23.02.13

Mythos Hollywood

Manche Sexbombe brach unterm Druck zusammen

Vor den Oscars untersucht eine Dokumentation den Starkult Hollywoods und stößt auf unappetitliche Parallelen zur Antike. Es gab jede Menge Aphroditen – die gehandelt wurden wie Stückgut.

Foto: picture alliance / akg-images

Rita Hayworth als verführerische Femme fatale in „Gilda“: Die Rolle sollte ihr noch lange nachhängen.

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Unternehmen ihrer miesen Arbeitsbedingungen wegen zu verteufeln ist ja gerade sehr in. Kaum ein Global Player, den es noch nicht getroffen hätte. Nur die größte Fabrik von allen blieb bisher verschont: Hollywood. Dieser gewaltige, unablässig Bilder und Träume hervorbringende Komplex produziert Stars am Fließband - und verheizt noch mehr, die es nicht schaffen.

Die Dokumentation "Stardust Hollywood – Sternenstaub und Götterwelten" widmet sich dem glamourösen Personenkult der Traumfabrik, ausgehend von der Frage, welche Parallelen zwischen den Gottheiten der Antike und denen auf der Leinwand existieren. Antwort: Jede Menge.

Da gibt es den Zeus, verkörpert von den Bossen des alten Studiosystems. Mächtige Patriarchen wie David O. Selznick oder üble Chauvinisten wie der geniale Howard Hughes, der über weibliche Karrieren fast ausschließlich auf der Besetzungscouch entschied. Wer bei ihm ein Star werden wollte, musste sich flachlegen lassen.

Von Beginn an brachte die Filmindustrie auch Aphroditen hervor, bezaubernde Frauen wie Greta Garbo, Marilyn Monroe oder Jean Harlow, die zu globalen Weiblichkeitsidealen avancierten, als Sex-Bomben begehrt wurden und nicht selten unter dem Druck zusammenbrachen.

Schauspieler wie Stückgut behandelt

Rita Hayworth haderte ihr Leben mit dem enormen Erfolg, den ihr die Rolle in Charles Vidors Noir-Klassiker "Gilda" einbrachte: "Die Leute gehen mit Gilda ins Bett, und dann wachen sie mit mir wieder auf." An vielen Stars klebte das Hollywood-Image wie ein Etikett. Je größer der Film, desto kleiner die eigene Identität. Cary Grant hatte dasselbe Problem, nahm es aber mit Humor: "Alle wollen Cary Grant sein. Ich auch."

Der Ansatz der Doku, den Mythos der Traumfabrik wörtlich zu nehmen und systematisch mit den Figuren der griechischen Epen gleichzustellen, wirkt jedoch arg bemüht. Der Vergleich zwischen neuem und altem Hollywood dagegen, den Eckhard Schmidts Film auch aufmacht, ist wesentlich erhellender.

So behandelten die alten Studio-Bosse ihre Mitarbeiter wie Lohnsklaven. Selbst berühmte Schauspieler wurden wie Stückgut zwischen den Studios verliehen. Deals, die man bei Rotwein und dicken Zigarren einfädelte. Heute wird Hollywood nach Manager-Art geführt, das Charisma Einzelner ist der betriebswirtschaftlichen Effizienz international agierender Konzerne gewichen.

Filme, immer hart an der Schmerzgrenze

Für die Stars bedeutet das eine enorme Emanzipation. Früher waren Schauspieler wie Errol Flynn, James Stewart oder John Wayne ausschließlich auf eine Rolle festgelegt. Heute suchen sie sich ihre Rollen selber aus, spielen mit Vorliebe gegen den Strich oder übernehmen gleich die Regie.

Für Nostalgiker wie den Regisseur Peter Bogdanovich ist der Preis dieser individuellen Freiheit der Verlust der filmischen Aura. Er hält nichts von dem Gewese um Stars, die ihr Image nach Belieben kreieren. Und auch Hollywoods neuerdings glühende Leidenschaft für herkulische Übermenschen ist ihm zuwider: "Die Superhelden langweilen mich zu Tode. Ich will Filme über echte Menschen sehen."

Damit ist Bogdanovich vermutlich ein großer Michael-Haneke-Fan. Denn der österreichische Meistererzähler macht ausschließlich Geschichten von echten Menschen. Oder echte Geschichten von Menschen, wie man will. Er tut das überaus präzise, mit einem mal anthropologischen, mal psychoanalytischen Blick für die Ängste, Neurosen und Obsessionen in uns.

Haneke deckt die Widersprüchlichkeit der Realität auf, seine Filme gehen an die Schmerzgrenze, der Zuschauer ist ihnen ausgesetzt und muss sich ihnen aussetzen. Wer es tut, geht fast immer anders aus dem Kino, als er hineingekommen ist. Jean-Louis Trintignant, Hauptdarsteller des Oscar-nominierten "Amour", drückt es so aus: "Der Mann macht fürchterliche Filme. Aber er lacht dabei die ganze Zeit."

Verbatzte Taschentücher im Porno-Kino

Dem Franzosen Yves Montmayeur ist mit "Michael Haneke – Liebe zum Kino" ein beeindruckendes Künstlerporträt gelungen, das Hanekes Werk bis zu seinen Anfängen begleitet und erstaunliche Facetten eines Mannes aufzeigt, der nur ungern im Mittelpunkt steht. Haneke steht im Mittelpunkt einer weiteren sehenswerten Dokumentation, mit der das Bayerische Fernsehen auf die Oscar-Nacht vorbereitet. Montmayeur zeigt den Regisseur immer wieder am Set, wie er seine Schauspieler anleitet, intuitiv und mit einer außergewöhnlichen Mimikry ausgestattet, die selbst Bühnen-Schwergewichte wie Josef Bierbichler staunen lassen.

Seinen Schauspielern gegenüber ist er genauso schonungslos ehrlich wie dem Zuschauer. "Ich nehme die Leute ernst. Deswegen sage ich dem Publikum auch unangenehme Dinge."

Sagen ist bei ihm immer Zeigen. Das illustriert Montmayer mit profunden Ausschnitten aus Haneke-Filmen. Szenen, in denen die Erzählungen kulminieren, wo Gewalt durchbricht und die Entstelltheit des Menschen zum Vorschein kommt. Isabelle Huppert in der Rolle der sadomasochistischen Klavierspielerin, wie sie sich im Sex-Kino an den verbatzten Taschentüchern aus dem Mülleimer aufgeilt. Oder Susanne Lothar im Weißen Band, die auf unerträgliche Art von ihrem Liebhaber niedergemacht wird – eine Sequenz, die ihre schockierende Gewalt fast ausschließlich aus der Sprache bezieht.

Hanekes filmischer Existenzialismus ist der Gegenentwurf zu Hollywood: "Ich will das Vertrauen des Zuschauers in die Realität des Kinos zerstören", sagt er ungerührt. Er weiß, dass das nur bedingt massentauglich ist. Trotzdem laufen ihm die Stars nur so zu. Sie schätzen ihn vor allem dafür, dass er echt ist.

"Stardust Hollywood - Sternenstaub und Götterwelten". Samstag, 23.35 Uhr, Bayerisches Fernsehen

"Michael Haneke – Liebe zum Kino". Sonntag, 23.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen

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