22.02.13

Mordverdacht

Oscar Pistorius kommt gegen Kaution wieder frei

Das Gericht versucht nun zu klären, ob der Paralympics-Star seine Freundin absichtlich getötet hat. Seine Karriere ist bereits beendet.

Von Christian Putsch
Quelle: Reuters
22.02.13 1:39 min.
Die Familie von Oscar Pistorius freut sich, dass der Paralympics-Star gegen Kaution freikommt. In Johannesburg sind viele Menschen entsetzt und irritiert.

Als Richter Desmond Nair am Ende seiner rund zweistündigen Urteilsbegründung den Kautionsantrag bewilligte, war ein lautes "Yes" von den Plätzen zu hören, auf denen die Familie von Oscar Pistorius saß. Man hätte das mit einer Reaktion auf einen Freispruch verwechseln können, wovon natürlich keine Rede sein kann. Der Prozess gegen Pistorius, bei dem über das Maß seiner Schuld an den tödlichen Schüssen auf das Model Reeva Steenkamp entschieden wird, wird sich wohl über viele Monate hinziehen. Nicht einmal die Beweisaufnahme ist abgeschlossen.

Doch der Paralympics-Star wird vorerst auf Kaution freigelassen. Das Magistratsgericht in Pretoria gab nach einer viertägigen Anhörung dem Antrag der Verteidigung statt. Als Auflage muss Pistorius eine Million Rand (rund 85.500 Euro) in Bargeld oder Bürgschaften hinterlegen. Zudem muss er seine Pässe abgeben und sich zwei Mal wöchentlich bei der Polizei melden. Als weitere Auflage ordnete der Richter an, dass Pistorius sich weder dem Tatort – seiner Wohnung – noch Zeugen nähern dürfe. Am 4. Juni 2013 muss Pistorius erneut vor Gericht erscheinen.

Während seine Familie jubelte, zeigte der Angeklagte auf der Anklagebank keine Regung. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 26-Jährigen kaltblütigen Mord an seiner Lebensgefährtin Steenkamp vor. Pistorius gestand zwar, die tödlichen Schüsse in der Nacht vor dem Valentinstag abgefeuert zu haben, wies den Mordvorwurf aber zurück. Er gab an, nur deshalb geschossen zu haben, weil er einen Einbrecher in seiner Wohnung vermutet habe. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Steenkamp vor Pistorius geflüchtet war und sich auf der Toilette eingeschlossen hatte, wo sie dann von seinen Schüssen getroffen wurde.

Keine Fluchtgefahr

Richter Desmond Nair hatte vor der Verkündung gesagt, er sei um die Entscheidung "nicht zu beneiden". Staatsanwalt Gerrie Nel hatte den Kautionsantrag in den Zusammenhang mit einer aktuellen Debatte zum Thema "Gewalt gegen Frauen" in Südafrika gestellt. "Sogar Präsident Zuma hat in seiner Rede zur Lage der Nation betont, dass diese Debatte Priorität haben muss", sagte Nel. Vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria hatten Frauen der Regierungspartei African National Congress (ANC) zu Beginn der Anhörung Plakate mit Aufschriften wie "Pistorius muss im Gefängnis verrotten" hochgehalten – unter den Demonstranten war zwischenzeitlich auch die Ministerin für Gleichberechtigung.

Richter Nair aber musste bei seiner Entscheidung vor allem abwägen, ob Fluchtgefahr oder eine Gefahr für Dritte besteht. Er folgte letztlich der Argumentation der Verteidigung, die erklärte, Pistorius Prothesen würden es ihm unmöglich machen, das Land unerkannt über einen Flughafen zu verlassen. Zudem sei Pistorius nicht vorbestraft, es gebe nicht hinreichend Belege für aggressives Verhalten. Er hinterfragte aber auch die Darstellungen des mordverdächtigen Profisportlers. Es gebe da viele Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten, sagte er in der Begründung seiner Entscheidung. Die Verteidigung des Paralympics-Stars will eine Anklage wegen "fahrlässiger Tötung" erreichen.

Bislang unzureichende Beweise

Nair kritisierte die Ermittler auch wiederholt für ihre Versäumnisse, ausreichende Belege für ihre Theorie eines vorsätzlichen Mordes vorzulegen. Teilweise sei auch in der Kürze der Zeit verfügbares Material nicht ausgewertet worden.

Chefermittler Hilton Botha musste zugeben, dass er Telefonprotokolle nicht mit Nachdruck beantragt hatte, konnte auch die Entfernung einer Zeugin nicht angeben, die unter Eid von Schreien einer Frau kurz vor den Schüssen berichtet hatte. Die Spurensicherer übersahen zudem ein abgefeuertes Profil, zu allem Überfluss wurde am Donnerstag bekannt, dass gegen Botha ein Verfahren wegen versuchten Mordes läuft. Er wurde von dem Fall abgezogen.

Für die Staatsanwaltschaft ist die Anhörung jedoch womöglich doch nicht ein Desaster eines Ausmaßes, wie es derzeit den Anschein hat. Die Abberufung von Chefermittler Botha ist eine Blamage – wie auch die zahlreichen Ermittlungspannen. Doch wegen der Argumentation von Nel, es habe sich um "vorsätzlichen Mord" gehandelt, mussten Pistorius Rechtsanwälte nur fünf Tage nach den Schüssen auf das Model Reeva Steenkamp eine umfangreiche Darstellung über den Tathergang vorlegen. Sollten die Beweise Widersprüche in diesen Aussagen offenlegen, könnte dies Pistorius Position beim Prozess schwächen.

Das Ende seiner Karriere

Aufstieg und Absturz des beidbeinig amputierten Pistorius' haben Millionen Menschen weltweit in den Bann gezogen. Mit seinen sportlichen Leistungen auf High-Tech-Prothesen begeisterte er nicht nur die Sportwelt. Die Mordvorwürfe bringen seine steile Karriere nun vorläufig zu einem jähen Ende.

So legte der US-Konzern Nike am Donnerstag seinen Sponsorenvertrag mit dem südafrikanischen Paralympics-Star auf Eis, er hat alle Teilnahmen an Rennen abgesagt. Sein Trainer aber hat angekündigt, er gehe davon aus, dass Pistorius am Montag wieder trainiere. Das scheint angesichts des gebrochenen Zustands von Pistorius vor Gericht kaum vorstellbar. Aber so ist es mit vielen Details dieses Kriminalfalls.

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