jede Katastrophe überleben kannst", verspricht die "North Florida Survival Group" auf ihrer Webseite. "Schütze deine Familie und bereite dich darauf vor, die Verfassung zu verteidigen." Die Ausbildung sei dabei "absolut kostenlos". Jeder Teilnehmer müsse allerdings seine "eigenen Waffen mitbringen".

Brianna, das Mädchen mit der riesigen Kalaschnikow, scheint dabei nicht das einzige Kind zu sein, das beim Kriegsspielen mit echten Waffen und Munition mitmachen darf.

Ihre Namen bleiben dabei meist unbekannt, selbst die Eltern der Kinder wollen nicht identifiziert werden. So wie ein anonymer Vater, der auf einem anderen Bild zu sehen ist. Er zieht seinem Sohn eine tarnfarbene Maske über das Gesicht , um ihn laut der Webseite auf "Feindkontakt" vorzubereiten. Der Junge scheint etwa im Alter von Brianna.

Und auch ein anderer kaum zehn Jahre alter Junge ist bei der "Überlebensgruppe" dabei. Er sitzt auf einer Spielzeuglokomotive von "Thomas the Tank engine" und scheint nicht bester Laune zu sein. Seine ältere Schwester, ein Teenager mit Tarnjacke, trägt heute das SKS Gewehr, an der sie ausgebildet werden soll.

Waffenverrücktes Amerika

Ein anderer Junge hat dagegen mehr Glück. Er hat ein Ruger Sturmgwehr in der Hand und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich bin bereit meine Verfassung zu verteidigen. Bis du auch bereit?" 12,95 Dollar kostet das Kleidungsstück, das die Gruppe auf seiner Webseite verkauft.

Zwei Monate nach dem Massaker von Newtown im amerikanischen Bundesstaat Connecticut werfen die schockierenden Bilder ein erneutes Schlaglicht auf ein waffenverrückte Amerika. Damals, am 14. Dezember, hatte der Amokschütze Adam Lanza insgesamt 26 Menschen erschossen, darunter 20 Schüler im Alter von sechs und sieben Jahren. Lanza hatte dabei das Schießen von seiner Mutter gelernt. Als die Polizei die Schule umstellt hatte, beging der 20-Jährige Selbstmord.

"Die Regierung versucht uns alle zu entwaffnen", sagt der Gründer der Überlebensgruppe Jim Foster. "Wir als Patrioten verteidigen nur unser Recht, Waffen zu tragen. Wir sind die Beschützer der amerikanischen Verfassung." Laut dem zweiten Zusatz des amerikanischen Grundgesetzes hat jeder Bürger in dem Land das Recht, eine Waffe zu besitzen. Auch die Gründung von privaten Milizen, wie der in Florida, ist nicht illegal.

Striktere Waffengesetze, wie sie US-Präsident Barack Obama nach dem Schulmassaker fordert, lehnt Foster natürlich strikt ab. Dabei zählt auch das Argument Newtown für ihn nicht. Im Gegenteil. Der frühere Polizist scheint sich nach dem Amoklauf mehr um sein Recht auf Waffenbesitz Sorgen zu machen, als um das Schicksal der Kinder von Newtown und deren Angehörigen.

Nazis und Fortschrittliche nicht willkommen

"Bisher gab es offenbar nicht genug Tote", sagt der 57 Jahre alte Foster. "Jetzt haben sie 20 tote Kinder und ich befürchte, dass das diesmal für sie genug sind, um uns die Waffen wegzunehmen." Steve Farland, ein anderes Mitglied, das seinen Namen nennt, nach eigenen Angabe aber nicht mehr "aktiv beim Training" ist, sagt: "Amokläufer, die solche Massaker wie Newtown verüben, sind meist nicht richtig an der Waffe ausgebildet. Kinder, die als Jäger geschult werden, gehen nicht raus und erschießen andere Kinder."

Mehr als 219 Mitglieder will Foster bisher für seine Miliz rekrutiert haben. "Nach Newtown kommen jeden Tag "zwischen ein und zwei" hinzu. Die Privatarmee, die in einem Wald nahe Old Town trainiert, umfasst dabei eine Altersspanne von 16 bis 70 Jahren. Nur wenige Interessierte werden von Foster abgelehnt. "Wir diskriminieren niemanden", heißt es auf der Webseite der Gruppe. "Die einzigen Leute, die wir hier nicht wollen, sind Sozialisten, Marxisten, Nazis und Fortschrittliche."

"Wir sind keine Waffennarren", sagt einer, der aus Gainesville, Florida, kommen soll und sein Alter mit 55 Jahren angibt. "Wir sind keine Verrückten. Wir wären allerdings verrückt, wenn wir bei dieser Regierung uns nicht bewaffnen würden". Ähnlich argumentiert auch eine der angeblich "zwei Dutzend Frauen" der Miliz. "Meine Waffen abgeben?", fragt die Frau, die sich "Stacie" nennt, aus Jacksonville in Florida kommt und dann antwortet: "Ich bin eine Frau, ich bin doch nicht blöd."

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