22.02.13

RTL-Kuppelshow

Die perfide Formel des "Bachelor"-Erfolgs

Ein Traummann zum Selberbasteln – es gibt ihn angeblich im "Bachelor". Doch warum folgt kein Aufschrei der Empörung wegen der RTL-Show? Schließlich gelten ähnliche Regeln wie auf dem Straßenstrich.

Foto: RTL

Für die letzte Etappe seiner Suche baut „Bachelor“ Jan auf besondere Unterstützung: Er hat seine Eltern Helga und Heinz nach Kapstadt eingeladen, um ihnen seine Favoritinnen Mona und Alissa vorzustellen.

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Es soll ja Zuschauer(innen) geben, die glauben, der "Bachelor" (RTL) sei tatsächlich Single. Ein alleinstehender Mann aus Fleisch und Blut, der unter 25 von RTL gecasteten "Bikini-Babes" tatsächlich die Frau fürs Lebens suche.

Nun, spätestens nach dem Finale der gerade zu Ende gegangenen dritten Staffel, als aufflog, dass der Bachelor den Namen seiner angeblichen Herzdame schon wieder aus seinem Handy-Speicher gelöscht hatte, noch bevor RTL die Tickets für den geplanten Urlaub buchen konnte, ist es an der Zeit, einmal grundsätzlich mit einem Ammenmärchen aufzuräumen.

Liebe Frauen, dieser Mann, der sich Jan nennt, aber im richtigen Leben möglicherweise ganz anders heißt und unter chronischem Mundgeruch leidet, kommt auf dem Plasmabildschirm als heißer Knecht herüber, keine Frage.

Und wir können es nachvollziehen, dass Ihr schon deshalb keine Folge dieser Staffel verpasst habt, weil frau in den RTL-Kuppelshows wie "Schwiegertochter gesucht " oder "Bauer sucht Frau" sonst nur alle hundert Jahre auf einen Mann trifft, der bis drei zählen kann, einer Frau unaufgefordert in den Mantel hilft und auf den ersten Blick so yummie-yummie wirkt, dass Ihr über seinem Anblick völlig vergesst, Euch die Kugel zu geben (Ferrero-Rocher).

Aber macht Euch bitte nichts vor: Fernsehen ist Fernsehen. Und Männer, die Frauen mit Rosen ködern, um sie nach Drehschluss mit einem Korb abzuspeisen, solche Männer gibt es wirklich nur bei RTL.

Wie "Bauer sucht Frau", aber keimfrei

Kurioserweise erklärt genau das, warum der "Bachelor" in der dritten Staffel fast so traumhafte Quoten erzielte wie die Simulation der keimfreieren Partneranbahnung im Schweinestall, besser bekannt als "Bauer sucht Frau".

RTL wiegt die Zuschauerinnen zwar in der IIlusion, es handele sich um eine Dokumentation über Single-Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein Ritter soll am Ende wenigstens eine von ihnen von ihrer Torschlusspanik befreien.

Doch schon die traumhaften Kulissen von Mauritius bis zum Matterhorn lassen keinen Zweifel daran: Natürlich muss es ein filmreifes Happy End geben, und schon deshalb ist ein Drehbuch unerlässlich.

Der "Bachelor" ist eine Seifenoper, an der nichts echt ist außer den Tränen von "Mona", jener dunkelhaarigen Fitness-Trainerin aus der Schweiz, die sich offenbar tatsächlich in den Jan-Darsteller verguckt hatte und dann umso schockierter reagierte, als sie der Beau im Finale für eine jüngere Brünette ohne Hirn, aber mit Plastikbrüsten abservierte.

Liebe, Hass, Eifersucht

Das liegt in der Natur der Kuppel-Soap. RTL ist immer noch ein privater Fernsehsender, keine Partnervermittlung. Seine Währung, das sind Emotionen. Liebe, Hass, Eifersucht.

Die Sehnsucht nach einem Mann, der dabei herauskommen würde, wenn Frauenmagazine ihren Leserinnen verraten würden, wie sie sich ihn denn selber basteln können, den Typ ihrer Träume. Ein Mann wie aus der Camel-Werbung, bloß nikotinfrei. Selbstbewusst, aber sensibel. Ein Gentleman, aber kein Weichei.

Diese Sehnsucht ist ebenso universell wie zeitlos. Angeblich soll sie phasenweise auch in einem Land auftreten, das von einer Frau in sehr knappen Sakkos regiert wird und wo Feministen beiderlei Geschlechts millimetergenau ausloten, wo das Kompliment aufhört und die Anmache anfängt.

Anders ist nicht zu erklären, dass kein Aufschrei der Empörung erklingt, wenn RTL zur besten Sendezeit im "Bachelor" einen Wettbewerb inszeniert, der nach ähnlichen Regeln wie der Straßenstrich funktioniert.

"Verhandelt wird die Frage: Was macht attraktives Frausein aus?", sagt die Münchener Medienwissenschaftlerin Maya Götz, die Geschlechterrollen in Castingshows analysiert . Auch hierzulande definiere sich das Gros der Frauen in erster Linie über ihre Optik und die Anziehungskraft auf das andere Geschlecht, folgert Götz aus dem Erfolg des "Bachelors". Fünf Millionen Zuschauer verfolgten das Finale – überwiegend: Frauen.

Keine XXL-Wuchtbrummen

Die Kandidatinnen funktionieren als Rollenvorbilder. "Es ist wie mit der Fernsehserie 'Sex and the City'", sagt Maya Götz. Man könne sich mit den Frauen identifizieren oder sich über sie lustig machen. Aber man müsse sich mit ihnen messen.

Weil sie der Sender nach einer raffinierten Typologie gecastet habe – symmetrische Gesichter, keine XXL-Wuchtbrummen und null Hakennasen, nirgends – finde jede Zuschauerin ihr Pendant.

Was für ein perfider Plan, liebes RTL. Vermutlich habt Ihr mit dem "Bachelor" die Formel erfunden, um auch solche Frauen vor den Bildschirm zu fesseln, die Rosenverkäufern grundsätzlich misstrauen und die sich schon ohne fremde Hilfe die Schnürsenkel zubinden können. Wer fragt da noch, ob Jan in Wirklichkeit Horst-Dieter heißt und sich gelegentlich die Zähne putzt. Nur die Sehnsucht zählt.

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