22.02.13

Roger Mahony

Heikler Kardinal mit Stimmrecht bei der Papstwahl

Roger Mahony hat als Bischof von Los Angeles zahllose Missbrauchsfälle vertuscht. Soll er den Papst wählen dürfen? Aus Kirche und Öffentlichkeit kommen Warnungen – manche subtil, manche entsetzt.

Von Uwe Schmitt
Foto: Getty Images/Eric Thayer
Unerschütterlich: Kardinal Roger Mahony beharrt auf seiner „heiligen Pflicht“ zur Teilnahme an der Wahl. Doch selbst im Vatikan wünscht sich mancher, er würde verzichten
Unerschütterlich: Kardinal Roger Mahony beharrt auf seiner "heiligen Pflicht" zur Teilnahme an der Wahl. Doch selbst im Vatikan wünscht sich mancher, er würde verzichten

Drei der elf amerikanischen Kardinäle, die Stimmrecht bei der Papstwahl in Rom besitzen, sind ins Gerede gekommen: Zwei auf schmeichelhafte Weise als Kandidaten für die Nachfolge Benedikts, einer als Peinlichkeit. Die Namen aller drei sind eng mit dem Missbrauchsskandal verbunden, der seit seiner Aufdeckung 2002 das Ansehen der katholischen Kirche in den USA belastet und acht Diözesen in den Bankrott getrieben hat.

Kardinal Roger Mahony, von 1985 bis 2011 Erzbischof von Los Angeles, seit Januar von allen Amtspflichten entbunden, hat nachweislich über viele Jahre in mindestens 120 Fällen beschuldigte Priester geschützt. Selbst aus dem Vatikan ist von Unbehagen zu hören.

Mahony wird am 23. Februar unter Eid zu dem Fall Nicolas Aguilar Rivera aussagen. Der mexikanische Priester soll während eines Besuchs 1987 in Los Angeles 26 Kinder missbraucht haben; er entkam nach Mexiko. Der Nachfolger Mahonys als Erzbischof der Stadt, José Gomez, beklagte nach der Veröffentlichung von 14.000 Seiten interner Kirchendokumente das "schrecklich traurige, böse Verhalten" von Priestern und rügte Mahony. Doch zuletzt verteidigte Gomez das Stimmrecht des Kardinals, das nur vom Papst selbst entzogen werden kann.

Namen von kriminellen Priestern veröffentlicht

Der Missbrauchsskandal in den USA berührt ebenfalls, wenngleich eher positiv, zwei als Favoriten für die Papstnachfolge gehandelte Kardinäle: Timothy Dolan (63), Erzbischof von New York und Präsident der US-Bischofskonferenz, hat vor zwei Jahren die Namen von kriminellen Priestern veröffentlichen lassen und geriet deshalb in Kritik.

Dolan wurde am Mittwoch dieser Woche unter Eid zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Milwaukee vernommen, das er von 2002 bis 2009 leitete. Es geht um Beschuldigungen von nahezu 500 Gemeindemitgliedern. Die Diözene Milwaukee begab sich in Gläubiger-Schutz, um Schmerzensgeld an Opfer zahlen und ihre Geschäfte weiterführen zu können. Ein Anwalt der Erzdiözese, Frank LoCoco, bestätigte, dass Dolan seinen Umgang mit den Priestern so erklärt habe: "Die Namen wurden preisgegeben, damit Menschen ihre Erlebnisse mitteilen konnten und ein Heilungsprozess beginnen konnte."

Noch vor Nolan wird in Rom angeblich der Name des Erzbischofs von Boston Sean Patrick O'Malley genannt. Der Kardinal übernahm den schwersten Krisenfall der amerikanischen Katholiken: In Boston tat sich 2002 ein Abgrund von Missbrauch und Verrat an Kindern auf, der seither überall in den USA Gemeinden erschüttert und Kirchenaustritte angestoßen hat.

Zum Rücktritt in Schande gezwungen

Der Bostoner Kardinal Bernhard Law wurde zum Rücktritt in Schande gezwungen; doch das nahm ihm nicht sein Stimmrecht im Konklave von 2005. Law ist der Präzedenzfall, auf den Roger Mahony verweisen kann. Er denkt nicht an Verzicht. Auf seinem privaten Blog notiert er: "Ich freue mich darauf, bald nach Rom zu reisen, um Papst Benedikt XVI. für seinen beseelten Dienst zu danken und mich an der Wahl seines Nachfolgers zu beteiligen."

Es vergeht seit Aufdeckung von Mahonys über Jahre betriebener Vertuschung sexuellen Missbrauchs kein Tag ohne eine Abstimmung über ihn in den sozialen Medien. Einmal meldet sich die frühere Nonne Mary Dispenza zu Wort, die ihrer "Trauer" über Mahonys Starrsinn und das Kirchenrecht kundtut. Die Nonne erhielt 2006 eine Entschädigung der Erzdiözese Los Angeles wegen sexueller Belästigung durch einen Priester in den 40er-Jahren.

Manuel Vega, der als Messdiener missbraucht wurde, klagte in der "Washington Post", der Kardinal habe sich "die Hände schmutzig gemacht" und fragt: "Wie kann er wählen dürfen?" Das Blatt selbst befand, Mahony könne von Glück reden, nicht im Gefängnis zu sitzen. Die unbeschadete Prominenz des belasteten Kardinals belege "die Kultur der Straffreiheit in der katholischen Kirche ein Jahrzehnt, nachdem ihre Duldung und Komplizenschaft beim Missbrauch von Kindern öffentlich wurde".

Mahonys sei nicht der einzige Sünder

Es gibt auch Verteidiger Mahonys: Er sei nicht der einzige Sünder und die Erzdiözese Los Angeles nicht allein in ihrer Schuld. Zudem habe er sich entschuldigt. Am Freitag ließ der Heilige Stuhl eine Stellungnahme zu dem Fall vortragen, die Mahonys Teilnahme aus Sicht des Kirchenrechts verteidigt: Dieses schütze ausdrücklich die Freiheit der Papstwähler gegen "alle möglichen Einmischungen, Widerstände und Wünsche durch weltliche Autoritäten", sagte der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten, Bischof Juan Ignacio Arrieta.

Jeder papstwahlberechtigte Kardinal sei auch verpflichtet, zum Konklave anzureisen. Ein Purpurträger unter 80, der etwa aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Haft nicht nach Rom kommen könne, verliere deswegen nicht sein Recht auf die Teilnahme; dies gelte selbst im Fall einer nicht öffentlichen Exkommunikation. Letztere Hinweise kann man aber auch so verstehen, dass ein Kardinal darauf verzichten kann, sein Recht auszuüben, ohne dass er es dadurch verlöre.

Mit einer ähnlich subtilen Botschaft ließ sich Kardinal Velasio Paolis zitieren. Mahony habe "das Recht und die Pflicht", an der Wahl teilzunehmen. Am Ende sei es aber eine Gewissensentscheidung des Kardinals. Und Bischof Gianfranco Girotti erklärte Italiens Presseagentur Ansa: "Wenn seine Anwesenheit zu Schwierigkeiten oder Peinlichkeiten führt, wäre es, glaube ich, ratsam zu verzichten." Mahony beharrt auf seiner "heiligen Pflicht".

Sex, Geld, Religion, Intrige, Verschwörung

Gewöhnlich werden in den US-Medien höchst selten italienische Zeitungen zitiert. In den Zeiten des Kaffeesatzlesens seit Benedikts Rücktritt ist das anders. Mit einem Mal erfährt der geneigte amerikanische Leser, dass laut "La Repubblica" der mächtige Kardinal Tacisio Bertone für Timothy Dolan lobbyiere. Und Bertone zähle zu den einflussreichsten Kardinälen.

Es war unseligerweise der Missbrauchs-Serienskandal, der die US-Katholiken und ihre Erzbischöfe zu einer erstrangigen News-Story beförderte. Die Enthüllungen haben alles, was der 24-Stunden-Kabelsender-Betrieb liebt: Sex, Geld, Religion, Intrige, Verschwörung und die fremde Macht des Vatikan. Dass die US-Bischöfe auch eine segensreiche Rolle spielen, etwa durch ihre Eintreten für strengere Waffengesetze, gerät in den Hintergrund.

Wer könnte die Nachfolge Benedikts antreten? Die "Welt" porträtiert fortlaufend die wichtigsten Kandidaten:

Péter Erdő – Ein Petrus am Horizont der Geschichte

Gianfranco Ravasi – Ein italienischer Kunstkenner – der nächste Papst?

Peter Turkson – Ein Ex-Putzmann könnte erster schwarzer Papst werden

Kanadischer Kardinal Marc Ouellet – Ein Ratzingerianer erster nicht europäischer Papst?

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